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Kenia: In den Slums von Nairobi

Kibera und Mathare sind die größten Slums Nairobis, über 1,5 Millionen Menschen leben hier. Die meisten unterstützen Raila Odinga und die kenianische Opposition. Das Einzige, was man bisher an diesen Orten lieben konnte, war die Solidarität untereinander. Bisher.

Von Christian Parth, Mathare

Es stinkt nach Kot und Urin, nach billigem Klebstoff und selbst gebranntem Chang'aa. Zwischen den geplünderten Hütten von Mathare sucht Julius Mwelu noch immer nach einem seiner beiden Brüder. Den einen hat er schon gefunden, unten am Fluss, mit klaffenden Wunden in Kopf, Armen und Beinen. Der andere bleibt verschollen. Wahrscheinlich hat er es nicht bis zur Straße geschafft, fürchtet Mwelu und blickt auf einen blutverschmierten Steinbrocken, auf dem vor einigen Tagen der Schädel eines Nachbarn zertrümmert wurde. Als die Angreifer mit den Macheten kamen, ist Mwelus Familie in alle Richtungen auseinandergestoben. Wenn der Mob seinen Bruder erwischt haben sollte, hatte er keine Chance, sagt er. Manche Menschen in Kenia sind zu Bestien geworden, seit das Land gescheitert ist, demokratische Wahlen abzuhalten.

Die Heimat von Julius Mwelu, 22, ist Mathare, der zweitgrößte Slum der Hauptstadt Nairobi. Das Elendsviertel liegt in einer Kuhle nördlich der Innenstadt. Wenn es regnet, läuft sie voll wie eine Badewanne ohne Abfluss, ein Klärbecken - Heimat für rund 500.000 Menschen. Mwelu ist ein etwas untersetzt gebauter Bursche, mit wattigem Händedruck und einer typischen Slum-Kindheit: Im Alter von vier Jahren fing er an Klebstoff zu schnüffeln, mit acht verließ er den elterlichen Wellblechverschlag, verkaufte alte Nägel und Elektroschrott und mietete sich mit drei anderen Kindern eine eigene Hütte.

Doch als er zwölf war, entdeckte er die Fotografie. Seitdem dokumentiert er mit einer Kamera sein tägliches Leben. In den vergangenen Tagen hat er nationale Geschichte digital gesichert, die schlimmsten Akte der Gewalt seit der Unabhängigkeit Kenias vor 45 Jahren. Mwelu lief durch den Slum, fotografierte schreiende Frauen, brennende Busse und Menschen, die, vom Zorn besessen, andere mit Holzlatten zu Tode prügeln. "Diese Gewalt hat unser Land um 25 Jahre zurückgeworfen", sagt er. Die Zahlen der Regression: Mindestens 480 Tote, 255.000 Menschen ohne Obdach, mehrere Tausend auf der Flucht.

Nach dem Wahlen brannten die Slums

Der Rückschritt in vergangen geglaubte Zeiten hat in Kenia am 27. Dezember begonnen. Das Volk war aufgerufen, Parlament und Präsident zugleich zu wählen. Nach einer fragwürdigen Stimmauszählung hat sich Machtinhaber Mwai Kubaki, Angehöriger des Stammes der Kikuyu, zum Sieger erklären und rasch für weitere fünf Jahre vereidigen lassen. Raila Odinga, sein Kontrahent vom Orange Democratic Movement (ODM) und Mitglied der Luos, brachte daraufhin seine Leute auf die Straße. Vor allem aus den Slums strömten sie in die Innenstadt, um gegen den Wahlbetrug zu demonstrieren. Doch Kibaki ging mit harter Hand dazwischen. Mit Gewehren und Knüppeln drängten Soldaten die Massen zurück in die Elendsviertel, wo sich Bewohner und marodierende Banden nun gegenseitig bekriegen.

