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Kriegsberichterstatter: Reporter zwischen den Fronten

Nach 20 Kriegstagen ist die prekäre Lage von Journalisten in diesem Krieg auf dramatische Weise offenkundig geworden. Aus den "Mosaiksteinchen" der "eingebetteten" Medien ist kaum ein Einblick in das Gesamtbild möglich, kritisieren Experten.

"Es kann jeden jederzeit erwischen." RTL-Reporter Ulrich Klose ist sich der Lebensgefahr bei der Berichterstattung im Irak-Krieg bewusst. Er begleitet dieselbe Einheit der 3. US-Infanteriedivision wie Christian Liebig und Julio Anguita Parrado, die am Montag bei einem irakischen Raketenangriff ums Leben kamen. Nach 20 Kriegstagen ist die prekäre Lage von Journalisten in diesem Krieg, der wie keiner zuvor live im Fernsehen zu verfolgen ist, auf dramatische Weise offenkundig geworden.

Am Dienstagmorgen wurde erst das Büro des arabischen TV-Senders El Dschasira von US-Raketen getroffen. Ein Kameramann wurde tödlich verletzt. Dann beschoss ein Panzer das Hotel Palestine, in dem die meisten internationalen Journalisten in Bagdad untergebracht sind. Hier kamen der Reuters-Kameramann Taras Protsyuk und sein spanischer Kollege Jose Couso ums Leben.

Kritiker befürchten Zensur

Die Treffer in Bagdad lassen Kritiker befürchten, dass die US-Streitkräfte kein Interesse an einer unabhängigen Berichterstattung aus dem Kriegsgebiet haben. Zumindest El Dschasira hatte vor einigen Tagen den offenen Zorn der US-Militärführung auf sich gezogen, weil der Satellitensender Bilder von amerikanischen Kriegsgefangenen verbreitet hatte.

So verweist Otfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit auf die klar formulierte US-Doktrin der Informationshoheit. Demnach wäre es ideal, wenn die Journalisten nur Propaganda machten. Nassauer zufolge ist dies das Ziel des Konzepts der "embedded correspondents" - das Pentagon hat es etwa 500 Reportern ermöglicht, mit den amerikanischen und britischen Truppen in den Krieg zu ziehen. Die Reporter vermittelten zwar ein relativ detailliertes Bild ihrer Umgebung, sagt Nassauer. Die offiziellen Mitteilungen der Militärführung seien jedoch ausgesprochen lückenhaft - selbst im Vergleich mit dem Golfkrieg von 1991.

"Kein Gesamtbild möglich"

Aus den "Mosaiksteinchen" der eingebetteten Medien sei kein Einblick in das Gesamtbild möglich, betont Sicherheitsexperte Nassauer. Ähnlich sieht es die WDR-Journalistin Sonia Mikich, die als ARD-Korrespondentin auch aus dem Tschetschenien-Krieg berichtet hat. Das "Embedded"-Konzept gaukele vor, dass der Krieg immer nur da sei, wo die Journalisten seien, sagt sie.

Die Journalisten, die mit der Truppe unterwegs sind, müssen eine Vielzahl von Regeln einhalten, sonst riskieren sie ihren Rauswurf. Den meisten Medien, die Mitarbeiter in diesen Einsatz schicken, ist zudem klar, dass die Reporter kaum Kritik an den Soldaten üben werden, von denen ihre eigene Sicherheit abhängt. Dagegen ist es schon vorgekommen, dass sich US-Feldkommandeure mitreisender Journalisten bedienten, um Kritik an der übergeordneten Führung zu üben. So sprach der Kommandeur des 5. Korps, General William Wallace, in der ersten Kriegswoche vom "unerwarteten" Ausmaß des irakischen Widerstandes.

Mikich sagt, dass die Strategie des Militärs nicht aufgehe, wenn Fehler passierten. Als etwa am Wochenende ein US-Konvoi mit eingebettetem BBC-Korrespondenten von einem eigenen Flugzeug aus bombardiert wurde, gingen sofort schreckliche Bilder von "friendly fire" um die Welt.

Journalisten als Waffe

Dennoch ist für Mikich klar: Auch Bilder sind Waffen und Journalisten werden als Waffe benutzt - "und werden möglicherweise auch als Kombattanten wahrgenommen". Eigentlich könne keine kriegsführende Partei gänzlich unabhängige Journalisten in seinem Gebiet gutheißen. So hätten sich Reporter im ersten Tschetschenien-Krieg Mitte der 90er Jahre noch frei bewegen können. Im zweiten Krieg, der 1999 begann, sei das nicht mehr so gewesen – "weil die Russen dazugelernt hatten", sagt die Fernsehreporterin.

Journalistenverband überreicht Protestnote

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat sich in einer Protestnote gegen den Beschuss des Hotels "Palestine" in Bagdad durch amerikanische Truppen gewandt. Der Brief wurde nach Angaben des Verbandes am Dienstag an der US-Botschaft in Berlin übergeben. Der DJV verwahrt sich darin "schärfstens gegen die militärischen Maßnahmen der Vereinigten Staaten von Amerika, die gegen internationale Journalisten und Medien im Irak gerichtet sind".

Mit den getöteten Medienvertretern hätten Berichterstatter in dem Krieg bereits "einen grauenhaften Blutzoll gezahlt. Weil sie informieren, die Öffentlichkeit aufklären über das Kriegsgeschehen", schreibt der DJV. Der Verband, mit mehr als 40 000 Mitgliedern die größte Journalisten-Organisation Europas, fordere die USA auf, "sofort alle militärischen Maßnahmen einzustellen, die sich vorsätzlich oder billigend gegen Journalisten und deren Arbeitsräume und Unterkünfte richten". Die USA dürften nicht vergessen, "dass Ihr Land als erste Demokratie der Welt die Pressefreiheit in ihre Verfassung aufgenommen hat".

Bisher zehn Journalisten getötet

Seit Beginn des Irak-Kriegs am 20. März sind zehn Mitarbeiter internationaler Medien auf Grund von Kampfeinwirkungen ums Leben gekommen. Hier eine Übersicht:

Terry Lloyd, Korrespondent des britischen TV-Senders ITN, am 22. März im Süden Iraks

Paul Moran, Kameramann des australischen Rundfunksenders ABC, am 22. März im Norden Iraks

Kaveh Golestan, Kameramann des britischen Senders BBC, am 2. April im Norden Iraks

Michael Kelly, Redakteur der US-Zeitschrift "The Atlantic Monthly", am 3. April bei Bagdad

Kamaran Abdurazaq Muhamed, kurdischer Übersetzer des britischen Senders BBC, am 6. April im Norden Iraks

Christian Liebig, Reporter des deutschen Nachrichtenmagazins "Focus", am 7. April bei Bagdad

Julio Anguita Parrado, Reporter der spanischen Zeitung "El Mundo", am 7. April bei Bagdad

Tareq Ayoub, Journalist des arabischen Senders El Dschasira, am 8. April in Bagdad

Taras Protsyuk, Kameramann der Nachrichtenagentur Reuters, am 8. April in Bagdad.

Jose Couso, Kameramann des spanischen Senders Telecinco, am 8. April in Bagdad.

Vermisst werden Fred Nerac und Hussein Osman vom britischen Sender ITN, seit 22. März im Süden Iraks

Nikolaus von Twickel