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Irak: Die fröhlichen Folterer

Die Bilder folternder US-Soldaten wecken bei den Irakern Erinnerungen an die Brutalität des Regimes, von der die USA sie eigentlich befreien wollten. Selbst die ärgsten Vorurteile scheinen sich zu bestätigen

Wir haben zu früh aufgegeben. Fast fünf Monate lang verfolgten wir das Schicksal von Mohsen Hussein, Gefangenennummer 152336, der in der Nacht zum 30. November 2003 verschleppt worden war von der Task Force 121. Die sollte eigentlich Saddam finden, hatte aber bei ihrer Jagd auch Mohsen Hussein mitgenommen - der nach dem Krieg zufällig neben ein Haus gezogen war, in dem Saddam sich kurz versteckt hatte.

Seither war Mohsen Hussein verschwunden. Seiner Frau hatte das Kommando nur einen Zettel mit einer Telefonnummer in den USA hinterlassen. Alles, was über ihn in Erfahrung zu bringen war: dass er in Abu Ghreib saß, Iraks größtem Gefängnis am westlichen Stadtrand von Bagdad, wo mehr als 8000 Häftlinge in völlig überfüllten Zellen zusammengepfercht sind und das für Journalisten so unzugänglich ist wie zu Saddams Zeiten. Und dass Mohsen Hussein "Sicherheitshäftling" sei, ohne Anklage, ohne Rechte. Alle unsere Anfragen bei der Militärverwaltung blieben unbeantwortet, eine irakische Anwältin gab nach Monaten auf, und ein Versuch, in Abu Ghreib direkt nachzufragen, endete vor den Gewehrläufen der US-Militärpolizei.

"Er schämt sich"

Mitte April wurde Mohsen Hussein plötzlich freigelassen. Er saß in seiner ärmlichen Hütte und sagte kaum ein Wort. Nach den ersten drei Tagen sei er nicht mehr verhört, aber furchtbar behandelt worden. Er habe unterschreiben müssen, Stillschweigen zu bewahren. Sonst werde er sofort wieder verhaftet. Er flüsterte seinem Bruder etwas ins Ohr. "Er schämt sich", sagte der Bruder, "er kann euch nicht erzählen, was dort geschieht."

Doch selbst wenn er es getan hätte: Wie das Unglaubliche beweisen? Zu viele Gerüchte, erfundene Geschichten, Übertreibungen kursieren im Irak, von amerikanischen Massakern, von Vergewaltigungen, Folterungen, von reihenweise abgeschossenen Hubschraubern und Dutzenden gefangenen US-Soldaten - für zu weniges gab es überzeugende Beweise. Bis jetzt.

Bis der Sender CBS am Mittwoch vergangener Woche in seiner Nachrichtensendung "60 Minutes II" eine Bilderschau der sadistischen Exzesse und Demütigungen zeigte, die alles überbot, was freigelassene Iraker bislang preiszugeben bereit waren; die wirkte, als seien die USA nicht angetreten als Befreier der Iraker, sondern zum Schichtwechsel der Peiniger.

Vergangenes Wochenende dann zitierte das Magazin "The New Yorker" minutiös Details aus dem 53-seitigen Untersuchungsbericht der Armee. Demnach haben amerikanische Militärpolizisten und angeheuerte "Verhörspezialisten" unter Befehl des US-Militärgeheimdienstes irakische Gefangene in Abu Ghreib über Monate, seit Oktober 2003, systematisch gefoltert.

Nackt bis auf einen Sack über dem Kopf

Es geschah in Block 1A, isoliert von den Massenquartieren, in denen mehr als die Hälfte der Häftlinge sitzen. In Block 1A regiert der US-Militärgeheimdienst, hier werden Gefangene zum Sprechen gebracht. Wie, das zeigen die Bilder: Da steht Soldatin Lynndie England, eine Zigarette im Mundwinkel, und reckt lächelnd den Daumen, während sie auf einen Iraker zeigt, der nackt ist bis auf einen Sack über dem Kopf und vor ihren Augen masturbieren muss - dieselbe Lynndie England, auf die sie in ihrem Heimatort Fort Ashby in West Virginia so stolz sind, deren Foto an der "Wall of Honor" des nächstgelegenen Wal-Mart-Supermarktes hängt.

