Iyad Allawi Saddam light


Er war ein früher Weggefährte des irakischen Diktators, nun ist er dessen Nachfolger. Iyad Allawi will Ruhe und Ordnung herstellen, Demokratie kommt bei ihm an zweiter Stelle.

Er hatte den Händedruck eines Halbtoten und sagte nicht viel. Aber alle redeten über ihn. Es war auf der letzten großen Konferenz der irakischen Exilopposition in London, Ende 2002, als all die vor Saddam geflohenen, heillos zerstrittenen Ex-Minister, Ex-Generäle und selbst ernannten Widerstandsführer sich in Szene setzen wollten für die Zeit nach dem Krieg. Sie gaben Pressekonferenzen, erklärten, wie sie den Irak retten könnten, wenn man sie nur ließe. Und zogen übereinander her.

Einer aber sagte kaum etwas, huschte vorbei an den Fotografen und war nur durch Zureden eines Bekannten bereit, wenigstens stehen zu bleiben. "Herr Allawi, was sind Ihre Pläne?" "Wir werden sehen", sagte er und reichte die Hand, um wegzukommen. Eine schlaffe Hand. Als habe er weder die Energie noch genaue Vorstellungen, wie die Dinge zu lenken seien. Aber da täuschte man sich in dem Mann. Seit Anfang der Woche ist er, wo er immer hinwollte. Er ist der mächtigste Iraker seit Saddam.

Auf den Lohnlisten westlicher Geheimdienste

Iyad Allawis Aufstieg an die Spitze der irakischen Regierung begann, wie es sich für einen Geheimdienstmann gehört: im Stillen. Der frühe Weggefährte Saddams, seit den siebziger Jahren in London und nach seinem Seitenwechsel jahrzehntelang auf den Lohnlisten britischer, jordanischer und amerikanischer Geheimdienste, wusste, dass jeder Kandidat, der sich allzu offen auf die Seite der Amerikaner stellt, bei den Irakern wenig Chancen hätte.

Also agierte er im Verborgenen, geduldig und ungemein zielstrebig. Der 59-jährige Hüne mit der Ausstrahlung eines Pokerspielers mied öffentliche Auftritte, machte lieber seinen Schwager Nuri Badran zum Innenminister und behielt sich selbst im Regierungsrat lediglich den Vorsitz über den "Sicherheitsausschuss" vor. In Washington ließ er derweil für 340000 Dollar, bezahlt von Freunden, amerikanische PR-Agenturen diskret im Senat und im Nationalen Sicherheitsrat für sich Werbung machen.

Dann ging er daran, seinen einzigen echten Konkurrenten auszuschalten: Ahmed Chalabi. Der selbstverliebte und ungleich bekanntere Chef des Irakischen Nationalkongresses war vor dem Krieg bei US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und den anderen neokonservativen Falken ein und aus gegangen, ließ ihnen gefälschte Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen präsentieren und versprach, die Iraker würden die US-Armee mit Blumen begrüßen, die neue Regierung als Erstes diplomatische Beziehungen zu Israel aufnehmen. Vom Öl gar nicht zu reden. Nichts von alledem geschah.

Allawi kannte größte Schwäche Chalabis

Aber Chalabi war trotzdem aufgestiegen zu einem der mächtigsten Männer im neuen Irak: Seine Miliz mordete und entführte im Auftrag des Pentagon, Chalabi selbst überwachte die "Debaathifizierung", die irakische Spielart der Entnazifizierung (von Saddams Baath-Partei). Außerdem saß er dem Finanzausschuss im Regierungsrat vor. Doch Allawi kannte seine größte Schwäche und nutzte sie: Mehr noch, als Banken zu besitzen, liebt Chalabi es, sie zu plündern.

Im Nachbarland Jordanien bereits verurteilt wegen des größten Bankbankrotts der jordanischen Geschichte, ließ Chalabi beim Umtausch der alten Saddam-Dinare gefälschte Banknoten im Wert von mehreren Millionen Dollar gegen echte, neue Dinare eintauschen - über seinen Vertrauten Haji Sabbah, den Büroleiter des Finanzministers. Nach monatelangen Ermittlungen seiner Polizei-Sondertruppe ließ Allawi den Mann im März verhaften. Die amerikanischen Behörden in Bagdad, von Allawi auf dem Laufenden gehalten, begannen Chalabi fallen zu lassen.

Nun ist Iyad Allawi am Ziel: Washington hat dem neuen Ministerpräsidenten versprochen, dem Irak seine Souveränität zurückzugeben - während die US-Truppen im Land bleiben und ihren Krieg weiterführen gegen die wachsende Zahl von Irakern, die in ihnen keine Befreier, sondern Besatzer sehen.

Proteststürme gegen Allawis Ernennung blieben aus

Dennoch: Proteststürme gegen Allawis Ernennung blieben aus. Zwar kündigten die Radikal-Islamisten unverzüglich seine Ermordung an, aber viele Iraker begrüßen die Ernennung eines "starken Mannes", obwohl Allawi gleichzeitig der Wunschkandidat der CIA ist. Selbst Ayatollah Ali al-Sistani, der machtvolle Schiitenführer, der bislang fast alle Vorstöße Washingtons ablehnte, sandte Glückwünsche.

