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Islam Yaken: Wie ein Dschihad-Kämpfer zum Hipster wurde

Das Bild eines IS-Kämpfers kursiert auf Twitter. Der Mann mit gezücktem Schwert trägt Lockenkopf und Brille - was ausreicht, um ihn Hipster zu nennen. Eine fatale Verklärung des Krieges.

Von Katharina Blaß

Der Extremist Islam Yaken gehört der Terror-Miliz "Islamischer Staat" an. Die Leute um ihn herum scheinen seinen Schrei nicht zu hören, sie schauen unbeteiligt in eine andere Richtung. Was ist dran an der Geschichte des lockigen, bärtigen Brillenträgers?

Der Extremist Islam Yaken gehört der Terror-Miliz "Islamischer Staat" an. Die Leute um ihn herum scheinen seinen Schrei nicht zu hören, sie schauen unbeteiligt in eine andere Richtung. Was ist dran an der Geschichte des lockigen, bärtigen Brillenträgers?

Islam Yaken ist 23 Jahre alt, Jurist und kämpft jetzt als Extremist des "Islamischen Staats", ehemals ISIS. Angeblich. Dies ist eine Geschichte, in der die Wörter "angeblich", "vielleicht" und "möglicherweise" oft vorkommen. Sie müssen oft vorkommen, denn wasserdicht beweisen lässt sie sich nicht. Warum die Geschichte trotzdem erzählt werden muss? Weil sie etwas darüber verrät, wie ein Extremist über soziale Medien zum Held werden kann.

Denn Islam Yaken sieht wie ein Hipster aus. Mit Lockenkopf, Bart und dickrandiger Brille. Weil es in der westlichen Welt eine Subkultur gibt, die diesen Kriterien entspricht und genauso heißt, schreiben Boulevardmedien wie die "New York Daily News", "Dailymail" oder "Heavy.com" darüber. Sie veröffentlichen Artikel über den "Dschihad-Hipster", die "neue Ikone des Islamischen Staates", und den "Posterboy der Terroristen."

Mit Islam Yaken kommt der Krieg des Islamischen Staates in Syrien und Irak gefährlich nah an die Verklärung. Jeder Krieg hat auf beiden Seiten seine Helden. Diesmal aber wird der Held von Journalisten konstruiert, die wohl nur süchtig nach den Klicks ihrer Leser sind.

Grund für die Berichterstattung war dieses Bild im Twitteraccount von Islam Yaken, wie er in der syrischen Stadt Rakka für die radikal-islamistische Terror-Organisation Islamischer Staat kämpft:

Wo das Bild aufgenommen wurde und wann ist nicht eindeutig feststellbar. Das Datum der Tweets reicht einigen Medien offensichtlich für eine Berichterstattung aus. Fest steht, dass das Bild bearbeitet ist. Über die Gründe lässt sich ebenfalls nur spekulieren. Von persönlicher Eitelkeit bis zu ästhetischen Vorlieben des Fotografen ist alles möglich.

Ein weiterers Bild zeigt ihn mit seiner Waffe:

Islam Yaken bekommt über die sozialen Medien aber noch eine ganze Schicksalsgeschichte zugeschrieben. Er hat - angeblich - eine Seite auf vk.com, der russischen Version von Facebook. Dort sagt ein Mann mit dem gleichen Namen, er sei bis 2009 auf eine französischsprachige Schule in Kairo gegangen und habe bis 2013 an der Ain-Shams-Universität in Kairo Jura studiert. Außerdem höre er gerne Trance-Musik, House und Rap. Zu seinen Hobbys zählt er Schach und Sport im Fitnessstudio, er arbeite auch als Fitnesstrainer. Sein letzter Eintrag ist aus dem Jahr 2012, ein Foto seines durchtrainierten Oberkörpers. Von ihnen gibt es viele auf seiner Seite. Es ist möglicherweise der Account desjenigen, der auf Twitter nun sein Schwert reckt. Zumindest spricht dafür, dass die Fitnessvideos, in denen er zeigt, wie man sich ein Sixpack antrainiert, auch in der Twitter-Timeline vorkommen. Aber seine bilinguale Erziehung und das Jurastudium bleiben unbestätigt. Auch, warum er überhaupt ein Profil auf vk.com angelegt hatte und auf Facebook nicht (mehr) präsent ist oder war, bleibt unklar.

Eine ägyptische Bloggerin schrieb als eine der ersten über Islam Yaken. Sie wurde über die ägyptischen Nutzer von Twitter auf ihn aufmerksam und berichtete über ihre Beobachtung, dass sich der ISIS nicht nur Männer aus den unteren Gesellschaftsschichten anschließen, sondern durchaus auch die aus der Kairoer Mittelschicht. Und schon nahm das Unglück seinen Lauf, Boulevardmedien aus England und den USA berichteten nur über einen Satz: "Islam Yaken schloss sich der ISIS in Syrien an, im Moment ist er im Irak und postet von sich Fotos mit Schwertern und abgeschlagenen Köpfen - das machte ihn zum Hipster-ISIS-Kämpfer." Die Details über Islam Yaken haben viele Portale als Tatsachenbehauptung übernommen.