Auf einem Foto aus Bagdad steht sie Arm in Arm mit ihrem Kameraden Charles A. Graner vor einer Pyramide aus sieben nackten Irakern. Ein anderer nackter Iraker steht vor einem knienden, gleichfalls nackten Häftling und posiert, als hätten sie Oralverkehr. Auf einer Kiste steht ein nackter Iraker mit Sack über dem Kopf und Elektroden an Händen und Penis. Dem Mann wurden Stromstöße angedroht, sobald er von der Kiste falle. Und immer wieder lächelnde Soldaten von der 372. Kompanie der Militärpolizei vor nackten Häftlingen, denen sie nach Aussagen im Untersuchungsbericht Besenstiele und Leuchtstäbe in den After schoben, die sie mit einer phosphorhaltigen Flüssigkeit übergossen und gegen Heizkörper schleuderten, auf die sie Hunde hetzten. Auch zwei Tote sind auf den Bildern zu sehen: das zerschlagene Gesicht des Gefangenen Nr. 153399 und der Körper eines anderen, eingepackt in Zellophan und auf Eis gelegt.

Es war die Courage eines Einzelnen, des Soldaten Joseph M. Darby, der bereits im Januar 2004 eine geheime Untersuchung ins Rollen brachte. Bei Anhörungen gaben die Soldaten der 372. Kompanie freimütig Details der Horrorsitzungen preis, als seien sie Routine. Zeuge Matthew Wisdom schilderte, was Häftlingen nach ihrer Einlieferung in A1 geschah: "Ich sah, wie Staff Sergeant (Feldwebel) ,Chip" Ivan Frederick zu mir kam und auf zwei nackte Gefangene in der Isolierzelle zeigt, von denen einer gerade in den Mund des anderen masturbierte. "Schau dir an, was diese Tiere tun, wenn man sie für zwei Sekunden allein lässt", sagte er, und ich hörte, wie Specialist England rief: "Er kriegt einen Steifen!""

Soldaten beschreiben das System der Folterungen

Gegen Frederick und fünf andere Militärpolizisten wird Anklage vor einem Militärgericht erhoben. Lynndie England durfte auf ihren Standort in den USA zurückkehren, weil sie schwanger ist. Und während US-Präsident George W. Bush den Chor anführt, dass dies bedauernswerte Einzelfälle "einer Hand voll Soldaten" gewesen seien, haben die Angeklagten bereits vor Wochen minutiös das Gegenteil zu Protokoll gegeben. In Briefen an seine Familie beschrieb Frederick das System der Folterungen: "Ich habe ein paarmal gefragt, ob das richtig sei, Gefangene nackt oder in Frauenunterwäsche in ihre Zellen zu sperren oder an die Tür zu ketten - und als Antwort hieß es, der Militärgeheimdienst wolle es so. Die haben uns befohlen, Gefangene ohne Toilette, Wasser und Kleidung für Tage in Zellen ohne Fenster oder Ventilator zu sperren."

Die Reservisten von der 372. Militärpolizei-Kompanie, die im April 2003 in den Irak gekommen waren, um Verkehrskontrollen und normale Polizeidienste vorzunehmen, und im Oktober plötzlich die Gefängnisse zu beaufsichtigen hatten, wurden planmäßig dazu eingesetzt, den Willen der Gefangenen zu brechen: sei es mit Schlägen, Scheinhinrichtungen, Schlafentzug oder Elektroden an den Genitalien. Danach begannen die Verhöre der CIA-Agenten oder Militärgeheimdienstler. Für die Vorbereitung der Häftlinge gab es, so der Beschuldigte Javal Davis als Zeuge, dann Lob von den Geheimdienstlern: "Gut gemacht! Die brechen jetzt wirklich schnell zusammen und beantworten alle Fragen!"

