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22-jährige US-Studentin: Warum diese Frau seit Wochen am Flughafen von Tel Aviv in Abschiebehaft sitzt

Israel überprüft bei der Einreise die politische Gesinnung und hält Touristen notfalls auch fest. Dies hat nun eine junge Frau aus den USA zu spüren bekommen, die in Abschiebehaft sitzt. Doch sie wehrt sich.

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Lara Alkasem sitzt im Verhandlungssaal des Höchsten Gerichts in Jerusalem und lächelt schüchtern. Man hat den Eindruck, dass der 22-jährigen US-Studentin der Medienrummel um ihre Person eher unangenehm ist. Eigentlich wollte die junge Frau mit den kinnlangen braunen Haaren und der schwarzen Brille in dieser Woche ihr Magisterstudium an der Hebräischen Universität in Jerusalem beginnen - mit dem Schwerpunkt Menschenrechte. Stattdessen ist sie seit mehr als zwei Wochen in Abschiebehaft - am internationalen Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv. Jüdische und arabische Studenten haben deshalb in der Hochschule Protest-Flyer aufgehängt.

Die israelischen Behörden verweigern Alkasem seit dem 2. Oktober die Einreise, obwohl sie mit einem Studentenvisum gelandet war. Begründet wird dies damit, dass die Studentin mit palästinensischen Wurzeln früher die Boykottbewegung gegen Israel unterstützt habe. Drei Richter des Höchsten Gerichts berieten am Mittwoch über den brisanten Fall. Sie müssen nun entscheiden, ob Alkasem ihr Studium beginnen kann oder in die USA abgeschoben wird.

Beamte in Israel stellen Fragen zur politischen Einstellung

Das Urteil sei sehr wichtig und betreffe nicht nur Alkasem, sondern "viele andere Leute", sagt Alkasems israelischer Anwalt Jotam Ben Hillel. In letzter Zeit mehren sich Berichte über besonders strenge Befragungen von Einreisenden - darunter auch jüdische Amerikaner und linksorientierte Israelis. Der Inlandsgeheimdienst Schin Bet fragte Reisende Medienberichten zufolge auch nach ihrer Ansicht über den rechtsorientierten Regierungschef Benjamin Netanjahu.

Israel hat den Kampf gegen die Bewegung BDS (Boycott, Divestment, and Sanctions) deutlich verschärft - das Land sieht sie als schwere Bedrohung an. Ein 2017 verabschiedetes Gesetz ermöglicht es dem Innenministerium, Ausländern die Einreise zu verweigern, wenn sie öffentlich zu einem Boykott Israels aufgerufen haben, einschließlich der Siedlungen im Westjordanland. Zu Jahresbeginn wurde eine schwarze Liste von rund 20 Organisationen veröffentlicht, die zu einem Boykott des Landes aufrufen. Aktivisten dieser Gruppierungen soll die Einreise verweigert werden.

Israel stuft die Bewegung als extremistisch ein

Alkasems Anwalt betont jedoch, die junge Frau unterstütze die Positionen der Boykottbewegung gegen Israel schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr. Sie war früher Vorsitzende einer Zweigstelle der Organisation Students for Justice in Palestine (Studenten für Gerechtigkeit in Palästina) an der Universität Florida. Israels Minister für strategische Angelegenheiten, Gilad Erdan, nannte die Organisation "eine der extremsten und hasserfülltesten BDS-Gruppen in den USA".

Anwalt Ben Hillel argumentiert jedoch, Alkasem habe keine aktive Rolle in der Gruppe gespielt. Er warnt auch davor, im Kampf gegen Boykottaktivisten dürften Israels Behörden nicht zur "Gedankenpolizei" werden.

Die Universität unterstützt Lara Alkasem

Auch eine Vertreterin der Hebräischen Universität macht sich vor Gericht für Alkasem stark. "Die Akademie braucht internationale Beziehungen wie Luft zum Atmen", sagt sie. Alkasem die Einreise zu verweigern, spiele gerade Israels Gegnern in die Hände. "Wir müssen Leute hier studieren lassen, damit sie sehen können, dass wir kein Apartheid-Staat sind." Sie warnt auch, ein Einreiseverbot könne andere Studenten oder Dozenten abstoßen, während Israel gerade Millionen in den internationalen Austausch investiere.

Der Anwalt, der vor Gericht den Staat vertritt, betonte jedoch, die Autorität des israelischen Innenministers Arie Deri, der über das Recht auf Einreise entscheidet, dürfe nicht beschädigt werden. Die Beweise gegen Alkasem seien jedoch sehr "dünn", sagt ihm Richterin Anat Baron.

Studentin auf dem Flughafen von Tel Aviv

Lara Alkasem könnte zwar in die USA zurückreisen - sie kämpft jedoch weiter um ein Recht auf Einreise. Ein direkter Kontakt mit der jungen Frau ist für Journalisten nicht möglich, ihr Handy wurde beschlagnahmt, solange sie in einem Gebäude auf dem Flughafengelände in Abschiebehaft sitzt.

"Von außen sieht es aus wie ein normales Gebäude", berichtet ihr Anwalt. "Innen gibt es mehrere Zimmer mit Menschen, die aus Israel abgeschoben werden sollen." Der Ort erinnere an ein Gefängnis. Alles werde streng kontrolliert, die meisten Dinge aus der Außenwelt dürfe man Alkasem nicht mitbringen. "In der ersten Nacht hatte sie ein Problem mit Wanzen in ihrem Bett, doch inzwischen hat man sie in ein anderes Zimmer verlegt." Es gebe nur ein Telefon für alle Insassen, für dessen Gebrauch man meistens anstehen müsse.

Den Beginn des Studienjahrs hat die 22-Jährige schon verpasst. Doch die Universität werde ihr den Platz frei halten, auch wenn es noch Tage oder Wochen dauern sollte, betont Sprecherin Tali Aronsky. "Wir werden ihr dabei helfen, das Verpasste nachzuholen."

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sos / DPA