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Abu Mussab el Sarkawi: Ein Star des Dschihad

Immer wenn eine Gräueltat die Iraker sprachlos macht, fällt der Verdacht auf Abu Mussab el Sarkawi. Doch der Jordanier bleibt ein Phantom. Auf seine Ergreifung ist eine Belohnung von zehn Millionen Dollar ausgesetzt.

Bilder wie diese gingen um die Welt: Vor laufender Kamera bezeichnet sich ein Mann als Selbstmord-Attentäter und umarmt herzlich eine Gruppe Maskierter. In der nächsten Aufnahme sitzt der Freiwillige auf der Ladefläche eines Lasters - der Finger ruht auf etwas, das aussieht wie der Zünder einer Bombe. Ruhig liest er eine Erklärung vor und sagt an seine Frau und Kameraden gerichtet: "Ich opfere mich für die Religion". Schließlich ist auf dem Video eine Brücke zu sehen, auf der gemächlich Autos fahren. Und dann füllt der riesige Feuerball einer Explosion das Bild.

Aus dem Video wird nicht klar, wo der Anschlag auf der Brücke stattfand. Aber auf zwei anderen Bändern ist die Attacke vom 14. Juni auf eine Anlage von General Electric dokumentiert, bei der 13 Menschen getötet und 62 verletzt wurden. Und beim Attentat vom 17. Mai auf den Präsidenten des mittlerweile aufgelösten irakischen Regierungsrates, Issedin Salim, ist das Auto mit der Kamera so nahe, dass die Windschutzscheibe durch die Einwirkung der Explosion springt. Salim und acht andere Menschen - darunter der Attentäter - starben bei der Aktion.

Sarkawis Netzwerk

Die Bänder wurden dem Korrespondenten des "Time"-Magazins, Michael Ware, zugespielt. Von Männern, die in engem Kontakt mit dem mutmaßlichen jordanischen Terroristen Abu Mussab el Sarkawi stehen sollen. Es ist nicht möglich, eine unabhängige Bestätigung für die Echtheit der Aufnahmen zu erhalten. Allerdings hat das Netzwerk von Sarkawi die Verantwortung für die beiden letztgenannten Attentate übernommen. Das Netzwerk hat sich auch zur Enthauptung des amerikanischen Geschäftsmanns Nicholas Berg und des südkoreanischen Übersetzer Kim Sun-il bekannt.

Ware traf sich über ein Jahr mit den Militanten. Im Gespräch mit der Fernsehnachrichtenagentur APTN in Bagdad erläutert er, die Botschaften sollten den Alliierten in Irak und ihren einheimischen Verbündeten eine eindeutige Nachricht übersenden: "Wir kriegen euch. Ihr könnt uns nicht stoppen." Außerdem spielten sie Sarkawi als Star des von Osama bin Laden ausgerufenen globalen Dschihad in den Vordergrund.

Die Videos unterstrichen ferner die wachsenden technischen Fertigkeiten der Gruppe und verdeutlichten, wie das Netzwerk neue Anhänger anwerbe. Ware hat bei seinen Recherchen nach eigenen Worten oft diese Aussage gehört: "Ihr habt eine Menge Technologie. Aber ihr habt Angst vor dem Tod - und wir nicht." Im vergangenen Monat flog die US-Luftwaffe vier Angriffe in Falludscha auf vermeintliche Stellungen von Sarkawi, bei denen Dutzende Menschen ums Leben gekommen sein sollen.

"Islamistischer Terror" und "Widerstand gegen die Besatzung"

Immer wenn eine besonders schlimme Gräueltat die Menschen im Irak sprachlos macht, fällt der Verdacht auf Abu Mussab el Sarkawi. Zwar deutet vieles darauf hin, dass die US-Armee für die Gewalt im Irak - wie etwa in Falludscha - grundsätzlich lieber ausländische Kämpfer verantwortlich macht als Iraker. Denn dann kann sie auch die Angriffe gegen ihre eigenen Soldaten als "islamistischen Terror" definieren und nicht als "Widerstand gegen die Besatzung". Dennoch bestreitet niemand ernsthaft, dass im Irak neben den Überresten des Saddam-Regimes, den schiitischen Milizionären und dem Heer der militanten Besatzungsgegner auch ausländische Extremisten am Werk sind. Auch gibt es Hinweise darauf, dass sich Sarkawi, der zwar Beziehungen zu El Kaida haben soll, ansonsten aber wohl relativ autonom operiert, im Irak aufhält. Sarkawi, der der sunnitischen Glaubensrichtung des Islams angehört, hat angeblich ein Strategiepapier entwickelt, wie man Schiiten und Sunniten im Irak durch Anschläge gegen einander aufhetzen könnte.

Im Oktober 1966 wurde der Mann, der mit bürgerlichem Namen Ahmed Nazzal al Khalailah heißt, in Jordanien als Sohn palästinensischer Flüchtlinge geboren. Seine Geburtsstadt Sarka fand später Eingang in den Kampfnamen El Sarkawi. In den 80er Jahren soll er erstmals in den "Heiligen Krieg" gezogen sein - damals gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan. Später soll er das islamistische Netzwerk El Tawhid geknüpft haben. Die Terrorgruppe soll in Deutschland Anschläge auf jüdische Einrichtungen geplant haben.

Gesicherte Erkenntnisse über Abu Mussab el Sarkawi sind spärlich. Auf den Fahndungsfotos ist ein Mann mit dunklen, starren Augen und Vollbart zu erkennen. Am Kinn soll er eine Narbe haben, auf seiner linken Hand sind angeblich mehrere Punkte eintätowiert. In den Irak kam Sarkawi nach Ansicht der US-Behörden, nachdem er im Kampf gegen die Amerikaner in Afghanistan schwer verletzt wurde. In Bagdad soll ihm 2002 ein Bein amputiert und eine Prothese angepasst worden sein. Der Mann ist ein Phantom, für dessen Ergreifung die US-Regierung eine Belohnung von zehn Millionen Dollar ausgesetzt hat.

In Abwesenheit zum Tode verurteilt

Vor dem 11. September 2001 soll Sarkawi ein El-Kaida-Camp im afghanischen Herat geleitet haben. Er gilt als Experte für chemische und biologische Kampfstoffe und soll auch hinter einem kürzlich aufgedeckten Komplott für Anschläge mit Chemiewaffen in Amman stecken, die nach Ansicht des jordanischen Geheimdienstes tausende Zivilisten das Leben gekostet hätten. Für die Ermordung des Vorsitzenden der staatlichen amerikanischen Hilfsorganisation USAID, Laurence Foley, wurde Sarkawi Anfang April 2004 in Jordanien in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Anne-Beatrice Clasmann/DPA / DPA