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Stichwahl-Kandidaten gekürt Kampf um Downing Street: Rishi Sunak greift nach Johnsons Erbe. Doch Liz Truss könnte ihm gefährlich werden

Ex-Finanzminister Rishi Sunak (l.) und Außenministerin Elizabeth Truss
Sie beide wollen künftig regieren: Ex-Finanzminister Rishi Sunak (l.) und Außenministerin Elizabeth Truss
© Jonathan Hordle / ITV / PA Media / DPA
Im Rennen um die Johnson-Nachfolge gilt der frühere Finanzminister Rishi Sunak als Favorit. Doch kurz vor der Stichwahl ist ihm Außenministerin Liz Truss dicht auf den Fersen – und hat das Momentum auf ihrer Seite. 

Im politischen London brodelt es. Und das liegt nicht nur an der brütenden Hitzewelle, die das Vereinigte Königreich tagelang heimsuchte. Auch die Tory-Wahl um die große Frage, wer in Boris Johnsons Fußstapfen tritt, sorgt für hitzige Debatten und erhöhte Saaltemperatur.

Nachdem eine Woche lang acht Kandidatinnen und Kandidaten in fast täglichen Wahlrunden gegeneinander angetreten sind, stehen die Top zwei für die Stichwahl fest: In seiner Favoritenrolle hat sich der ehemalige Finanzminister Rishi Sunak mit 137 Abgeordnetenstimmen am Mittwoch einen kleinen Vorsprung verschafft. Doch eine Frau ist ihm dicht auf den Fersen: Außenministerin Liz Truss konnte mit 113 Stimmen ordentlich Boden gut machen und ihre Konkurrentin, die Handels-Staatssekretärin Penny Mordaunt, mit acht Stimmen ausstechen. 

Wer nun am Ende in die Downing Street einzieht, entscheidet sich jedoch erst am 5. September. Während Sunak auf dem Papier als Favorit gilt, erlebt Truss ein überraschendes Momentum.

Rishi Sunak: Der Mann, der Johnson fallen ließ

Noch vor ein paar Monaten galt Senkrechtstarter Rishi Sunak als aussichtsreichster Kandidat für den Posten des nächsten Premiers. Im Februar 2020 wurde der Stanford-Absolvent mit indischen Wurzeln Finanzminister in Johnsons Kabinett und musste innerhalb kürzester Zeit die britische Wirtschaft durch Corona-Pandemie und Lockdowns steuern. Als Sunak damals versprach, "alles Erforderliche" zu tun, um den Menschen durch die schwierige Zeit zu helfen – und Unterstützung im Wert von 350 Milliarden Pfund in die Wege leitete – gingen seine persönlichen Umfragewerte durch die Decke.

Zwei Jahre später steckt die britische Wirtschaft noch immer in stürmischem Fahrwasser. Die Inflation ist mit 9,4 Prozent auf dem höchsten Stand seit 40 Jahren, für den Herbst wird wegen des Krieges in der Ukraine ein deutlicher Anstieg der Heizkosten erwartet. Infolgedessen hat sich auch der Blick auf den Finanzminister verdunkelt, der sich inzwischen nur noch zögerlich zu Milliardenhilfen bereit erklärte. Kritiker halten Sunak zudem vor, dass seine wohlhabende Ehefrau ein legales Schlupfloch nutzte, um selbst Millionen an Steuern zu sparen (der stern berichtete). Und obendrein muss sich der 42-Jährige – wie sein vormaliger Boss – mit einer Geldstrafe der Polizei auseinandersetzen, weil er im Juni 2020 bei einer der berühmt-berüchtigten Lockdown-Parties in der Downing Street zu Gast war.

Doch viel schwerer wiegt für viele konservative Parteimitglieder, die Entscheidung, die Sunak am 1. Juli traf. Mit seinem Rücktritt aus dem Kabinett brachte er die Steine ins Rollen, die Johnson Tage später zwangen, seinen Rücktritt als Parteivorsitz und Premier zu verkünden. Die Unterstützerinnen und Unterstützer von Johnson – der in seiner Partei noch immer Gewicht hat – kennen dafür nur ein Wort: Verrat.

Rückenwind bekommt Sunak stattdessen von seinen ehemaligen Kabinettskolleginnen und -kollegen sowie denjenigen, die Johnson ihr Vertrauen entzogen hatten. Viele Tories sehen ihn immer noch als richtigen Steuermann für die britische Wirtschaft – ein Image, das er selbst zu pushen versucht. In den TV-Debatten stellt Sunak sich stets als den einzigen Kandidaten dar, der Großbritannien retten kann. Er verspricht, die Inflation unter Kontrolle zu kriegen – auch wenn das erstmal keine Steuersenkungen bedeutet, eine eher unpopuläre Sicht unter Konservativen. Zudem will er sich gegen ein Unabhängigkeitsreferendum Schottlands stellen.

