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Analyse

Atom-Deal aufgekündigt: Israel und Iran führen längst einen verdeckten Krieg - bricht er jetzt offen aus?

Die israelische Regierung ist am Ziel: Donald Trump hat den Atom-Deal mit dem Iran aufgekündigt. Das erhöht die Gefahr eines offenen Krieges zwischen den Erzfeinden. Tatsache ist aber auch: Ein verdeckter Krieg findet längst statt.

Israel Airstrike

Rechts ein israelischer F-15 Kampfbomber, links Bilder vom angeblichen Luftschlag auf einen iranischen Militärstützpunkt nahe Damaskus

AFP

Seit Donald Trump das Atom-Abkommen mit dem Iran aufgekündigt hat, braucht es nur noch einen kleinen Funken, um das Pulverfass im Nahen Osten zur Explosion zu bringen. Ein offener, bewaffneter Konflikt Israels mit dem Iran ist nach Trumps historischer Entscheidung wahrscheinlicher als je zuvor.

Die Lage ist ernst: Die israelische Armee teilte mit, es gebe "ungewöhnliche Aktivitäten" iranischer Militäreinheiten jenseits der Grenze.

Israel hat deswegen die Sicherheitsvorkehrungen auf den Golanhöhen, die im Norden an Syrien grenzen, verschärft: Es herrscht erhöhte Alarmbereitschaft, die Schutzbunker sind für die Zivilbevölkerung geöffnet, es wurden zusätzliche Luftabwehrbatterien stationiert und Reserveeinheiten mobilisiert. "Mit angehaltenem Atem" wartet Israel auf einen iranischen Vergeltungsangriff von Syrien aus, wie die Zeitung "Haaretz" schrieb.

Es wäre die Eskalation eines Konflikts, der schon längst mit militärischen Mitteln geführt - nur eben nicht offen. Israel fürchtet nicht nur, dass sich der Iran zur Atommacht aufschwingt, sondern auch die aggressive Einkreisungspolitik, die das Mullah-Regime in Teheran betreibt. Seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges mischt der Iran mit Einheiten seiner Revolutionsgarde in dem geschundenen Land mit und unterstützt das Assad-Regime gemeinsam mit den Kämpfern der libanesischen Hisbollah. Die schiitischen Mullahs haben ihre Präsenz in Syrien nach und nach ausgebaut.

Donald Trump

Israel fliegt seit Jahren Luftangriffe in Syrien

Israel antwortet auf die Bedrohung an seiner Landesgrenze seit Jahren mit Luftschlägen und Raketenangriffen. Die wurden von der israelischen Armee IDF zwar nie offiziell bestätigt, aber auch nicht dementiert. Die israelische Luftwaffe hat immer wieder Konvois mit Waffenlieferungen für die libanesische Hisbollah-Miliz angegriffen, die vom Iran unterstützt wird, berichteten israelische Medien.


Seit Wochen attackiert sie den Berichten zufolge Stützpunkte der iranischen Revolutionsgarden direkt. Vor einem Monat sollen Kampfbomber einen iranischen Militärstützpunkt nahe Homs zerstört haben, bei dem mutmaßlich sieben iranische Soldaten starben. Von dort soll eine Militärdrohne gestartet sein, die von der israelischen Luftabwehr eliminiert wurde. Laut Armeeangaben war sie mit einem chemischen Kampfstoff bewaffnet. Seit dem Angriff auf den Stützpunkt rechnet man in Israel mit einem Vergeltungsschlag durch den Iran. Am wahrscheinlichsten gilt eine Attacke auf israelische Militäreinrichtungen auf den Golanhöhen. Deshalb wurde die Zivilbevölkerung vorsorglich gewarnt und die Armee in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.

Zuletzt hat Israel die Schlagfrequenz erhöht

In den vergangenen Tagen flog die israelische Luftwaffe vermehrt Luftschläge. Allein in den vergangenen zehn Tagen gab es drei Angriffe. Der jüngste ereignete sich in der Nacht zu Mittwoch kurz nach Aufkündigung des Atomdeals durch Trump. Meldungen sprechen von 15 Toten, darunter acht oder neun Iraner. Es sollen iranische Raketen zerstört worden sein. 

Bislang konnte sich Israel ziemlich sicher sein, dass der Iran keine Vergeltung übt (die Drohne war vermutlich eine Art Test-Attacke). Das lag am Atom-Deal. Der Iran wollte den USA nicht noch weitere Gründe für die Aufkündigung des Abkommens liefern und die Europäer verprellen. Jetzt ist die Situation gefährlicher. Der Iran muss keine Rücksicht mehr auf das gescheiterte Abkommen nehmen. Die Hemmschwelle für einen offenen, bewaffneten Konflikt ist deutlich gesunken.

Gibt es noch Hoffnung, dass kein offener Krieg ausbricht? Dafür spricht, dass der Iran großen Respekt vor Israels militärischer Stärke hat. Das Regime in Teheran könnte aus einer offenen Konfrontation geschwächt hervorgehen. Zudem ist ein offener Krieg nicht das wichtigste Ziel des Iran trotz der martialischer Drohungen einiger Hardliner. Den Mullahs geht es in erster Linie darum, ihren Einfluss in Syrien und im Libanon auszubauen. Eine offene Konfrontation könnte dieses Ziel gefährden. Zudem würde der Iran die europäischen Staaten gegen sich aufbringen. Deutschland, Großbritannien und Frankreich tun im Moment alles dafür, dass ein abgespeckter Atom-Deal ohne die USA Bestand hat. Das könnte auch für den Iran, besonders in wirtschaftlicher Hinsicht, wichtig sein.

Der verdeckte Krieg geht weiter

Und Israel? Die Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat immer für das Ende des Atom-Abkommens gekämpft. Ihr Ziel hat sie erreicht. Das Risiko einer militärischen Eskalation nimmt sie in Kauf im Vertrauen auf die eigene Stärke. Sollte Iran tatsächliche eine Atombombe entwickeln, würde Israel vermutlich direkt angreifen. Und solange der Iran versucht, seinen Machtbereich in Syrien auszudehnen, wird zumindest der verdeckte Krieg mit unverminderter Härte weitergehen, so viel ist sicher.