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Lateinisch statt Kyrilisch: Kasachstan bekommt ein neues Alphabet - per Dekret

Seit 1940 schreibt man in Kasachstan auf Kyrillisch. Dieses Überbleibsel aus der Sowjetzeit will Präsident Nasarbajew nun loswerden. Ein überfälliger Schritt, finden viele. Doch ein neues Alphabet zu finden, ist gar nicht so einfach.

Der Präsident von Kasachstan Nursultan Nasarbajew will bis 2025 die kyrillische Schrift durch eine lateinische ersetzen

Der Präsident von Kasachstan Nursultan Nasarbajew will bis 2025 die kyrillische Schrift durch eine lateinische ersetzen

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Qazaqstan Respy’bli’kasy. So wird man in Zukunft in Kasachstan den Namen der eigenen Republik schreiben müssen. So hat es der erste und bis dato einzige Präsident des Landes Nursultan Nasarbajew per Dekret verordnet. Bis 2025 will er das kyrillische Alphabet durch ein lateinisches ersetzt haben.

Bislang wird die kasachische Sprache durch kyrillische Zeichen und einige Sonderzeichen dargestellt, ein Vermächtnis aus der Sowjetzeit. In Zukunft sollen 32 lateinische Buchstaben benutzt werden. Der Clou: Neun der Buchstaben werden mit einem Apostroph versehen, um besondere Laute des Kasachischen verschriftlichen zu können.

Der Wechsel vom Kyrillischen ins Lateinische wird in Kasachstan größtenteils begrüßt - zumindest als solcher an sich. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 kämpft das Land wie viele ehemalige Sowjetstaaten um eine neue nationale Identität. Seit seinem Amtsantritt vor 26 Jahren ist Nasarbajew bemüht, die Hegemonie des russischen Kulturerbes zu zerschlagen, gleichzeitig aber gute Beziehungen zu Moskau aufrechtzuerhalten. Und bislang ist ihm der Spagat gelungen.

Sprache als Politik

Die Sprache ist aber ein höchst sensibles Thema. An die 30 Prozent der Bevölkerung, zu der auch viele Russen gehören, sprechen bis heute ausschließlich Russisch. Selbst unter der Volksgruppe der Kasachen gibt es viele, die des Kasachischen nicht mächtig sind.

Dennoch wurde das Kasachische zur Staatssprache erhoben, während Russisch weiterhin als zweite Amtssprache benutzt wird. "Erst wenn das Kasachische überall genutzt wird und wirklich zur Amtssprache aufsteigt, können wir unser Land einen kasachischen Staat nennen", erklärte Nasarbajew 2012, als er zum ersten Mal von seinen Plänen sprach, die kasachische Sprache zur "modernen Informationssprache" umwandeln zu wollen. "Der Kasache muss mit dem Kasachen auf Kasachisch sprechen“, forderte er. Darin sehe der Präsident die Zukunft der Republik. 

Nun macht er aus seinen Plänen Realität und tilgt mit dem kyrillischen Alphabet auch die letzten Spuren der sowjetischen Herrscher aus dem Kasachischen. Doch das vorgeschlagene neue Alphabet versetzt Linguisten einen Schock. Das Problem sind die vielen Apostrophe.

"Wir wollen die Sprache modernisieren, aber wir schneiden uns selbst vom Internet ab", warnte der politische Analyst Aidos Sarym bereits im vergangenen Jahr in einem Interview mit dem Radiosender Azzatyq. Die Verwendung von Apostrophen würde etwa Google-Suchen oder die Erstellung von Hashtags unmöglich machen.

"Das tut doch in den Augen weh"

Auch der ehemalige Direktor des Instituts für Sprachwissenschaft, Scherubai Kurmanbayuly, kritisiert das neue Alphabet und hält es für eine übereilte Entscheidung. "Wahrscheinlich war es eine politische Entscheidung, die aus uns unbekannten Gründen getroffen wurde", glaubt er. "Bestimmte Laute der kasachischen Sprache müssten mit separaten Zeichen abgebildet werden."

Wie viele andere Linguisten rät auch er dazu, sich am Beispiel des Türkischen zu orientieren, wo Umlaute benutzt werden. 

"Niemand weiß, woher Nasarbajew diese schreckliche Idee hatte", kommentierte Timur Kocaoglu, Professor für internationale Beziehungen und Türkeistudien an der Michigan State University gegenüber der "New York Times" das Apostrophen-Alphabet. "Kasachische Intellektuelle lachen sich kaputt und fragen: Wer kann denn so etwas überhaupt lesen? Das tut doch in den Augen weh."

In Kasachstan schrieb man schon mal auf Lateinisch

"Das ist das Grundproblem unseres Landes: Wenn der Präsident etwas sagt oder auf eine Serviette schmiert, hat jeder zu applaudieren", so Aidos Sarym, der auch Mitglied der sprachlichen Reformkommission im vergangenen Jahr war. 

Übrigens wäre es nicht das erste Mal, dass in Kasachstan die lateinische Schrift geschrieben wird. 1929 wechselte man in dem asiatischen Staat vom arabischen ins lateinische Alphabet. Erst 1940 wurde das Kyrillische eingeführt. 

So soll das neue lateinische Alphabet in Kasachstan aussehen

So soll das neue lateinische Alphabet in Kasachstan aussehen

ivi