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Irak-Krieg: Papas Buddies sollen's richten

US-Präsident Bush hat Angst um sein politisches Erbe. Nun sollen Freunde seines Vaters helfen, einen diplomatischen Ausweg aus dem Irak-Desaster zu finden. Doch sie müssen den Präsidenten überzeugen - denn der setzt immer noch auf Sieg im Irak.

Von Katja Gloger, Washington

Als ob es der Allmächtige, den er so oft anruft, an diesem freundlichen Nachmittag noch einmal gut meint mit ihm. Knallblau liegt der Himmel über Virginia, ein leichter Wind geht, Sternenbanner wehen, seit Stunden warten 3000 Gäste auf den Oberkommandierenden, der an diesem sonnigen Tag hier in Quantico das Nationale Museum der US-Marines einweihen wird. Auch Debra und Dan Dunham aus Scio im Bundesstaat New York sind gekommen, sie bekommen Sitzplätze ganz vorn zugeteilt, als Ehrengäste.

Viele große Worte fallen an diesem Nachmittag. Worte, die das beschreiben, was größer sein soll als ein Leben. Hingabe. Opfer. Leidensfähigkeit. Stolz. Ehre. Worte, ganz nach dem Geschmack von Präsident Bush. Denn er lebt ja längst für die Geschichte.

Das Land erwachte aus der Angststarre

Bush schreitet zum Podium. Seine Stimme ist heiserer, sein Lächeln schmallippiger als sonst, gerade hat er eine der größten Niederlagen seines politischen Lebens kassiert. Er spricht von Amerika, der Demokratie im Krieg. Dann erzählt George W. Bush auch von Corporal Jason Dunham, einem jungen Marine aus der kleinen Stadt Scio. Er starb im April 2004, als er sich im Irak über eine Granate warf, um seine Kameraden zu schützen. Nun verleiht ihm der Präsident posthum die Ehrenmedaille, die höchste Auszeichnung der US-Armee. Jason Dunham wurde 22 Jahre alt.

Unterdessen fressen sich die düsteren Nachrichten aus dem Irak immer tiefer in das Gedächtnis des Volkes. Immer mehr Tote, Massen-Kidnappings. US-Generale haben inzwischen auch eine bunte Grafik erstellt, einen Index des Krieges, sie ähnelt einem Fieberthermometer. Ganz links, grün, steht "Frieden". Ganz rechts, blutrot, "Chaos". Ein kleiner Pfeil markiert die momentane Lage. Der Pfeil steht auf blutrot. Es ist das Eingeständnis: dieser Krieg ist verloren.

Aber nicht für George W. Bush. Er setzt unbeirrt auf Sieg. Er hat keine Alternative. Er hatte nie eine. Trotzig hatte er die Kongresswahl zu einem Referendum über sich und seinen Krieg erklärt. Und er glaubte, sein Land werde ihm auf seinem Kreuzzug der Angst noch einmal folgen. Doch dieses Land wehrte sich. Am 7. November sagte es zum ersten Mal mehrheitlich "Nein." Amerika erwacht aus der Angststarre des 11. September.

Befreiungsschlag am Tag danach

Jetzt, da er sein politisches Vermächtnis ernsthaft bedroht sieht, reagierte Bush. Eiskalt, offensiv, skrupellos wie immer. Am Tag danach landete er seinen sorgfältig geplanten Befreiungsschlag. "Man hat uns einen kräftigen Dämpfer verpasst", sagte der Präsident. "Es ist Zeit. Let´s go." Er schlachtete Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Verkündete dessen Rücktritt.

Denn im Kongress stellen die Demokraten von nun an die Vorsitzenden in den Ausschüssen. Jetzt werden sie Untersuchungen anstellen, Zeugen vorladen, den Irak-Krieg sezieren. Rumsfeld wäre ihr erstes Opfer gewesen. Der Präsident kam ihnen zuvor. Und nahm sich damit selbst aus der Schusslinie. Und Bush? Er ruft zur Zusammenarbeit auf – etwa bei der Aufnahme Vietnams in die Welthandelsorganisation WTO. Präsentiert sich auf einmal als Versöhner. Der Mann, der wie kein anderer Präsident vor ihm das Land gespalten hat. Zusammenarbeit? Zu seinen Bedingungen. "Ich bin offen für Vorschläge, die dazu beitragen, dass wir unseren Job im Irak siegreich beenden."

