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Kommentar zum Anschlag auf "Charlie Hebdo": Das Versagen der schweigenden Mehrheit

Die Attentäter, die die Redaktion von "Charlie Hebdo" attackierten, töteten nicht nur zwölf Menschen, sie griffen auch westliche Werte an. Doch setzen wir uns im Alltag auch genug für diese Werte ein?

Von Hans-Hermann Klare

Ein Kreuz aus zwei Bleistiften in der Luft: Der Bleistift ist nach dem Attentat auf das Magazin innerhalb weniger Stunden zum Symbol für die Pressefreiheit geworden.

Ein Kreuz aus zwei Bleistiften in der Luft: Der Bleistift ist nach dem Attentat auf das Magazin innerhalb weniger Stunden zum Symbol für die Pressefreiheit geworden.

Das Attentat von Paris ist nicht bloß deshalb so schlimm, weil zwölf Journalisten und Zeichner bei der Zeitschrift Charlie Hebdo hingerichtet wurden, als sie schlicht ihrer Arbeit nachgingen. Sondern weil es deutlich macht, wie sehr wir in der Auseinandersetzung mit Radikalen nur zu symbolischen Handlungen in der Lage scheinen, kaum mehr zu realen.

Natürlich ist beeindruckend, wie viele Menschen sich auf dem Place de la Republique spontan zu einer Demonstration eingefunden haben oder vor der französischen Botschaft am Pariser Platz in Berlin. Titelseiten in Schwarz mit der Zeile "Je suis Charlie" oder "Ich bin Charlie" drücken Entsetzen, Trauer, Mitgefühl aus. Uns wird in diesem Moment bewusst, was der Schriftsteller Salman Rushdie, selbst jahrelang wegen angeblicher Gotteslästerung von islamischen Fundamentalisten mit dem Tod bedroht, über die Freiheit gesagt hat: "Sie ist wie die Luft zum Atmen. Wir saugen sie auf, gedankenlos, wie selbstverständlich. Erst in dem Augenblick, da sie knapp wird, spüren wir, wie wichtig sie für unser Leben ist."

Doch es bleibt bei diesem Gefühl, weil die Mehrheit unserer Gesellschaft sich wieder anderen Themen zuwendet. Womöglich mit guten Gründen, aber mit bedauerlichen Konsequenzen: Denn bei den Fragen nach den Werten unserer Gesellschaft und wie wir sie Wirklichkeit werden lassen können, überlassen wir die Auseinandersetzung um die Zukunft einmal den Killern, die eine Religion zum Vorwand nehmen zu morden. Vor allem aber geben wir den vielen Rechten die Lufthoheit, die nun von Pegida und AfD über Front National und Ukip die Themen setzen.

Die Religion ist nicht das Thema

Es geht nämlich nicht länger nur um Gegendemonstrationen oder um Unterschriften-Aktionen Prominenter gegen Islamophobie, so verdienstvoll sie sein mögen. Es geht darum, sich jener Themen anzunehmen, die junge Muslime ebenso wie schlecht ausgebildete Schüler in Sachsen oder vom rasanten Wandel der Welt verunsicherte Rentner in Baden-Württemberg radikalisieren.

Nicht die Religion ist in Wahrheit das Thema. Weder der Islam und seine angebliche Unvereinbarkeit mit den Werten des Westen. Noch das Christentum und die abendländische Tradition. Es ist ja kein Zufall, dass die Pegida-Sympathisanten dort am stärksten auftreten, wo der Besuch eines Gottesdienstes oder die Taufe - das Aufnahmeritual in eine christliche Gemeinschaft - seit vielen Jahren aus der Mode gekommen sind.

Der kürzlich gestorbene Münchner Soziologe Ulrich Beck hat in seinem 1986 erschienen Buch "Die Risiko-Gesellschaft" beschrieben, wie sehr sich das Leben in der modernen Industriegesellschaft geändert hat. Traditionelle Hierarchien und Wertvorstellungen lösen sich. Weder hat die Familie, noch hat die klassische Ehe Bestand. Bedrohungen sind global geworden, ökologische Katastrophen etwa wie Tschernobyl oder Fukushima. Gleichzeitig gilt nicht mehr bloß für die am schlechtesten Gebildeten, dass sie sich von ihrer Arbeit kaum ernähren können. Im Süden Europas ist zu besichtigen, wie eine ganze Generation von Hochschulabsolventen keinen Job findet und von Armut bedroht ist.

Wir kämpfen nicht genug für unsere Werte

Wo das Risiko so allgegenwärtig daher kommt, wo die Sicherheiten schwinden, haben jene Gruppierungen am meisten Zulauf, die scheinbare Gewissheiten bieten. Die in der kalten Welt der Gegenwart eine heimelige Zuflucht bieten. Ob in der Religion oder in der nostalgischen Verklärung einer angeblich besseren Vergangenheit, in der noch Zucht und Ordnung herrschten und wo man einen Deutschen schon an seinem Aussehen erkennen konnte, nicht bloß an seinem Ausweis.

Genau aber hier versagen die politischen Parteien, versagt die schweigende Mehrheit der Gesellschaft. Weder vertreten wir in unserem Alltag offensiv die Ideen, die das Leben in einer westlichen Gesellschaft so lebenswert machen: die Freiheit des Einzelnen, die Toleranz gegenüber Andersdenkenden, die Unabhängigkeit unserer Justiz, das komplexe System aus Checks-and-Balances unseres politischen Systems. Noch kämpfen wir dafür, dass diese Werte auch tatsächlich Realität werden oder bleiben, wo sie in Gefahr sind. Wie halbherzig der Versuch, ein aus dem Ruder laufendes Finanzsystem zu kontrollieren, wie nachlässig häufig der Umgang mit korrupten Amtsträgern in Politik und Wirtschaft, wie unentschieden die Versuche ein sich in Arm und Reich aufspaltendes Europa näher zusammenzubringen.

Denn wenn es uns gelänge, unsere Gesellschaft wieder ein wenig gerechter zu machen, würden die Risiken der Moderne vielleicht nicht geringer werden. Aber sie würden gleicher verteilt sein. Damit mag man nicht das Unbehagen all jener stillen, die islamistischen Ideen anhängen. Oder die sich nach einem germanischen Abendland sehnen. Aber je mehr Menschen wirklich teilhaben am Erfolg unserer Gesellschaft, umso weniger wollen ihre Grundlagen zerstören.