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Irak-Geiseln: Morddrohung per Videobotschaft

Die Islamistengruppe, die im Irak zwei deutsche Geiseln verschleppt hat, droht nun per Videobotschaft mit deren Ermordung - falls die Bundeswehr nicht innerhalb von zehn Tagen aus Afghanistan abzieht. Die weibliche Geisel bat Bundeskanzlerin Merkel unter Tränen um Hilfe.

Die Szenerie ist altbekannt: Ausländer, die im Irak verschleppt werden, sitzen in demütiger Haltung auf dem Boden - hinter ihnen stehen bewaffnete Männer, die Gesichter verhüllt, in drohender Pose. Doch das Video, das die Entführer der beiden Deutschen an diesem Samstag veröffentlichen, ist nicht nur als schockierende Botschaft an die Bundesregierung inszeniert, die Angst machen soll. Es ist herzzerreißend. "Lassen Sie uns nicht hier sitzen, wir sind doch auch Deutsche", fleht Hannelore K. (61). Auf ihrem grau-blonden Haar trägt sie ein Kopftuch. Sie weint und spricht mit hoher, dünner Stimme.

Tränen einer deutschen Mutter

Neben ihr kauert, mit gesenktem Blick, ihr Sohn. Der junge Mann mit dem schwarzen Bart hält die Hand der Mutter ganz fest. Als Hannelore K. sagt, "mein Sohn ist erst seit zwei Monaten verheiratet, seine Frau ist vielleicht schon in anderen Umständen", kann auch er die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Die Frau und ihr Sohn waren am 6. Februar in Bagdad verschleppt worden. Beide sollen seit Jahrzehnten im Irak leben. Die Entführer drohen in der Videobotschaft mit der Ermordung ihrer Geiseln, falls die Bundeswehr nicht innerhalb von zehn Tagen aus Afghanistan abzieht. Erst am Freitag hatte der Bundestag eine Entsendung von Aufklärungs-Tornados nach Afghanistan und damit eine Ausweitung des Engagements der Bundeswehr in dem Land beschlossen.

Aus der Wortwahl der Geisel lässt sich klar erkennen, dass die Entführer der Frau, die mit einem Iraker verheiratet ist und schon seit Jahrzehnten in Bagdad lebt, vorgeschrieben haben, was sie sagen soll. "Ich habe mich damals so gefreut, als Sie Kanzlerin wurden, aber Sie haben mir bisher gar nicht geholfen", sagt sie an die Adresse von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Hannelore K. fleht: "Gehen Sie auf die Forderungen ein - irgendwie."

Professionelles Video

Die Entführer-Gruppe, die sich "Brigaden der Pfeile der Rechtschaffenheit" nennt, ist bisher noch nicht in Erscheinung getreten. Ihr achtminütiges Video haben die Geiselnehmer aber sehr professionell aufgenommen. Es beginnt mit einer Koranrezitation, darauf folgen Aufnahmen des Reisepasses von Hannelore K., die so gestochen scharf sind, dass man ohne Mühe die Passnummer lesen kann.

Unterlegt sind die Bilder mit Geräuschen, die an Schüsse erinnern. Dann ist der Appell der Geisel zu hören, der gleichzeitig schriftlich in arabischer Übersetzung widergegeben wird. Anschließend verliest einer der Entführer mit kalter Stimme die Forderung der Gruppe an die Regierung der "deutschen Tyrannen".

Ultimatum nur Druckmittel für höheren Lösegeld?

"Der Gläubige ist der Bruder des Gläubigen", sagt er, um zu erklären, weshalb sie Deutsche entführt haben, obwohl sich die Bundesrepublik nicht an der amerikanisch-britischen Invasion im Jahr 2003 im Irak beteiligt hatte. Seine Gruppe wolle mit der Geiselnahme den Abzug der Bundeswehrsoldaten aus dem islamischen Afghanistan erzwingen, sagt er. Fast wirkt es, als fände er seine eigenen Argumente nicht wirklich überzeugend. Die Theorie, die Kidnapper wollten mit ihrer politischen Forderung nur Druck machen, um später möglicherweise mehr Lösegeld zu kassieren, sollte man daher nach Einschätzung von Beobachtern in der Region nicht völlig vernachlässigen.

Die beiden Deutschen werden seit dem 6. Februar in Bagdad vermisst. Nach Medienberichten handelt es sich bei den Entführten um die 61-jährige deutsche Ehefrau eines irakischen Arztes und deren 20-jährigen Sohn, der als Techniker für das Außenministerium in Bagdad arbeiten soll. Die Entführer sollen sich in mehreren Telefonaten an Angehörige in Deutschland gewandt haben, um ihnen ein Lebenszeichen der beiden Geiseln zu übermitteln. Vom Auswärtigen Amt wurde dies nie offiziell bestätigt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier räumte seinerzeit allerdings ein, dass eine gewaltsame Geiselnahme nicht ausgeschlossen werde.

Afghanistan-Einsatz könnte noch Jahre dauern

Selbstverständlich wird die Bundesregierung, nach Einschätzung des CDU- Außenpolitikers Eckart von Klaeden, alles in ihrer Macht Stehende für die Freilassung der beiden entführten Deutschen im Irak unternehmen. "Ich gehe davon aus, dass die Bundesregierung alles tut, um die Geiseln frei zu bekommen", sagte der außenpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion am Samstag in Berlin. Er betonte allerdings auch: "Die Bundesregierung ist nicht erpressbar." Der CDU-Außenpolitiker riet zu Zurückhaltung, um die Frau und ihren Sohn nicht zu gefährden. "Öffentliche Spekulationen sollten im Interesse der Geiseln unterbleiben", sagte von Klaeden. Die Bundesregierung wollte sich nicht zur Forderung der Entführer äußern. Das Auswärtige Amt verwies auf die Arbeit des Krisenstabes.

Die Bundeswehr wird nach Ansicht von Klaedens noch mindestens ein Jahrzehnt in Afghanistan bleiben. "Klar ist, dass es ein lang andauernder Einsatz ist, dessen Ende heute nicht absehbar ist", sagte er. "Ich rechne damit, dass es mindestens ein Jahrzehnt dauert." Die Lage im umkämpften Süden Afghanistans könne militärisch nicht stabilisiert werden. "Es geht vor allem um Infrastruktur - Straßenbau, Elektrizität und Wasserversorgung", sagte er. Auch SPD-Fraktionschef Peter Struck geht in der "Bild am Sonntag" davon aus, dass der Einsatz noch ein Jahrzehnt dauern kann.

AP/Reuters/DPA / AP / DPA / Reuters