Denn auch im sechsten Jahr seiner Präsidentschaft bleibt George W. Bush fest davon überzeugt: Er dient einer historischen Mission.

Abrechnung hat begonnen

Doch jetzt hat die Zeit der Abrechnung begonnen. Jetzt wird das radikale Regime des George W. Bush seziert und selbst die Vordenker des Irak-Krieges setzen sich ab. Die Neokonservativen hatten dem amerikanischen Volk die Irak-Invasion als "Spaziergang" verkauft. Ausgerechnet deren Oberpropagandist Richard Perle jammert nun: "Bush traf keine Entscheidungen. Er hätte führen sollen. Letztlich trägt er die Verantwortung." Jetzt fallen die Worte, wie Messer: "Inkompetenz." "Unseriös." "Chaos." "Betrug."

Bloßgestellt von seinen einstigen Wegbereitern, sucht sich George W. Bush neue Verbündete, ein Rettungsteam. Es sind, ausgerechnet, die alten Freunde seines Vaters. "Der Vater weiß es eben am besten", titelt das Magazin Newsweek. Jetzt schlage die Stunde der "Realisten", heißt es in Washington. Dazu gehört etwa der ehemalige CIA-Direktor Richard Gates, der neuer Verteidigungsminister werden soll. Er ist, kein Zufall, Mitglied der "Iraq Study Group", auch Baker-Kommission genannt. Denn der ehemalige Außenminister James Baker III,76, soll nun den Ausweg aus dem Irak weisen. Der kühle Jurist und geduldige Fasanenjäger ist ein enger Freund der Familie Bush. Und er will jetzt noch einmal beweisen, was er wirklich kann. Co-Vorsitzender ist der hochgelobte Demokrat Lee Hamilton.

Mitglieder und Berater der Kommission bereisten den Irak, informierten sich bei syrischen Diplomaten und dinierten beim iranischen UN-Botschafter in New York, befragten rund 100 Experten. Anfang dieser Woche empfing Bush den alten Verbündeten, der ihm vor sechs Jahren seine erste Wahl juristisch gesichert hatte.

Abschied von einer Ideologie

Noch weiß niemand genau, was Baker dem Präsidenten empfehlen wird, die erste Fassung des Abschlussberichts liegt vor, sie wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Doch schon munkelt man über einen "Paradigmenwechsel" in der Irak-Politik: Diplomatie statt Freiheits-Export per Krieg. "In unserem Bericht wird es ein paar Dinge geben, über die diese Regierung nicht gerade begeistert sein wird" sagt Baker vorsichtig. Und so werden seine Empfehlungen wohl zu tun haben mit dem Abschied von der Ideologie der "Befreiung" des Nahen Ostens durch Amerika. Man muss mit seinen Feinden reden, rät Baker kühl, ja, auch mit Syrien und dem Iran. Und er sagt auch: "Wir können nicht davon ausgehen, dass sich an den Ufern des Euphrat eine Demokratie nach unseren Maßstäben ausbreitet."

Vielleicht wird die Kommission dem Präsidenten auch das bislang Undenkbare empfehlen: einen Teilabzug der Truppen aus dem Irak. Nach diesem Szenario des "strategic redeployment" würden sich die verbleibenden rund 60000 US-Soldaten in einige große Stützpunkte zurückziehen. Dann könnten sie vielleicht noch verhindern, dass der Irak auseinander fällt.

Bakers schwierigste Aufgabe aber wird sein, den Präsidenten zu überzeugen. Den Mann, der nie an Kompromisse glaubte, weil er sie immer als Schwäche ansah. Gefangen im Labyrinth seiner absoluten Wahrheiten muss George W. Bush weiterhin an den Sieg um jeden Preis glauben. Neulich, im kleinen Kreis ihm wohlgesinnter Journalisten, sinnierte George W. Bush über die Bürde seines Amtes. "Ich kann es kaum ertragen, wenn ich Eltern treffe, die ihr Kind im Irak verloren haben," sagte er. "Ich weine, ich umarme sie. Ich muss weiterhin in der Lage sein, ihnen in die Augen zu schauen und zu sagen: Wir gewinnen. Ich kann einfach nicht so tun, als ob."

Jetzt hat er noch zwei Jahre, man eröffnet ihm einen Ausweg, jetzt hat er seine letzte Chance.