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Kolumbien-Venezuela-Guerilla: Chavez sponsert angeblich Terroristen

Die diplomatische Krise zwischen Kolumbien und den Nachbarländern Venezuela und Ecuador hat einen neuen Tiefpunkt erreicht: Kolumbien wirft Venezuela vor die von den USA und der EU als terroristisch eingestufte Rebellenorganisation Farc heimlich mit 300 Millionen Dollar unterstützt haben.

Von unserem Korrespondenten aus Caracas

Kolumbianische Elitesoldaten hatten am Samstag ein Lager der Farc in den ecuadorianischen Anden angegriffen und dabei 21 Rebellen getötet. Das prominenteste Opfer des Militäreinsatzes war der Sprecher des Farc-Generalkommandos, Raul Reyes. Der Tod des untersetzten Guerillakommandeurs bedeutet für die Farc eine schwere Niederlage. Mindestens ebenso wichtig wie das gewaltsame Hinscheiden der Nummer zwei der Farc dürfte für die kolumbianische Regierung aber der Fund von mehreren Computern sein, in denen Reyes seine Korrespondenz abgespeichert hatte.

Die kolumbianischen Ermittler untersuchten bislang erst einen der insgesamt drei Laptops, doch schon auf diesem fand sich genügend explosives Material, um die Region in die Krise zu stürzen.

"Wir (die Farc) stehen stets bereit, im Falle eines Angriffs der Gringos (der USA) unsere bescheidenen Kenntnisse zur Verteidigung der bolivarischen Revolution in Venezuela zur Verfügung zu stellen", heißt es beispielsweise in einem Brief, den der kolumbianische Polizeichef, General Oscar Naranjo, am Montag der Presse präsentierte.

Venezuela soll der Farc 300 Millionen Dollar zukommen lassen haben

Diese freundschaftlichen Zeilen verfasste demnach kein geringerer als der oberste Farc-Chef Pedro Antonion Marín alias "Manuel Marulanda". Auch der Adressat des auf Reyes' Festplatte gefundenen Briefs ist nach Angaben des kolumbianischen Polizeichefs kein Unbekannter: Es handelt sich um Venezuelas Präsident Hugo Chávez.

Dass der Führer der bolivarischen Revolution in Venezuela und die marxistische Guerilla gute Beziehungen pflegen, ist kein Geheimnis. Dank der Vermittlung des venezolanischen Präsidenten erlaubte die Farc Anfang des Jahres sechs Entführten die Rückkehr zu ihren Familien. Aus Sicht der kolumbianischen Sicherheitsbehörden deuten die nun vorgelegten Dokumente allerdings auf wesentlich engere Kontakte zwischen der Farc und der Regierung in Caracas als bisher bekannt hin. Die Vermutung liege nahe, dass zwischen beiden Seiten eine Art Allianz bestand, sagte Naranjo. Nach Angaben des kolumbianischen Chefermittlers geht aus einem Brief des Farc-Verhändlers Iván Márquez vom 14. Februar 2008 an die Führung seiner Truppe hervor, dass die venezolanische Regierung der Farc 300 Millionen Dollar zukommen ließ.

Venezuela und Ecuador brachen diplomatischen Beziehungen ab

Sollten die Vorwürfe Kolumbiens zutreffen, hätte umgekehrt auch der venezolanische Präsident finanziell von der Untergrund-Freundschaft profitiert, allerdings schon vor etlichen Jahren. In einer bei Reyes gefundenen Notiz hieß es demnach, dass Chávez von der kolumbianischen Guerilla 100 Millionen Peso erhalten habe, als er nach seinem gescheiterten Staatsstreich im Jahr 1992 im Gefängnis saß.

