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Jahresrückblick

Afrika und Naher Osten: 2017 - das Jahr, in dem die Hungersnot zurückkehrte

Zum ersten Mal seit 2011 wurde in diesem Jahr eine Hungersnot ausgerufen. Millionen Menschen in Afrika und im Nahen Osten haben nicht genug zu essen. Die Katastrophen sind vor allem menschengemacht - und ein Ende ist nicht in Sicht.

Eine Frau hält am Standort einer Essensausgabe in Malualkuel im Sudan ihre abgemagerte Tochter im Arm

Eine Frau hält am Standort einer Essensausgabe in Malualkuel im Sudan ihre Tochter im Arm. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen hat sich die Zahl der Hungerleidenden im Sudan im Vergleich zum letzten Jahr verdoppelt

Spindeldürre Kinder mit aufgeblähten Bäuchen in den Armen von Müttern, die kaum Kraft haben, ihre Jüngsten zu halten. Hunderttausende Menschen in Zelten von Hilfsorganisationen, eingehüllt im Staub der trockenen Erde. Diese dramatischen Szenen gehören nicht der Vergangenheit an - sie spielen sich in mehreren Ländern Afrikas und im Jemen ab. Denn 2017 kehrte der Hunger infolge von Konflikten mit voller Wucht zurück. Es sind menschengemachte Krisen. "Nach Jahren der Konflikte und Flucht haben die Menschen ihre Belastungsgrenze erreicht", sagt die Leiterin der Notfalleinsätze beim UN-Welternährungsprogramm (WFP), Denise Brown.

Erstmals wieder Hungersnot im Südsudan

In Somalia starben 2011 mehr als 250.000 Menschen infolge einer verheerenden Dürre. In der Folge bereiten sich Helfer besser auf Hungerkrisen vor, es gab keine Hungersnot mehr. Doch in diesem Jahr musste in Teilen des Bürgerkriegslandes Südsudan erstmals wieder eine Hungersnot ausgerufen werden, die schlimmste Form einer Hungerkrise.

Auch im Nordosten Nigerias, in Somalia und im Jemen starben Menschen an den Folgen des Hungers. Mehr als 20 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen - den Vereinten Nationen zufolge die schlimmste humanitäre Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Besonders verheerend ist die Lage im Jemen. In dem bitterarmen Land im Süden der Arabischen Halbinsel tobt seit mehr als drei Jahren ein Bürgerkrieg zwischen vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen und einer von Saudi-Arabien angeführten Koalition. Die schwache Infrastruktur des Landes ist durch den Konflikt massiv zerstört worden, Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Anfang November verhängte Saudi-Arabien zudem eine Blockade über die See- und Flughäfen des Jemens. Dem Land drohe dadurch die weltweit schlimmste Hungerkatastrophe, warnten die UN, Millionen Menschen könnten sterben.
Ein Ende des Leids ist nicht absehbar, solange der Konflikt anhält.

Bürgerkrieg im Südsudan, Terror in Nigeria

Auch im jüngsten Staat der Welt, dem Südsudan, ist ein seit vier Jahren wütender Bürgerkrieg für das Leid der Menschen verantwortlich. Die im Februar verkündete Hungersnot in Teilen des Bundesstaates Unity wurde im Juni zwar für beendet erklärt, doch noch immer stehen 1,25 Millionen Menschen am Rande einer Hungersnot. Insgesamt sechs Millionen Südsudanesen - die Hälfte der Bevölkerung - brauchen dringend Nahrungsmittelhilfe.

Im armen Nordosten Nigerias wurde die Krise durch den islamistischen Terror von Boko Haram ausgelöst. In Somalia ist ein Konflikt, der seit einem Vierteljahrhundert andauert, gekoppelt mit einer Dürre für den Hunger verantwortlich. 

Es ist ein Teufelskreis: Konflikte treiben Menschen in die Flucht. Und Flucht bedeutet, die eigene Lebensgrundlage - Land, Tiere oder Job - zurückzulassen und auf Hilfsmittel angewiesen zu sein. Eine Rückkehr in ihre Heimat ist den Menschen oft nur möglich, wenn Frieden einkehrt. Doch auch dann kann es Jahre dauern, bis sich Bewohner wieder ein normales Leben aufbauen können. "Zehn unserer derzeit dreizehn größten Notlagen haben mit Konflikten zu tun", sagt Brown vom WFP. "Das war vor zehn Jahren noch nicht der Fall. Unsere Notfallmaßnahmen wurden eigentlich für Naturkatastrophen geschaffen."

"Ich habe so etwas noch nie erlebt"

Neben den großen Konfliktländern hat eine der schlimmsten Dürren seit Jahrzehnten auch mehrere Staaten am Horn von Afrika in eine Hungerkrise gestürzt. In Kenia sind 3,4 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, im ostafrikanischen Äthiopien haben 8,5 Millionen nicht genug zu essen.

Die meisten der betroffenen Äthiopier leben in der östlichen Somali-Region, ihre Lebensgrundlage ist meist Vieh. Die Tiere sterben in der Trockenheit massenweise. "Ich habe so etwas noch nie erlebt", sagt die Viehhirtin Amina Mohamed über die Dürre. Die Mutter von vier Kindern hat sich auf der Suche nach Essen und Wasser in ein Lager von Hilfsorganisationen gerettet. Einige ihrer spindeldürren Tiere konnte die 49-Jährige mitnehmen. "Ich habe Glück, dass einige meiner Rinder die Dürre bislang überlebt haben", sagt sie. "Aber wir können sie nicht nutzen, sie geben uns weder Milch noch Fleisch."

Klimawandel verstärkt laut Oxfam Hungerkrisen

Die Hungerkrisen in diesen Ländern ohne Konflikt und mit funktionierenden Regierungsstrukturen seien logistisch leichter zu bekämpfen, sagt die Ostafrika-Leiterin von Oxfam, Lydia Zigomo. Doch Hunderttausende von Menschen mussten ihr Zuhause verlassen und es fehle an Spenden. Zudem gebe es Anzeichen, dass die Dürre anhalten werde. "Hunger wird auch nächstes Jahr ein Problem sein." Der Klimawandel treffe diese Länder besonders stark. "Diese Hungerkrisen werden sich stets wiederholen, wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen", sagt Zigomo. Daher müsse es das Ziel sein, die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung zu stärken.

Für die von Konflikten verursachten Hungerkrisen sieht Brown aber nur eine Lösung: Frieden. Sie sagt: "Langfristig benötigt es Stabilität und Frieden und massive Investitionen in Entwicklung."


mad/Gioia Forster, Jan Kuhlmann, DPA