Jacob Zuma Polygamist mit Maschinengewehr


Niemand spaltet Südafrika so sehr wie Jacob Zuma, der Chef der Regierungspartei ANC. Und doch hat er beste Aussichten, nächster Präsident des Landes zu werden - auch wenn sich selbst seine Anhänger nicht mehr sicher sind, ob das eine gute Idee ist. Von der Justiz jedenfalls braucht er vorerst nichts zu befürchten.
Marc Engelhardt, Johannesburg

Wenn Jacob Zuma mal wieder sein Lieblingslied anstimmt, vor einer Masse von Anhängern, die mitgröhlen, dann erinnert der 66-jährige Glatzkopf eher an einen Popstar als einen Politiker: Wäre da nicht der Text. "Awulethu uMshini wami", singt er, "Bringt mir mein Maschinengewehr." Kaum standesgemäß für einen Mann, der im kommenden Jahr Südafrikas neuer Präsidenten werden will. Doch seine Anhänger verteidigen den Kampfsong mit der Geschichte des Guerillakämpfers Zuma und des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), die ihre Erfolge beide im bewaffneten Kampf errungen haben. Seine Gegner wie die südafrikanische Literatur-Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer sind weniger herzlich: "Wenn man ihn nach seiner MG rufen hört, dann denke ich an Adolf Hitler in der Münchner Bierhalle", sagt die 85-jährige. Zuma, das sei einer, der den armen Massen das Blaue vom Himmel verspreche. "Und die Menschen glauben es, weil sie keine Alternative haben."

Kein Politiker spaltet Südafrika so sehr wie Jacob Zuma, der Ende vergangenen Jahres in einer Kampfabstimmung Präsident Thabo Mbeki als ANC-Vorsitzenden ablöste. Auch im Parteivorstand sitzen fast nur noch Zuma-Getreue. Mbekis Unterstützer sitzen hingegen im Kabinett, von dem der seit zehn Jahren regierende Präsident sagt, dass er es nicht vorzeitig auflösen wird. Doch 2009 wird so oder so gewählt. Wenn alles nach Plan geht, dann wird Zuma vom ANC als Präsidentschaftskandidat aufgestellt werden, und damit ist er in Südafrika praktisch schon Präsident. Doch nach Plan ist bei Zuma fast nie irgendetwas gegangen. Es bleibt also spannend.

Sohn einer Witwe und ohne formale Schulausbildung

Freunde bezeichnen den Mann als Vollblutpolitiker: Im Kampf gegen den mächtigen Präsidenten und das politische Establishment, so ihre Bilanz, lässt er sich auch von Schauprozessen und brutaler Ellbogentaktik nicht aufhalten. Anders als der abgehobene Mbeki stehe der langjährige Gewerkschafter mit beiden Beinen auf den Füßen und sei ein Mann der "kleinen Leute". Aufgewachsen als Sohn einer Witwe und ohne formale Schulausbildung, trat Zuma mit 17 Jahren dem im Apartheidsstaat verbotenen ANC bei und wurde später in dessen militärischem Flügel aktiv. Zuma wurde verhaftet und verbrachte zehn Jahre auf der berüchtigten Gefängnisinsel Robben Island, wo auch Nelson Mandela inhaftiert war. Aus dem Exil in Mosambik und Sambia kehrte Zuma unmittelbar nach der Legalisierung des ANC zurück nach Südafrika und verhandelte mit über die Post-Apartheids-Regierung. Zuma gehört der größten Ethnie im Vielvölkerstaat Südafrika an, den Zulu, deren Traditionen er immer wieder mit Verve feiert - etwa, als er nur mit Fell und Speer bekleidet bei seiner dritten Hochzeit vor den Kameras einen Volkstanz aufführte. Auch das macht ihn beliebt.

Doch all die politischen Meilensteine werden seit 2006 überschattet von Zumas Skandalen: Ungeschützter Sex mit einer HIV-positiven Frau ("Ich habe danach geduscht, um kein Aids zu bekommen"), die Zuma Vergewaltigung vorwirft - ein Gericht sprach ihn frei. Nun musste sich der bekennende Polygamist, der mindestens 18 Kinder von fünf verschiedenen Frauen hat, erneut vor Gericht verantworten, diesmal wegen Korruption und Betrugsvorwürfen. Von einem Freispruch hing seine weitere Karriere maßgeblich ab. Doch Zuma hatte Glück: Aus "technischen Gründen" werde er nicht weiter belangt, entschieden die Richter nun.

In Europa machte er die richtigen Geräusche

Seinen Ruf als substanzloser Populist versucht Zuma zu bekämpfen, seit er die Führung im ANC übernommen hat. Bei einer Europareise machte der designierte Chef von Afrikas größter Ökonomie bei Präsidenten und Premiers all die richtigen Geräusche: Anders als der seit Jahren stillhaltende Mbeki, kritisierte Zuma Simbabwes Präsident Robert Mugabe und forderte eine Lösung, die die Opposition mit einbeziehe. "Ich habe Oppositionsführer Morgan Tsvangirai getroffen, er ist ein Arbeiter wie ich und ein tapferer Mann." Die wirtschaftsfreundliche Politik werde unverändert weitergehen, versprach er zudem. Es gehe um einen neuen Führungsstil, nicht um eine neue Politik. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos erntete er dafür freundlichen Applaus.

Doch je mehr Zuma versucht, sich als Staatsmann zu verkaufen, umso mehr befremdet er seine Unterstützer. Der südafrikanische Gewerkschaftsbund "Cosatu", die ANC-Jugendbewegung und die Kommunisten, die ihn innerhalb des ANC stützen, wollen ein Ende der neoliberalen Politik Mbekis, von der bisher nur ein schmaler Mittelstand profitiert. Zumas Berater verlangen etwa eine neue Landpolitik: Ein Drittel des Farmlandes sollen bis 2014 in Händen schwarzer Bauern sein - bei weißen Bauern, die bis heute den Großteil der Landwirtschaft am Kap kontrollieren, weckt das unerfreuliche Erinnerungen an Mugabes Vertreibungen weißer Farmer in den vergangenen Jahren. Bei dem Thema aber ist Zuma seit einigen Monaten eigentümlich still.

Schon gibt es Kritiker in den eigenen Reihen, die die Kandidatur lieber ANC-Vizechef Kgalema Mothlante zuschanzen wollen, der sich in der zerrissenen Partei seit Monaten neutral gibt. In Wählerumfragen verliert der Populist Zuma seit Monaten an Zuspruch: Nur 36 Prozent der südafrikanischen Arbeiter, so eine letzte Umfrage, halten Zuma für den richtigen Mann - so gering war der Zuspruch für Mbeki seit seiner Wahl vor zehn Jahren nie. Kritiker fühlen sich in dem bestätigt, was sie schon immer gesagt haben.

"Ein stolzer kultureller Traditionalist

"Zuma steht nicht für Wandel oder Erneuerung", sagt der Rektor der University of South Africa, Barney Pityana, selbst langjähriges ANC-Mitglied. "Im Grunde ist er ein stolzer kultureller Traditionalist und nachweislich jemand, der Frauen als Sexualobjekte ansieht." Zuma mache sich für die Wiedereinführung der Todesstrafe stark, bekämpfe Homosexualität und habe von Wirtschaftspolitik keine Ahnung. Sein bestimmendes politisches Motiv, so glaubt Pityana, ist Rache. "Ich fürchte, unter einem Präsidenten Zuma werden wir mit Säuberungsaktionen und der Begleichung alter Rechnungen konfrontiert sein."


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