Um die Militärpolizisten zu Monstern werden zu lassen, bedurfte es keiner Befehle. Lob und Anregungen genügten. Soldat Jason Kennel, ein anderer Zeuge im Verfahren, war der Beteiligung an den Folterungen schlicht dadurch entgangen, dass er um eine schriftliche Anweisung gebeten hatte. Die gab es nicht. Und die brauchten Frederick und die anderen Beschuldigten auch nicht. Sie halfen gern.

Nicht über die Feinheiten der Genfer Konvention unterrichtet

Die Soldaten, heißt es nun aus Washington, seien halt nicht über die Feinheiten der Genfer Konvention unterrichtet worden, die den Umgang mit Gefangenen regelt. Als wäre es nicht auch ohne Lektionen in Kriegsrecht naheliegend, dass man Gefangene nicht schlagen oder tiefsten Demütigungen aussetzen darf - die fröhlichen Folterer waren überhaupt nicht auf ihren Einsatz vorbereitet worden, weder vor noch während ihrer Mission. Es war nicht einmal klar, wessen Kommando die Gefangenen unterstehen: dem der Gefängnisverwaltung? Oder jenem der Verhörexperten vom Militärgeheimdienst, die obendrein noch private "Spezialisten" der US-Söldnerfirma Caci angeheuert hatten? Von denen sollen sich zwei an den Folterungen beteiligt haben.

Niemand kontrollierte, was in Block A1 geschah. General Janis Karpinski, der bis vor wenigen Wochen alle Gefängnisse im Irak unterstanden, äußerte sich "zutiefst schockiert", als sie bereits im Januar die Bilder von den Misshandlungen sah. Nichts habe sie davon gewusst, beteuerte die ranghöchste Offizierin im Irak. Einen Monat zuvor hatte sie im Interview davon geschwärmt, dass "die Lebensbedingungen der Häftlinge im Gefängnis besser sind als bei ihnen zu Hause. Wir haben uns schon Sorgen gemacht, dass sie hier gar nicht mehr wegwollen."

Sagenhafte Zustände. Nur hat Janis Karpinski sie kaum je selbst in Augenschein genommen. Schon gar nicht in Block A1, denn darum hatte sie der Militärgeheimdienst gebeten: Es könnte "störend" sein für die Verhöre, wenn sie dort auftauche. US-Generalmajor Antonio Taguba notierte, nachdem er Karpinski über Stunden verhört hatte: "Besonders irritierend war ihre völlige Unfähigkeit oder ihr Unwillen zu verstehen, dass viele der Probleme aus ihrer Unfähigkeit rührten, wenigstens elementare Standards unter ihren Soldaten durchzusetzen." Karpinski, die nach Hause geschickt und nicht unter Anklage gestellt worden ist, hat sich nun ihrerseits in Interviews beklagt, zum Sündenbock gemacht zu werden: Schuld sei doch der Militärgeheimdienst.

Das Image der zivilisierten Briten ist zerstört

Die Vergehen der Militärpolizisten und das Versagen ihrer Vorgesetzten Janis Karpinski waren kaum bekannt geworden, da erschienen in London ähnliche Fotos von Soldaten des Queen's Lancashire Regiment. Auch diese haben allem Anschein nach Gefangene bedroht und misshandelt. Zerstört war damit auf einmal das Image der zivilisierten Briten, die Irakern anders als ihre amerikanischen Kollegen angeblich stets mit Respekt begegneten. Die Bilder hatte ein Soldat der Einheit dem "Daily Mirror" vor zwei Wochen übergeben. Sie zeigen ein Soldaten, der auf einen halb nackten Mann uriniert; andere, die einen Mann mit Füßen treten oder so tun, als würden sie einen Gewehrkolben in die Genitalien eines Häftlings rammen.

Zwar sind in Großbritannien schnell Zweifel daran aufgetaucht, dass die angeblich unter der Plane eines Militärlastwagens aufgenommenen Fotos echt und im Irak entstanden sind. Doch schon seit längerem stehen die Briten in Verdacht, auch mit ihren Gefangenen brutal umzugehen. So starben binnen eines Jahres mindestens sieben Häftlinge im Gewahrsam britischer Soldaten. Das Verteidigungsministerium in London ermittelt seit Monaten, zeigt aber offenbar kein großes Interesse, die Verdächtigen anzuklagen.

