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Hingerichtete Extremistin Rischawi: Die Heldin für die Dschihadisten-Dynastie

Ihre Familie genießt im Islamischen Staat VIP-Status: Viele Sprösslinge der Rischawis opferten ihr Leben dem Dschihad. Deswegen war die hingerichtete Sadschida mehr als nur ein Symbol der Terroristen.

Neun Jahre saß Sadschida al Rischawi in der Todeszelle, nun wurde sie hingerichtet

Neun Jahre saß Sadschida al Rischawi in der Todeszelle, nun wurde sie hingerichtet

Der Strick ist die gängige Todesart für verurteilte Mörder in Jordanien. Auch Sadschida al Rischawi starb am Galgen. Sie dürfte die erste Frau seit langem gewesen sein, die dort hingerichtet wurde, denn in Jordanien wurde die Todesstrafe an Frauen lange schon nicht mehr vollstreckt. Doch Sadschida al Rischawi war nicht irgendeine Verurteilte, sie war eine Heldin, ein wichtiges Symbol - zumindest für die Kämpfer des Islamischen Staats, weswegen sie aus dem Gefängnis freigepresst werden sollte. Und beinahe wäre die Regierung in Amman auf den fragwürdigen Handel eingegangen – es wäre ein Triumph für die IS-Terroristen gewesen.

Der Deal sah ursprünglich vor, dass Jordanien die 44-Jährige ausliefert und dafür den abgestürzten jordanischen Piloten Maas al Kassasbeh am Leben lassen würde. König Abdullah war noch bis vor Kurzem bereit dazu, verlangte aber ein Lebenszeichen des "heldenhaften Soldaten". Das allerdings blieb aus und per Video lieferten die Terroristen den Grund dazu: Es zeigte den qualvollen Tod des Piloten, der in einem Käfig bei lebendigem Leib verbrannt wurde. Nur Stunden später richteten die Jordanier al Rischawi sowie den ebenfalls verurteilten Dschihadisten Siad al Karbuli hin.

Sie erwartete die Todesstrafe

Die gebürtige Irakerin saß seit neun Jahren in der Todeszelle. Sie hatte 2005 zusammen mit ihrem Mann einen Anschlag auf ein Hotel in Amman verübt – auf eine Hochzeitsgesellschaft. 60 Menschen kamen damals ums Leben. Nach ihrer Festnahme sagte die damals 35-Jährige, dass sie es im letzten Moment nicht geschafft hatte, den Zünder ihres Sprengstoffgürtels zu betätigen. Ihre Aussage wurde im jordanischen Fernsehen übertragen. Zu sehen war eine müde, emotionslose Frau in blauer Gefängnisuniform und Kopftuch, die laut ihres Anwalts erwarte, entweder zum Tode verurteilt oder zurück in den Irak geschickt zu werden.

Der Irak - ihre Heimat und Grund, warum Sadschida al Rischawi so wichtig für den IS war. Die Gotteskriegerin entstammt einem sunnitischen Stamm in der westlichen Provinz Al Anbar, heute IS-Gebiet. Die Gegend war berüchtigt für ihren Widerstand gegen die US-Besatzung und eine der Keimzellen von al Kaida im Irak, aus der wiederum der Islamische Staat hervorgegangen ist. Rischawi war zumindest eine enge Vertraute des früheren Anführers und Top-Terroristen Abu Mussab al Sarkawi, ein gebürtiger Jordanier, der 2006 bei einem US-Luftangriff ums Leben kam. Sie war zudem die Schwester eines seiner Gefolgsmänner, der im Kampf starb. Einer ihrer Cousins war Anführer einer sunnitischen Widerstandsbewegung.

Später widerrief sie ihr Geständnis

"Wegen ihrer Verbindungen zur al Kaida im Irak und zur folgenschwersten Auslandsoperation dieser Gruppe ist Sadschida al Rischawi weiter wichtig", sagte Aimen al Tamini, vom Institut Middle East Forum zur Rolle der Hingerichteten. Die Verantwortung für den Anschlag in dem Hotel hatte seinerzeit al Kaida im Irak übernommen.

Rischawi allerdings hatte später ihr Geständnis wiederrufen. Über ihren Anwalt ließ sie ausrichten, dass sie niemals die Absicht hatte, sich selbst in die Luft zu sprengen und nicht einmal versucht habe, den Sprengstoffgürtel auszulösen. Ihr Verteidiger plädierte deshalb darauf, dass sie ihre erste Aussage unter Druck gemacht, und ihr Mann, den sie erst wenige Tage vor dem Anschlag geheiratet hatte und der dabei ums Leben gekommen war, sie zu der Tat gezwungen habe. Während des Verfahrens stellte sich allerdings auch heraus, dass der Auslöser wohl betätigt worden sei, aber geklemmt habe.

"Eine alte, unwichtige Frau"

Seit dem Frühjahr 2006 saß Rischawi in einer Hochsicherheitszelle und soll ihre Tag mit dem Studium des Koran und dem Schauen islamischer Sender verbracht haben. "Sie ist eine alte Frau, die eigentlich nicht besonders wichtig war", sagte einer ihrer Cousins, der Nachrichtenagentur Reuters. Aber der Islamische Staat habe sie dennoch zu einer politischen Figur stilisiert. Auch deswegen, weil sich ihre ganze Familie dem Dschihad gewidmet hat und bei IS-Kämpfern als VIPs gelten. "Sie freizukriegen, wäre ein Zeichen der Ehrerbietung des IS an die sunnitische Basis im Irak gewesen", so Rischawis Cousin Mehdi Abu Risha.

Niels Kruse
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