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Israelischer Botschafter: "Möglichkeit dem Libanon zu helfen"

Ungeachtet aller Appelle fliegt Israel Angriffe auf den Libanon. Im Interview mit stern.de sagt Israels Botschafter Shimon Stein, warum sein Land bei dem harten Kurs bleibt, was in der Vergangenheit falsch gemacht wurde und wie lange die Kämpfe dauern werden.

Herr Botschafter, der Zentralrat der Juden in Deutschland hat in einigen Tageszeitungen heute eine Anzeige veröffentlicht, in der zur Solidarität mit Israel aufgerufen wird. Angesichts der anhaltenden Angriffe auf den Libanon wirkt dieser Aufruf ungewöhnlich.

So ungewöhnlich ist er nicht. Für uns Juden auf der ganzen Welt ist es eine Herzensangelegenheit dafür zu sorgen, dass Juden in Israel oder in Deutschland ein normales Leben führen können. Wenn es den Juden in Israel nicht gut geht, dann geht es auch den Juden auf der ganzen Welt nicht gut. Und natürlich sorgen wir uns auch um unsere Verwandten in Israel. Sie dürfen nicht vergessen: Seit acht Tagen sitzen eine Million Israelis in Luftschutzkellern, Israelis sind ums Leben gekommen. Genauso wie Zivilisten und Unschuldige im Libanon.

Nun spricht niemand Israel das Recht zur Selbstverteidigung ab. Aber nicht wenigen kommen die Militärschläge übertrieben vor.

Es mag übertrieben wirken, wenn man in einem gut gekühlten Büro in Hamburg sitzt oder in einem Straßencafé in Berlin. Dann mag man den Konflikt nicht verstehen. Und ich werfe es auch niemanden vor, ein normales, unbedrohtes Leben führen zu können. Aber von eben dieser Bedrohung hängt die Verhältnismäßigkeit ab. Die israelische Bevölkerung im Norden steht seit acht Tagen unter Dauerbeschuss. Über 1400 Raketen hat die Hisbollah in diesen Tagen auf israelische Ortschaften abgefeuert. Auf diese Bedrohungen reagieren wir.

Im Libanon sind durch israelische Angriffe dutzende Menschen, oft Zivilsten, ums Leben gekommen, hunderttausende sind auf der Flucht. Fürchten Sie nicht, dass selbst neutrale Libanesen durch die anhaltenden Kämpfe geradezu in die Arme der radikal-moslemischen Hisbollah getrieben werden?

Ich frage mich, warum man uns immer diese Frage stellt. Der Libanon hätte jahrelang etwas gegen die radikale Hisbollah unternehmen müssen. Stattdessen hat das Land tatenlos dabei zugesehen, wie die Terrororganisation Hisbollah sich als Staat im Staat etabliert hat. Wir weisen schon seit Jahren darauf hin, dass aus dem Libanon ein enormes Bedrohungspotenzial erwächst. Deshalb haben wir immer und immer wieder auf Maßnahmen gedrängt. Der Weltsicherheitsrat hat dann im September 2004 eine Resolution verabschiedet, die aber noch immer nicht vollständig umgesetzt ist (In der UN-Resolution 1559 wird u.a. gefordert, dass Syrien seine Truppen aus dem Libanon abzieht. Außerdem soll die Hisbollah-Miliz entwaffnet werden, d. Red.)
Hätte die Staatengemeinschaft diese Resolution durchgesetzt, dann würde sich diese Fragen heute nicht stellen. Die Frage, warum unschuldige Zivilisten in Israel und Libanon zu leiden haben. Immer und immer wieder müssen wir das Rad neu erfinden, obwohl das Rad schon längst erfunden ist.

Was heißt das?

Israel sagt jetzt: Schluss. Wir sorgen nun dafür, dass ein strategisches Fenster hergestellt wird, um nicht wieder in die Lage zu geraten, in der wir uns heute befinden. Also abhängig zu sein von der Hamas, von der Hisbollah, von Staaten wie Syrien und Iran, die alle in der Lage die Situation jedes Mal aufs Neue zu destabilisieren. Deshalb sollte man all diese Fragen an die Adresse derjenigen stellen, die für diese Eskalation zuständig sind.

Israel hatte bis Mai 2000 18 Jahre lang Soldaten im Süden des Libanons stationiert. In dieser Zeit ist es nicht gelungen, die Hisbollah auszuschalten. Warum sollte es ausgerechnet jetzt gelingen?

Wir haben aus der Vergangenheit gelernt: Wir waren 18 Jahre im Libanon, hatten zahlreiche Opfer zu beklagen. Wir wollen sicher nicht etwas wiederholen, was früher schon nicht besonders erfolgreich war. Nun aber sind auch der Libanon und die Staatengemeinschaft gefragt. Wir sind damals bedingungslos aus dem Südlibanon abgezogen, weil es hieß, aus dem Libanon drohe für Israel keine Gefährdung mehr. Das Gegenteil war der Fall. Wenn der Staat Libanon nicht in der Lage ist, für seine eigene Sicherheit und die seiner Nachbarn zu sorgen, dann bietet die UN-Resolution 1559 sowie die Beschlüsse, die jetzt beim G8-Gipfel in St. Petersburg gefallen sind, die Möglichkeit dem Libanon zu helfen. Unsere militärischen Aktionen dienen deshalb dazu, ein strategisches Fenster herzustellen, damit die Diplomatie etwas günstigere Rahmenbedingungen erhält. Ziel muss es sein, eine dauerhafte Stabilisierung herzustellen.

Einige befürworten deshalb den Einsatz von Blauhelmen oder sogar der Nato.

Das sind alles Schnapsideen von gestern, die nicht dazu taugen, mit den aktuellen Bedrohungen und denen der Zukunft fertig zu werden. Es muss dafür gesorgt werden, dass libanesische Soldaten entlang der israelischen-libanesischen Grenze stationiert werden. Dass die Hisbollah-Milizen entwaffnet und aufgelöst werden.

Sie schließen den längerfristigen Einsatz von Bodentruppen also nicht aus?

Wir werden uns nicht damit abfinden, dass es jetzt nicht zu einer langfristigen, dauerhaften Stabilisierung kommt. Die Ziele, die wir uns gestellt haben, haben sich auch die EU und G8-Staaten gestellt. Diese sind klar und unmissverständlich: Die Befreiung der Soldaten, ein Waffenstillstand, also eine Ende der Bedrohung aus dem Libanon, und die vollständige Umsetzung der UN-Resolution.

Interview: Niels Kruse