Die bei dem getöteten Rebellenführer beschlagnahmten Dokumente wiesen laut dem kolumbianischen Polizeichef darauf hin, dass die Farc 50 Kilogramm Uran gekauft und verkauft habe. Der Fall zeige, dass eine Ausschaltung der Farc nicht allein im Interesse der Kolumbianer sei, sondern für die gesamte Region. Der ecuadorianischen Regierung hatte Naranjo am Sonntag vorgeworfen, hinter dem Rücken Bogotás enge Kontakte zur Farc gepflegt zu haben. Der ecuadorianische Sicherheitsminister Gustavo Larrea habe sich persönlich mit Farc-Sprecher Reyes getroffen. Die Zusammenarbeit sei so weit gegangen, dass Quito signalisiert habe, eigens der Guerilla wohl gesonnene Offiziere in der Grenzregion zu Kolumbien stationieren.

Die politisch verbündeten Regierungen in Venezuela und Ecuador wiesen die Anschuldigungen Kolumbiens als haltlos zurück und brachen aus Protest die diplomatischen Beziehungen ab. Der kolumbianische Botschafter in Caracas sei ausgewiesen worden, sagte Venezuelas Außenminister Nicolas Maduro. Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien habe sich zu einer Bedrohung für die gesamte Region entwickelt. Innenminister Rodríguez Chacín warf Naranjo Kontakte zum Drogenhandel vor. Diese Information hätten die venezolanischen Behörden auf einem Computer entdeckt, der einem vor kurzen in Venezuela getöteten kolumbianischen Drogenboss gehört habe. Venezuela und Ecuador hatten am Sonntag bereits ihre Truppen an der Grenze zum Nachbarland mobilisiert. Kolumbien nahm von einem solchen Schritt vorerst Abstand.

Was ist die Farc?

Die marxistische Organisation heißt ausgeschrieben "Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia", Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens. Sie ist die älteste und mit schätzungsweise 15.000 Kämpfern größte Guerilla-Gruppe des Landes und bekämpft seit Anfang der 50er Jahre gewaltsam die Staatsmacht. Seit 1984 stimmte sie mehreren Waffenruhen zu, die aber alle scheiterten. Gemeinsam mit dem "Nationalen Befreiungsheer" ELN kontrolliert die Farc über ein Drittel des Anden-Staates, zumeist unzugängliche Dschungelgebiete. Zu ihren Praktiken zählen Mord und Geiselnahmen. Auch der Kokain-Export gilt als Finanzierungsmittel der Rebellen. Nach Militärangaben ist die Farc eines der größten Drogenkartelle Lateinamerikas. Die EU und die USA betrachten die Rebellen als terroristische Vereinigung.

Welche Ziele hat die Farc?

In Kolumbien herrschen seit mehr als vier Jahrzehnten bürgerkriegsähnliche Zustände. Die Rebellen der Farc und der ELN sowie rechte Paramilitärs drangsalieren die Bevölkerung und liefern sich Kämpfe mit der Armee. In den 32 Provinzen gibt es mehrere hunderttausend Binnenflüchtlinge. Die Farc hat Anfang der 90er Jahre einen Katalog erstellt, in dem unter anderen gefordert wird, dass die Armee keine innenpolitischen Funktionen wahrnehmen dürfe, die Bürger mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten erhalten und die einheimische Wirtschaft und Industrie vor ausländischer Konkurrenz geschützt werden solle.

Wie viele Geiseln befinden sich in der Hand der Farc?

Schätzungsweise um die 700. Erst Ende Februar 2008 wurden nach Vermittlung von Venezuelas Präsident Hugo Chavez vier kolumbianische Geiseln freigelassen, allesamt Parlamentarier. Damit wurde erstmals nach langjährigem Stillstand die Entlassung von Gefangenen erreicht.
Auch Deutsche waren bereits Opfer der Farc: 2006 wurde ein in Kolumbien lebender deutscher Bäcker nach fünf Jahren Geiselhaft von der Farc freigelassen. 1997 starb ein entführter Tourist bei einer Befreiungsaktion. Das bekannteste Opfer ist die seit Jahren verschleppte Spitzenpolitikerin Ingrid Betancourt. Sie soll nach Worten der jüngst freigelassenen Geiseln schwer erkrankt sein. Die Rebellen wollen mehr als 40 weitere Geiseln, darunter auch Betancourt, freilassen, macht dies aber von der Haftentlassung von Gesinnungsgenossen aus kolumbianischen Gefängnissen abhängig.