Liz Truss, die neue "Eiserne Lady"

Anders als Sunak, ist Außenministerin Liz Truss nicht auf den ersten Plätzen in das Rennen gestartet. Stattdessen hat sich die Kandidatin des rechten Tory-Flügels Runde für Runde weiter nach vorne gekämpft – und erlebt derzeit ein Momentum. Indem sie viele Stimmen der ausgeschiedenen Abgeordneten Kemi Badenoch für sich gewinnen konnte, verdrängte sie bei der entscheidenden Wahlrunde am Mittwoch Penny Mordaunt vom zweiten Platz.

Dabei gibt sich Truss gerne als Reinkarnation der "Eisernen Lady" Margaret Thatcher, eine Rolle, die sie bereits als junges Mädchen im Schultheater gespielt hatte. Ob Fotos im Kampfpanzer oder Schleifenbluse in TV-Debatten – ein Merkmal der verstorbenen Premierministerin – positioniert sich auch Truss als die echte "wahre Blaue".  In einem Gastbeitrag für den "Telegraph" beschreibt sie sich, als die einzige Kandidatin mit einem "wahrhaft konservativen" Wirtschaftsplan und schießt gegen die Steuererhöhungen Sunaks. Die 46-Jährige verspricht zudem "mutige Reformen" im Wohnungsbau sowie beim Abbau von Bürokratie und der Entflechtung von EU-Vorschriften.

Nach einer Blitzkarriere vom Start als Bildungsministerin im Jahr 2012 zur erst zweiten Frau als Außenministerin hat sich Truss unter den Konservativen nicht nur einen Namen gemacht – sie ist selbst ein Schwergewicht im Kabinett geworden. Dafür spricht auch eine Yougov-Umfrage unter Tory-Parteimitgliedern von Dienstag, die sie in einer Stichwahl vor Sunak sieht.

Doch auch Truss ist nicht unumstritten. Während sie sich im Brexit-Streit zu Beginn für die "Bleiben"-Seite stark gemacht hatte, wechselte sie kurz vor dem Referendum die Seiten und verkauft sich seither als große Brexit-Verfechterin. Im Kampf um den Tory-Vorsitz werfen ihr Kritiker zudem vor, inhaltlich wenig Ahnung zu haben und stattdessen auf heftige Attacken zu setzen. Von der "schmutzigsten Kampagne, die ich je gesehen habe", spricht beispielsweise der prominente Mordaunt-Unterstützer David Davis. Wer auch immer in die Downing Street einzieht, müsse viele Scherben aufkehren.

Ende von Boris Johnson öffnet neue Tür für Labour

Eines steht vor der Stichwahl fest: Bis auf, dass beide unter Boris Johnson gedient haben, könnten die Unterschiede zwischen Rishi Sunak und Liz Truss nicht größer sein. Dass darin für die Tories selbst ein gewisses Risiko liegt, zeigt der Fauxpas von Dienstagabend.

So musste der Sender "Sky News" nach Absagen von Sunak und Truss eine geplante TV-Debatte platzen lassen, da die Sorge zu groß war, die konservative Partei könne sich mit den hitzigen Streitgesprächen der beiden selbst mehr schaden als nützen. In jedem Fall ein gefundenes Fressen für die oppositionelle Labour-Partei, die prompt mit einem Debatten-Zusammenschnitt auftrumpfte, der den Tories in ihren eigenen Wortschnipseln eine miese Bilanz der vergangenen Regierungsjahre ausstellt.

Noch viel größer dürfte die Freude bei den Liberalen über die aktuellen Umfrageergebnisse von "Electoral Calculus" und "Find Out Now" sein. Auf die Frage, wen man wählen würde, wenn Sunak oder Truss an der Tory-Spitze stünden, zeigen die Ergebnisse einen klaren Vorsprung von zwölf Prozentpunkten für den Labour-Führer Keir Starmer – gegenüber neun Punkten bei einer von Mordaunt geführten Partei.

Für Sunak und Truss geht es nun um alles oder nichts. Doch ihr Schicksal muss warten, denn ab Donnerstag verabschiedet sich das britische Parlament in eine sechswöchige Sommerpause. So lange haben die rund 200.000 Parteimitglieder Zeit, per Briefwahl zu entscheiden, wer den Tory-Vorsitz übernehmen soll – und damit künftig in der Downing Street regiert.

Quellen: "Guardian", "BBC", "Sky News", mit AFP und DPA-Material


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