"Wir haben hier lange friedlich zusammengelebt. Und jetzt das", sagt Julius Mwelu und zeigt auf seine geplünderte Hütte. Menschen von mehr als 40 verschiedenen Stämmen leben in den Slums von Nairobi, teilen Essen und Sorgen. Doch nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse sind sie auch in Mathare aufeinander losgegangen. Enttäuschte Luos jagten Kikuyu, die wiederum rächten sich mit Gegenangriffen. Die Kämpfe der vergangenen Tage nur auf Konflikte zwischen den Ethnien zu reduzieren, sei zu einfach, sagt Mwelu, Mitglied der Luja, eines Stamms ohne traditionelle Feindbilder. "Hier jagt jeder den anderen, es herrscht Anarchie."

Vorher war Kenia Afrikas Vorzeige-Demokratie

Im westlichen Rift Valley jagten Anhänger Odingas 50 Kikuyu in eine Kirche, zündeten sie an und ließen die Menschen bei lebendigem Leib verbrennen, darunter Frauen und Kinder. Noch immer kommt es täglich zu Übergriffen. Auf den Straßen nach Westen rannten die Menschen um ihr Leben, rüber ins benachbarte Uganda. Im Süden schlugen sie sich nach Tansania durch. Viele Menschen, auch in den umliegenden Ländern hungern, weil in Kenias Hafenmetropole Mombasa mehr als 30.000 Tonnen Lebensmittel feststecken. Bis vor den Wahlen galt Kenia noch als Vorzeigenation Ostafrikas. Das Land hatte sich von der Völkermordstimmung der Nachbarn Somalia und Ruanda nicht anstecken lassen. Und immerhin betrug das Wirtschaftswachstum trotz ausufernder Korruption knapp sieben Prozent. Jährlich kommen rund 1,2 Millionen Touristen ins Land, vergangenes Jahr allein 87.000 Deutsche.

An den Bahngleisen, die sich durch den stinkenden Slum schlängeln, haben sich Hunderte Menschen versammelt. "No Odinga, no Peace", riefen sie, während weiß gewandete Katholiken an ihnen vorüberziehen und mit kräftiger Stimme Gott um Hilfe anflehen. Ohne Odinga wird es keinen Frieden geben, und jetzt auch keine Eisenbahn mehr. In der Nacht haben die erzürnten Mitglieder der orangefarbenen Opposition mit kleinen Hämmern ein Schienenstück aus dem Gleisbett geschlagen und damit die einzige Zugverbindung nach Uganda gekappt. Ein Mann brüllt: "Sollen die doch verhungern. Das ist uns doch egal." Die Masse klatscht und reißt kampfeslustig die Fäuste empor.

Auch in Kibera kippte die Stimmung

"Es ist demütigend, wenn wir gerade jetzt zuschauen müssen, wie täglich Nahrung an unsere Nase vorbei gefahren wird", sagt Lillian Oyugi. "Wir müssen Zeichen setzen, damit Kibaki endlich kapiert, was hier los ist." Lillian, 26, lebt seit ihrer Geburt in Kibera, im Süden der Hauptstadt. Es ist der größte Slum Nairobis, Kenias und mutmaßlich ganz Afrikas. Zweifellos aber ist es einer der übelsten Orte, die von Menschenhand je geschaffen wurden. Nachdem Sudanesen im ersten Weltkrieg für die britische Krone ihren Kopf hingehalten hatten, ließen sie sich im Südwesten Nairobis nieder. Heute leben rund eine Million Menschen hier im Dreck, auf den sie quadratische Wellblechhütten gestellt haben, um darin zu hausen. Der Geruch menschlicher Exkremente brennt in der Nase, überall verteilt liegen bunte Müllhalden, in denen die Bewohner barfuß und in Shorts nach Essensresten wühlen und in den Pausen darauf ein Nickerchen einlegen.