Wer ist Ingrid Betancourt?

Die französisch-kolumbianischen Politikerin ist ehemalige Präsidentschaftskandidaten und wurde 2002 von den Farc-Rebellen entführt, nachdem die Friedensverhandlungen zwischen den Rebellenorganisationen und der Regierung gescheitert waren. Die 46-jährige soll schwer an einem Leberleiden erkrankt sein. Nach Aussage freigelassener Geiseln werde sie unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten. Sie hatte dem mächtigen Drogenkartell Kolumbiens den Kampf angesagt und versprach, gegen die Korruption im Land vorzugehen. Sie ist Ehrenbürgerin der Stadt Paris.

Wer sind Freund und Feinde der Farc?

Dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez werden gute Kontakte zu der Guerillabewegung nachgesagt. Er unterstützt auch ihre Forderung, von der EU-Liste internationaler Terrororganisationen gestrichen zu werden - was die Union aber jüngst wieder angelehnt hatte. Die Rebellen, die sich wie Chavez als bolivarisch bezeichnen, der südamerikanischen Form des Sozialismus, vertrauen Chavez mehr als dem konservativen kolumbianischen Staatschef Alvaro Uribe. Wegen seiner Kontakte zur Farc, versucht Chavez immer wieder in Sachen Geiselfreilassung zu vermitteln. Allerdings wurde ihm Seitens der Kolumbianer das Vermittlermandat entzogen.
Kolumbien wirft zudem Ecuador vor, engen Beziehung zu den marxistischen Rebellen unterhalten zu haben. Das gehe aus sichergestellten Computerdaten hervor. Die Beweise seien auf dem Rechner des jetzt getöteten Rebellenführers Raul Reyes sichergestellt worden, hieß es. Nachdem die kolumbianischen Streitkräfte einen Rebellenstützpunkt auf ecuadorianischem Staatsgebiet angegriffen und dabei neben Reyes 16 weitere Rebellen getötet hatten, hat die Regierung in Quito den kolumbianischen Botschafter ausgewiesen. Der venezolanische Präsident Hugo Chavez protestierte ebenfalls gegen die Militäraktion und ordnete die Schließung der Botschaft seines Landes in Bogota an.
Die USA dagegen unterstützen Kolumbien mit Milliarden Dollar im Kampf gegen die Farc. Allerdings gibt es Berichte, nach denen die CIA den Rebellen über Jordanien und Peru Waffenhilfe geleistet haben soll.

Wer ist Raul Reyes, der jetzt getötet wurde?

Mit bürgerlichem Namen hieß der 59-Jährige Luis Edgar Devia Silva. Er war einer der ranghöchsten Kommandeure der Guerillagruppe und agierte auch als Sprecher der Rebellen. Er wurde bei einem Gefecht mit Soldaten in der ecuadorianischen Provinz Putumayo getötet. Der Anführer und 16 weitere Rebellen seien bei den Kämpfen ums Leben gekommen. Der Tod der Nummer zwei der Organisation ist der folgenschwerste Schlag gegen die Farc seit 2002. Das US-Außenministerium hatte für Informationen, die zur Ergreifung von Reyes und von fünf weiteren Rebellen führen, eine Belohnung von fünf Millionen Dollar (3,3 Millionen Euro) ausgesetzt.
Ende Februar 2008 hatte die kolumbianische Polizei den ranghohen Kommandeur Heli Mejia, alias Martin Sombra festgenommen. Mejia der Farc praktisch seit deren Gründung angehört.

nik