Ein Jahr Anarchie mit Selbstmordanschlägen, denen allein über 1000 Menschen zum Opfer fielen, mit marodierenden Milizen, konkurrierenden Todesschwadronen, Entführungen und Morden haben Amerikaner wie Iraker einfach mürbe gemacht: Hauptsache, es herrscht wieder Ruhe im Land. "Nach Demokratie fragt hier keiner mehr", stellt müde ihr angesehenster Verfechter fest, der nach Bagdad zurückgekehrte Exilpolitiker Ghassan al-Attiyyah: "Es geht nur noch um Stabilität! Allawi wird brutal sein. Aber wenn er scheitert, geht der Irak in Chaos und Bürgerkrieg unter."

Es ist eine Groteske der Geschichte, dass nun ausgerechnet der Mann regieren wird, der von der Abschaffung der Baath-Partei und Auflösung der Armee nie etwas gehalten hat - von Washingtons Kriegszielen mithin. Und der nun, wie einst Saddam, mit Hilfe der CIA als Garant gegen das Chaos (das damals Kommunismus hieß) an die Macht gebracht wird.

Ein begnadeter Doppelspieler

Dabei zeigt sich Allawi als begnadeter Doppelspieler: Einerseits will und wird er alles anders machen, als es die USA eigentlich vorhatten. Andererseits macht er alles mit, was die USA wirklich wollen. Als, so UN-Diplomaten, dort ein schriftlicher Zusatz des künftigen Ministerpräsidenten mit seinen Wünschen zur Irak-Resolution eintraf, fragte ein UN-Botschafter nach dem arabischen Originaltext des Allawi-Schriftstücks. "Oh, das müssen wir noch in Auftrag geben", war die belustigte Antwort des designierten US-Botschafters in Bagdad, John Negroponte. Iyad Allawi kennt die Spielregeln der Allmacht.

Gelernt hat er sie bei Saddam & Co.: Schon Anfang der sechziger Jahre, als die Baath-Partei sich kurzzeitig in Bagdad an die Macht putschen konnte, gehörte der schiitische Medizinstudent Allawi zu ihren Kadern. Anfang der Siebziger wurde er nach London geschickt, die dortige Iraker-Szene im Auge zu behalten - doch fand er sich bald von der Sunniten-Clique aus Tikrit an den Rand gedrängt, die unter Saddams Führung die Macht in Partei und Land übernahm. Mittlerweile als Agent des britischen Geheimdienstes aktiv, sollte er auf Geheiß Saddams 1978 ermordet werden.

Die Axt des Attentäters traf Allawis Bein, er überlebte knapp. 1991, nach dem ersten Golfkrieg, längst als Geschäftsmann reich geworden, begann er seine Polit-Karriere. Und sammelte mit Hilfe der CIA in seiner "Bewegung der Nationalen Eintracht" Hunderte aus dem Irak geflohene Ex-Baath-Funktionäre, Ex-Militärs, Ex-Geheimdienstler. Sozusagen das exilierte Spiegelbild des herrschenden Regimes. Darum haben ihn andere Exilanten auch im Verdacht, nicht das menschenverachtende System, sondern nur die Person an der Spitze ablösen zu wollen.

"Auflösung der irakischen Armee war fataler Fehler"

Genau das, mit Abstrichen, hat er jetzt vor: "Die Auflösung der irakischen Armee war ein fataler Fehler", verkündete er vergangene Woche: "Jetzt müssen wir die Fehler der Amerikaner ausbaden." Tausende ehemalige Offiziere und Soldaten sollen so rasch wie möglich wieder eingestellt werden, viele der einst gefürchteten Geheimdienstschergen sind schon wieder aktiv, und hinter den Kulissen laufen Verhandlungen mit hochrangigen Parteifunktionären, sie nicht vor Gericht zu stellen, wenn sie kooperieren.

Nach einem Jahr des Grauens ohne Aussicht auf Verbesserung hoffen nun auch jene auf Allawi, die jahrelang vor ihm gewarnt haben: "Einer muss jetzt die Drecksarbeit erledigen!", formuliert es ein vor 30 Jahren geflohener Ex-Kommunist, der eigentlich die Demokratie im Irak mit aufbauen wollte und lieber ungenannt bleibt: "Es wird Blutbäder geben, aber die Lage muss unter Kontrolle gebracht werden!" Wie - auch das hat Allawi bereits angekündigt: mit einer Amnestie für die neuen Gefolgsleute einerseits, mit Ausnahmezustand und Notstandsgesetzen andererseits. Nicht, dass in weiten Teilen des Iraks etwas anderes existiert als ein mörderischer Ausnahmezustand - aber mit der offiziellen Verhängung bekämen die Maßnahmen eine gewisse Legitimität.

Ohnehin ist die Mehrheit der Iraker wenig angetan von der Idee eines demokratischen Staates, in dem jeder seine Interessen vertreten kann. Denn die gebräuchlichsten Mittel der Interessenvertretung sind im Augenblick Panzerfäuste und Sprengsätze. Und jeder versucht zu holen, was er kriegen kann. Je länger der gegenwärtige Zustand anhält, desto mehr Iraker wollen wieder einen Diktator.

Saddams System ohne Saddam gewissermaßen

Wie künftig der Kampf gegen Al Qaeda-Anhänger oder die "Messias-Milizionäre" des radikalen Schiitenführers Muqtada as-Sadr geführt wird, darüber macht sich auch der Ex-Kommunist keine Illusionen: "Na, vollständige Überwachung, standrechtliche Erschießungen, Massenverhaftungen"- das klassische Programm eben. Saddams System ohne Saddam gewissermaßen. Oder, wie Allawi es vor irakischen Journalisten formulierte: "Wir werden mit der Härte des alten Regimes zuschlagen - aber ohne dessen Brutalität."

Christoph Reuter / Mitarbeit: Michael Streck print

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