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"Die Welt verstehen" - stern-Reporter erklären Was zieht junge Frauen in den Heiligen Krieg?


Sally Jones kommt aus Kent, sang einst in einer Punkrockband, war zuletzt Hausfrau und kämpft nun für den Islamischen Staat. Was reizt Frauen wie sie, sich den Dschihadisten anzuschließen?
Von Michael Streck

Der Islamische Staat ist nicht für junge Männer, sondern auch für junge Frauen attraktiv. Warum? Diese Frage stellen sich zunehmend Extremismus-Forscher. Und sie finden immer mehr Antworten darauf - im Netz. Von jungen Frauen und Mädchen, die sich größtenteils über die Türkei nach Syrien ins Territorium des Islamischen Staates absetzen. 550 Frauen und Mädchen aus dem Westen werden dort vermutet, allein 60 aus Großbritannien.

Darunter auch jene vier Mädchen aus dem Londoner Stadtteil Bethnal Green, 15 und 16 Jahre alt, deren Bilder im Februar um die Welt gingen. Erst in der vergangenen Woche wanderte eine neunköpfige Gruppe britischer Medizinstudenten nach Syrien aus, darunter vier Frauen von Anfang zwanzig. Nicht nur ihre Familien rätseln nach dem Warum.

Ihre Beweggründe sind vielschichtiger als Abenteuerlust, religiöser Fanatismus oder grenzenlose Naivität. Es ist auch nicht zwangsläufig so, dass alle Frauen Opfer jener durchaus smarten IS-Propaganda sind, die in allen sozialen Netzwerken, in Foren, Blogs und Manifesten gespielt wird. Erin Saltman, Forscherin am Londoner "Institut for Strategic Dialogue" sagt: "Natürlich gibt es das Element des Grooming, des Verführens durch das Internet. Aber das gilt für junge Männer und für junge Frauen." Es gebe eben nicht den einen Grund, sondern "fast immer eine Kombination aus mehreren". Viele von ihnen sehen im Islamischen Staat etwas aufregend Neues.

Kommt als Gattinnen und Mütter

Die Absatzwelle erreichte ihren Scheitelpunkt unmittelbar nachdem der selbsternannte Kalif al Baghdadi im Sommer den Islamischen Staat ausrief, in seiner Rede um Ingenieure, Ärzte, Computerfachleute warb. Aber eben auch und ganz speziell um Frauen. Als Gattinnen und Mütter der nächsten Kämpfergeneration. Sein Appell kam offenbar an.

Im Internet kursieren längst Videos von Mädchen, die sich als "wahre Feministinnen feiern" und als Ziel ausrufen: "Beurteilt mich nach meiner Intelligenz. Und nicht danach, wie kurz mein Rock ist." Der IS wird von ihnen als eine Art Gegengift zum Westen interpretiert. "Als Schwesternschaft von Gleichgesinnten ohne Gruppendruck", wie Erin Saltman sagt.

Bildung und Karriere? Nicht wichtig

Es ist also mitnichten so, dass sie sich plump locken ließen mit der Aussicht auf Abenteuer, die große Liebe oder Pin-Up-Dschihadisten mit Waschbrettbauch und Kalaschnikows. Das mag für einige eine Rolle spielen, greift aber insgesamt zu kurz. "Die meisten wissen sehr genau, was sie tun und worauf sie sich einlassen", sagt Saltman. Das Internet ist schließlich voll von Berichten der Frauen vor Ort. Im Februar erst übersetzte der junge englische Akademiker Charlie Winter von der "Quilliam-Foundation" ein IS-Frauen-Manifest aus dem Arabischen ins Englische. Das darin transportierte Bild ist erschreckend archaisch: Frauen sollen ihren Männern dienen, Kinder kriegen, das Haus so gut wie nie verlassen. Bildung und Karriere? Nicht wichtig. In einem Satz: Frauen gehören an den Herd und ins Bett.

Das alles ist verfügbar, lesbar, nachprüfbar.

Und auch das: Junge Frauen lassen sich keineswegs durch die barbarischen Gewaltexzesse abhalten. Es ist eine Mär zu glauben, sie seien dafür weniger empfänglich als männliche Kombattanten. Forscher vom "International Centre for the Study of Radicalisation" (ICSR) am Londoner King's College haben Hunderte Online-Berichte ausgewertet und kommen zu dem Schluss, dass Gewalt - im Gegenteil - viele fasziniert: "Ihr Christen gehört geköpft mit einem schönen, stumpfen Messer und Eure Köpfe aufgespießt auf den Balustraden von Rakka", schrieb etwa die Britin Sally Jones, die unter ihrem Kampfnamen Umm Hussain al Britani twittert und dort auch Osama Bin Laden zitiert: "Wenn das Töten derjenigen, die unsere Kinder töten Terrorismus sein soll, bin ich Stolz eine Terroristin zu sein".

Sally Jones ist 45 Jahre alt. Sie stammt aus Kent, sang einst in einer Punkrockband. Und war zuletzt: Hausfrau.

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