Israel Verrat und Entführung


Mordechai Vanunu wurde 1986 vom israelischen Geheimdienst Mossad aus Rom entführt, weil er einer britischen Zeitung über das Atomwaffenprogramm Israels berichtet hatte. Jetzt steht er vor der Freilassung.

Für die Hüter der israelischen Militärgeheimnisse wird ein Albtraum wahr. Während der Druck für eine Offenlegung von Massenvernichtungswaffen im Nahen Osten wächst, steht der vor 18 Jahren wegen Atomverrats verurteilte israelische Wissenschaftler Mordechai Vanunu kurz vor seiner Freilassung. Die Strategen der "atomaren Zweideutigkeit", wie in Israel die Politik des beredten Schweigens zu Berichten über solche Waffen genannt wird, müssen ihren Kurs in einem geänderten regionalen Umfeld überprüfen.

Der "isolierteste Häftling Israels" soll im April freikommen. Mordechai Vanunu, der 1986 vom Auslandsgeheimdienst Mossad aus Rom nach Israel entführt worden war, hatte seinerzeit einer britischen Zeitung erstmals über ein streng geheimes israelisches Atomwaffenprogramm berichtet. Die israelische Justiz prüft, wie Vanunu auch nach Verbüßung seiner Strafe zu kontrollieren ist. So werden Reisebeschränkungen überlegt und ein Verbot, in israelischen Medien Interviews mit ihm zu dem Tabuthema zu veröffentlichen.

Im Besitz von 200 bis 400 Atomsprengköpfen

Auf Fragen zu atomaren, biologischen oder chemischen Waffen Israels äußert sich die israelische Regierung nicht. Doch auch der US-Geheimdienst vermutet 200 bis 400 Atomsprengköpfe in Israel. Ein in den 60er Jahren vom späteren Friedensnobelpreisträger Schimon Peres initiiertes Atomwaffenprogramm soll Israel, solange es sich in seiner Existenz bedroht fühlt, als "ultimative Verteidigungswaffe" dienen. Israel hat stets betont, es werde "nicht das erste Land sein, das im Nahen Osten Atomwaffen einführt".

Doch die regionale Bedrohungslage hat sich grundlegend verändert, nachdem der Irak von den USA besetzt und Saddam Hussein festgenommen ist. Behauptungen, wonach Bagdad geheime Waffenprogramme verfolge, waren zumindest stark übertrieben. In den vergangenen Wochen haben zudem mehrere Staaten der Region demonstrativ Kurswechsel vollzogen. So hat Libyen einen Verzicht auf Massenvernichtungswaffen angekündigt und steht erstmals seit Jahrzehnten in Kontakt mit Israel. Iran hat nach internationalem Druck Atom-Inspekteure ins Land gelassen. Und Syrien zielt mit einer Forderung nach Abrüstung in der ganzen Region vor allem auf Israel ab.

Der Wetterwechsel ist zu spüren

Israel bereite sich auf den Tag vor, an dem auch von ihm ein Beitrag zur Abrüstung gefordert werde, schreibt die Tageszeitung "Haaretz". "Das Außenministerium und der Verteidigungsapparat spüren den Wetterwechsel bereits", analysiert das Blatt. Die Frage sei, ob Inspektionen freiwillig angeboten oder Forderungen abgewartet werden sollten. Erstmals seit Jahren habe das israelische Sicherheitskabinett zum Jahreswechsel das Thema der regionalen Rüstungsbeschränkung diskutiert. Nur ein Viertel der Israelis will einer aktuellen Meinungsumfrage zufolge aber, dass bei einer abgestimmten Zerstörung von Massenvernichtungswaffen im Nahen Osten auch ihr Land die vermuteten Atomsprengköpfe aufgibt.

Fürsprecher einer atomwaffenfreien Zone in der Spannungsregion ist der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO),Mohammed El Baradei. Er geht davon aus, dass Israel über «nukleare Potenziale» verfügt, und rät, das Sicherheitskonzept zu überdenken. "Es beschleunigt das Rüstungswettrennen und schafft Rsiken", warnt er. Baradei bedauert, dass Israel über Atomwaffen erst nach einem Frieden sprechen will.

"Verzicht auf atomare Option viele Jahre undenkbar"

Professor Jair Evron, Experte für Atomwaffen im Nahen Osten an der Universität Tel Aviv, meint aber, Israel könnte sich angesichts der Veränderungen im Nahen Osten zunächst bereit erklären, die Chemiewaffenkonvention (CWC) in Kraft zu setzen. "Ich persönlich glaube, dass Israel gut daran täte, diesen Vertrag zu ratifizieren", meinte Evron. Ein Verzicht Israels auf die atomare Option sei jedoch auf viele Jahre undenkbar, glaubt Evron. Bestenfalls könne es "weit reichende Zugeständnisse" geben, wie einen Produktionsstopp von angereichertem Uran und Plutonium. In diesem Fall könnte Israel keine neuen Atomwaffen herstellen und die alten Waffen auch nicht erneuern.

Sara Lemel und Carsten Hoffmann DPA

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