Während die westliche Welt entsetzt und überrascht ist, haben die Enthüllungen im Irak und in den islamischen Ländern ein noch gefährlicheres Echo: Nun gilt alles als authentisch, was an abstoßenden Geschichten vor allem über die Amerikaner kursiert. Seit Tagen laufen die Bilder der Misshandlungen wie eine Endlosschleife auf allen TV-Kanälen. Von Marokko bis Indonesien sagen Passanten, Politiker, Prediger das Gleiche: Amerika habe sein wahres Gesicht gezeigt. Abu Dhabi TV traf die Stimmung, als es die Folterbilder immer wieder ohne Ton ausstrahlte, ein Stummfilm, in den hinein regelmäßig eine Stimme aus dem Off ertönte: "Wir widmen diese Sendung jenen, die noch immer nicht glauben wollen, worum es im Irak tatsächlich geht." Wer wollte jetzt noch in der islamischen Welt wagen anzuzweifeln, was seit Monaten dort kursiert: dass all die Selbstmordattentate mit annähernd 1000 Toten in Wirklichkeit ferngelenkte US-Raketen waren; dass die Amerikaner einmarschiert sind, um Iraker für Menschenversuche benutzen zu können; dass US-Soldaten Irakerinnen vergewaltigen.

Verwarnungen durch die US-Behörden

Zeitungen wie das irakische Boulevardblatt "asch-Schahid" beklagen sich im Leitartikel über Verwarnungen durch die US-Behörden und schreiben drei Seiten weiter über den Einsatz taktischer Nuklearwaffen durch die Amerikaner bei der Eroberung Bagdads. Seit Monaten kursiert im Internet eine Fotoserie angeblicher Vergewaltigungen irakischer Frauen durch GIs - belegt mit Bildern, die eher einer Lowbudget-Pornoproduktion entsprungen scheinen, Männer arabischen Aussehens mit Militärjacken, die keine US-Uniformen sind, beim Sex in verschiedenen Varianten mit Frauen, die bereitwillig assistieren.

Seit vergangener Woche gilt alles als wahr, was je behauptet wurde. Und jedes Dementi der Amerikaner macht es umso glaubwürdiger. "Du hast es ja nie schreiben wollen", grollt eine irakische Journalistin, "aber wie hätten wir es beweisen sollen?" Es gibt eine ganze Reihe von Aussagen ehemaliger irakischer Häftlinge gegenüber dem stern, die zwar nicht zu belegen, aber nun glaubwürdiger sind: wie sie in einem Gefängnis bei Ramadi im Winter gezwungen worden seien, auf allen vieren im Schlamm zu kriechen, kleine Steine aufzuklauben, und getreten wurden, wenn noch ein Kiesel im Schlamm lag; wie man sie in Abu Ghreib bis zur Besinnungslosigkeit geschlagen habe; dass der ebenfalls festgenommene Bruder jenes Informanten, der Saddam Husseins Versteck verriet, beim Verhör in Abu Ghreib ums Leben gekommen sei; dass ehemalige Geheimdienstler aus Saddams Diensten nicht nur zum Spionieren wieder eingestellt worden seien, sondern auch zum Verhören und Foltern von Gefangenen.

Doch keiner mochte seinen Namen nennen, aus Angst, abermals verhaftet zu werden. Es gab keine Narben, keine Brandmale, niemand erinnerte die Namen seiner Peiniger. Und: Es gab keine Bilder.

"Das Schlimmste, was es überhaupt gibt"

Jetzt gibt es sie, und es gehört zur grotesken Ironie dieses Krieges, dass es Souvenirfotos der Täter sind, gebrannt auf CD und verteilt an Kameraden, die Amerika ins Desaster gestürzt haben. "Das ist das Ende", prophezeite Abdelbari Atwan, Chefredakteur der in London erscheinenden Zeitung "al-Quds al-arabi": "Diese Bilder werden den Amerikanern das Genick brechen." Bilder von sexueller Misshandlung seien in der islamischen Welt "das Schlimmste, was es überhaupt gibt".

Christoph Reuter / print