Auch Lillian rannte um ihr Leben, als das Töten begann. Mit ihrer Mutter und sechs Geschwistern kauerte sie tagelang in ihrer Hütte. Als in der Nähe ein angeschossener Mann um Hilfe schrie, rannte sie raus und stoppte die Blutung mit einem ihrer T-Shirts. Dann kamen die Polizisten zu ihr, traten die Tür ein und sprühten Tränengas. Lillian hatte Glück. "Ich will endlich raus hier", flüstert die Luo.

Trotz Jobs immer noch im Slum

Sie ist auf einem guten Weg. Vor drei Jahren arbeitete sie als Komparsin für einen Dokumentationsfilm über ihr Ghetto. Danach setzte sie sich monatelang täglich auf die Treppen vor dem Produktionsbüro in Nairobi, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Vergangenes Jahr durfte sie die Castings für "Heart of Fire" machen, ein Film über Kindersoldaten. Inzwischen arbeitet sie für das Unternehmen Vollzeit am Empfang. "Aber raus aus Kibera habe ich es noch nicht geschafft, dafür reicht das Geld noch nicht", sagt sie und blickt verschämt über den zwei Quadratkilometer großen Moloch, rüber auf die andere Seite der Mauern, auf die Villen der Reichen und den Royal Nairobi Golf Club. "Das einzige, was man an diesem Ort bislang lieben konnte, war die Solidarität unter den Leuten. Und es ist Odinga, der uns alle repräsentiert."

In Kibera wird der charismatische Führer der ODM als Messias gepriesen. Er nennt sich "Präsident der Armen", vermutlich auch deshalb, weil der Slum zu seinem Wahlbezirk gehört. Früher sei er Sozialist gewesen, sagt er, mit Ingenieursstudium in der DDR. Seinem Sohn gab er den Namen Fidel Castro. Von den Ideologien der Genossen ist bei Raila Odinga indes nicht viel hängen geblieben. Kurz vor Beginn des Wahlkampfes kaufte sich der Unternehmer einen roten Hummer, einen Geländewagen, mit dem vor allem US-Hip-Hop-Stars ihren Reichtum demonstrieren.

Es gibt wieder Lebensmittel - und Chang'aa

Auf Druck von Staatsmännern und Nobelpreisträgen verhandeln Kibaki und Odinga wieder über eine Lösung der Misere. Die angekündigten Protestmärsche der ODM-Anhänger ließ Odinga abblasen, um den schwierigen politischen Prozess nicht zu gefährden. Am Freitag werden sich die Rivalen erstmals persönlich treffen. Eine wahrscheinliche Lösung ist eine dreimonatige Übergangsregierung mit anschließenden Neuwahlen.

Die Fortschritte auf der politischen Ebene lassen in die Slums allmählich das Leben zurückkehren. Es gibt Gemüse und Eier, und in Mathare, unten am Fluss, qualmen auch die Blechtonnen wieder, in denen die Jugendlichen den Chang'aa brennen, 20 Liter für 1000 Schilling, umgerechnet zehn Euro. Das Geschäft läuft gut, die Leute gieren nach dem Fusel aus Zucker, Mais und Chemikalien. Seinen Bruder hat Julius Mwelu noch immer nicht gefunden. Gestern erst hat er mit Helfern des Roten Kreuzes eine Leiche aus den schlammigen Ufern des Gitathuru gezogen.

Auch der Glaube an Odinga bröckelt

Was die Politik treibt, ist dem jungen Fotografen inzwischen egal. Ob Kibaki oder Odinga, das macht doch keinen Unterschied, glaubt er. Seit Beginn der Gewalt hat sich keiner der beiden hier blicken lassen. Mwelu will Frieden, Essen und sein Projekt nach vorne treiben. Seit 2004 bringt er den Kindern von Mathare das Fotografieren bei. Er selbst macht inzwischen Bilder im Auftrag der Vereinten Nationen. Von seinem Gehalt kauft er Bücher und Kameras. "Viele meiner Kinder haben wirklich Talent", sagt Mwelu. "Aber auch unter Odinga würde das da draußen wohl kaum jemanden interessieren."