Israels atomare Zweideutigkeit Ministerpräsident Netanjahu sagt Gipfelteilnahme ab


Es ist das wohl am schlechtesten gehütete Geheimnis im Nahen Osten. Offiziell verfolgt Israel seit knapp vier Jahrzehnten eine Politik der "atomaren Zweideutigkeit" - das heißt, dass Israel den Besitz von Atomwaffen weder bestätigt noch leugnet.

Es ist das wohl am schlechtesten gehütete Geheimnis im Nahen Osten. Offiziell verfolgt Israel seit knapp vier Jahrzehnten eine Politik der "atomaren Zweideutigkeit" - das heißt, dass Israel den Besitz von Atomwaffen weder bestätigt noch leugnet. Allerdings gab Ex-Regierungschef Ehud Olmert während eines Interviews im Dezember 2006 indirekt zu, dass Israel zum kleinen Kreis von Atommächten zählt. Angesichts der hellen Empörung im eigenen Land ruderte Olmert später zurück.

Jetzt hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seine Teilnahme am internationalen Gipfel für Atomsicherheit abgesagt, der am Montag in Washington beginnt. Der Grund sei, dass Israel Informationen erhalten habe, dass einige Länder vom eigentlichen Ziel des Gipfels ablenken und die Konferenz zu einer anti-israelischen Kampagne nutzen wollten, sagte ein Regierungsmitarbeiter am Freitag.

Die israelischen Medien gingen etwas mehr ins Detail. Danach hat die US-Regierung dem Büro von Netanjahu am Donnerstagnachmittag zu verstehen gegeben, dass eine Reihe muslimischer Länder unter Führung Ägyptens und der Türkei in Washington verlangen wolle, dass Israel den Besitz von Atomwaffen endlich offiziell zugibt und dem Atomwaffensperrvertrag beitritt. Die Arabische Liga setzt sich seit Jahren für einen atomwaffenfreien Nahen Osten ein. Bislang stand die US-Regierung Israel immer zur Seite, wenn es darum ging, solche Forderungen abzuschmettern.

Aber glaubt man der Tageszeitung "Maariv", dann traut Israel dem engsten Verbündeten nicht mehr uneingeschränkt über den Weg. Es gebe die Sorge, dass einige Kreise in Washington der Initiative für einen atomwaffenfreien Nahen Osten mehr Gehör schenken könnten. Dies könne ein Anreiz für den Iran sein, das Atomwaffenprogramm zu stoppen.

Schon vor Wochen, als der Streit zwischen der US-Regierung und Israel über den Ausbau von jüdischen Siedlungen kulminierte, spekulierten israelische Kommentatoren, dass die USA aus Verärgerung ihre schützende Hand über Israel in der Atomwaffenfrage wegziehen könnten. Bislang besteht eine stillschweigende Übereinkunft, dass Israel sein Atomwaffenpotenzial nicht offen legen muss.

Anders als bei anderen Ländern wie beispielsweise Nordkorea, Pakistan, Indien, Irak oder jetzt auch dem Iran haben US-Regierungen seit knapp vier Jahrzehnten mehr oder minder über das geheime Atomprogramm in Israel hinweg gesehen und keine entscheidenden Versuche unternommen, den Bau der Bombe zu stoppen. Stimmen die Berichte, dann wusste schon US-Präsident Lyndon B. Johnson 1968, dass Israel zur Atommacht aufgestiegen ist. Sicherheitsexperten vermuten, dass Israel heute bis zu 200 Atomsprengköpfe besitzt.

Die am Montag beginnende zweitägige Konferenz sah Israel als ideale Chance, Atomterrorismus zu thematisieren und den Erzfeind Iran an den Pranger zu stellen. Netanjahu schloss noch am Mittwoch aus, dass Israel plötzlich selbst im Scheinwerferlicht stehen könnte: "Ich habe keine Sorge, dass irgendjemand glauben könnte, dass Israel ein Terrorregime ist. Jeder weiß, was ein Schurkenstaat und Terrorregime ist, wenn er eins sieht. Und glauben Sie mir, Sie sehen eine Menge davon um Israel herum".

Atomwaffen, so beschreiben es Sicherheitsexperten, seien für Israel eine Art Versicherung. Sie sollen die militärische Überlegenheit in der Region sichern und mögliche Gegner von einem Angriff abschrecken. "Israel ist eine Demokratie, die niemanden bedroht. Der Iran hat dagegen ausdrücklich und öffentlich gedroht, Israel von der Landkarte zu löschen", sagte Ex-Ministerpräsident Olmert während seines Interviews im Dezember 2006, als er Israel indirekt in die Reihe der Atommächte eingliederte.

Hans Dahne, DPA DPA

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