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6. Januar 2021 Jagd auf den Secret Service: Wo sind die Textnachrichten vom Kapitolsturm?

Ein Secret-Service-Team sichert am 6. Januar 2021 das "Dirksen Senate Office Building" auf dem Kapitol in Washington.
Ein Secret-Service-Team sichert am 6. Januar 2021 das "Dirksen Senate Office Building" auf dem Kapitol in Washington.
© Rod Lamkey / Action Press
Was ist mit den Textnachrichten passiert, die der Secret Service rund um den Sturm auf das US-Kapitol verschickt hat? Offenbar wurden sie gelöscht. Bis auf eine. Je tiefer die Ermittler graben, desto widersprüchlicher wird die Geschichte.

Es ist nicht so, als sei der Parlamentsausschuss zum 6. Januar unterbeschäftigt. Zwar ergeben die unzähligen Puzzleteile langsam ein Bild dieses Mittwochs, der als einer der schwärzsten Tage in die Geschichte der USA eingegangen ist. Und doch fehlen noch entscheidende Stimmen, etwa die vom damaligen US-Präsidenten Donald Trump. Auch die Aufzeichnungen seiner Personenschützer vor, während und nach dem Kapitolsturm würden den Ermittlern helfen, doch die sind auf rätselhafte Weise verschwunden. Bis auf eine einzige Textnachricht.

Eine Kapitol-Nachricht ist übriggeblieben

"Das ist alles, was wir haben", stellte die demokratische Abgeordnete Stephanie Murphy etwas baff fest. Denn eigentlich müsste es unzählige SMSe und andere Nachrichten der Secret-Service-Mitarbeiter von diesem Tag geben. Doch nur diese eine Nachricht, die Unterstützungsbitte des damaligen Kapitolpolizisten Steven Sun, wurde jetzt den Abgeordneten des US-Repräsentantenhauses übergeben. Über den Verbleib der restlichen Kommunikation gibt es zwar eine offizielle Erklärung, die aber mehr Fragen aufwirft, als das sie Antworten bietet.

Die SMSe und Nachrichten sollen unter anderem helfen herauszufinden, welche Rolle Donald Trump an dem Tag gespielt hat. Fünf Menschen starben im Zuge der Ausschreitungen damals. Eine ehemalige Mitarbeiterin des Weißen Hauses, Cassidy Hutchinson, sagte aus, dass Trump seine obersten Personenschützer am 6. Januar angeblich wütend aufgefordert habe, ihn zum Kapitol zu fahren. Die allerdings hätten sich geweigert.

Mitte Juli hatte das für die Personenschützer des Präsidenten zuständige Heimatschutzministerium mitgeteilt, dass "mehrere" Textnachrichten von Sicherheitsleuten des Secret Service am Tag der Kapitol-Attacke gelöscht worden sein. Grund dafür sei ein Geräteaustauschprogramm gewesen, bei dem die Telefone auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt worden waren. Unmittelbar nachdem die Erklärung öffentlich wurde, stand die Frage im Raum, ob die Nachrichten absichtlich entfernt worden sein könnten, um etwas zu vertuschen.

Wann genau wurden die Nachrichten angefragt?

"Der Ausschuss wird über diese außerordentlich beunruhigende Vernichtung von Unterlagen unterrichtet werden und entsprechend reagieren", sagte der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, Bennie Thompson damals. Der Secret Service wies die Vorwürfe zurück: "Die Unterstellung, der Geheimdienst habe Nachrichten auf Anfrage böswillig gelöscht, ist falsch", hieß es, vielmehr habe man uneingeschränkt mit dem Heimatschutzministerium zusammengearbeitet. Zudem habe das Ministerium erst am 26. Februar Daten angefragt – Wochen, nachdem der Austausch der Geräte begonnen hatte.

Das allerdings stellt sich aus Sicht des beaufsichtigenden Generalinspekteurs des Heimatschutzministeriums, Joseph Cuffari, anders dar. Die Nachrichten seien gelöscht worden, nachdem sein Büro Aufzeichnungen der elektronischen Kommunikation rund um den 6. Januar angefordert habe, hieß es in seinem Schreiben. Cuffari kritisierte zudem, dass der Secret Service die Bereitstellung anderer Unterlagen verzögert habe. Laut der "Washington Post"  habe der Generalinspekteur wiederum schon im Februar gewusst, dass die Kommunikation verschwunden war. Im Oktober 2021 wollte Cuffari die Öffentlichkeit über die Blockadehaltung der Behörden informieren, tat es aber nicht. Warum genau, ist noch unklar.

Die Kritik will der Secret Service nicht auf sich sitzen lassen. Sprecher Anthony Guglielmi sagte jetzt, die Vorschriften der Behörde würden es aus Sicherheitsgründen verbieten, Textnachrichten weiter zu verwenden. Er räumte jedoch ein, dass die Handys von 24 Mitarbeitern, deren SMS-Verläufe vom Ausschuss angefragt worden seien, gar nicht vom Gerätetausch betroffen waren. Vehement schloss Guglielmi die Existenz "geheimer Nachrichten" aus, ebenso, dass irgendetwas anderes vor den Ermittlern geheim gehalten werden solle.

"Das alles bleibt ein großes Rätsel"

Die Ausschussmitglieder verlieren angesichts der unplausiblen Erklärungen des Secret Service langsam die Geduld: "Das alles bleibt ein großes Rätsel", sagte der Abgeordnete Jamie Raskin von der Demokratischen Partei. Seine Kollegin Stephanie Murphy fasst im Sender MSNBC das Problem zusammen: Der Secret Service "hat am 16. Januar vier Anfragen vom Untersuchungsausschuss erhalten, die Aufzeichnungen zu archivieren. Der Geräteaustausch war da schon für den 25. Januar geplant. Und niemand ist auf den Gedanken gekommen zu sagen, 'vielleicht sollten wir die Daten nicht umziehen und warten, bis sie beim Kongress sind'"? Jamie Raskin formuliert es drastischer: "Es ist schon ein seltsamer Zufall, dass ausgerechnet die Textnachrichten im Nirgendwo verschwinden, die während des gewalttätigsten Aufstands in unserem Land seit dem Bürgerkrieg geschrieben wurden. Ich rieche eine Ratte."

Wie es nun in dem Fall weitergehen soll oder wird, ist juristisch wie technisch unklar. Während sich der Secret Service auf generelle Vertraulichkeitsregeln beruft, glauben Experten wie Jonathan Turley von der George-Washington-Universität, dass diese "Aufzeichnungen die Geschichte der Nation sind", also an die Öffentlichkeit gehören. Unterdessen versuchen die Behörden mit forensischen Mitteln an "alle verfügbaren Metadaten" heranzukommen, um die verlorenen Nachrichten doch noch irgendwo aufspüren zu können.

Quellen: DPA, AFP, "The Hill", "Washington Post", AP News.-


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