Kriegsregion Darfur Schiffbruch für die Arche-Helfer


Heimlich wollte die Hilfsorganisation "Arche de Zoé" 103 Waisenkinder aus der Kriegsregion Darfur evakuieren. Vor dem Abflug wurden die Helfer festgenommen. Ihnen drohen 20 Jahre Haft und Zwangsarbeit.
Von Henning Lohse

Die Rettungsaktion war von langer Hand geplant und hatte auf dem ersten Blick alle Zutaten einer Hollywood-Produktion. Von Krieg und Tod bedrohte Waisenkinder, Helden mit großen Herzen und dem Mut für das Unmögliche, gefälschte Papiere und feindliche Regierungen. Am Ende eine dramatische Flucht per Flugzeug aus Feindesland, gefolgt vom Happy-End auf einem westlichen Flughafen.

Als die Hilfsorganisation "Arche de Zoé" letzte Woche heimlich 103 afrikanische Waisenkinder aus der Kriegsregion Darfur ausfliegen wollte, fehlte das glückliche Ende. Fast in Sichtweite des Flughafens wurden die selbsternannten Retter im nordafrikanischen Tschad von der Polizei gestoppt und verhaftet. Die Regierung von Präsident Idriss Déby brandmarkte "einen schweren Fall von Menschenschmuggel? und kündigte" härteste Strafen wegen Entführung und Kindeshandel? an.

Ein Sprecher hat jetzt eine Verurteilung zu "20 Jahre Gefängnis und Zwangsarbeit" für möglich gehalten. Präsident Déby legte in einer improvisierten Pressekonferenz nach: Er ritt eine scharfe Attacke gegen die westlichen Helfer: "Sie wollten den Eltern ihre Kinder stehlen und an pädophile Organisationen in Europa zu verkaufen. Sie sollten vielleicht sogar getötet und ihre Organe verkauft werden."

Der humanitäre Konvoi war im Osten des Tschads

auf dem Weg zum Flughafen von Abéché, als schwerbewaffnete Polizisten ihn stoppten. Sie nahmen alle sechs französischen Arche-Mitarbeiter und drei französische Journalisten fest. Die verängstigten Kinder (drei bis acht Jahre alt) wurden ins örtliche Waisenhaus gebracht. Auf dem Flugfeld setzte sich die Razzia fort. Uniformierte umstellten eine abflugbereite Böing 757, die "Arche de Zoé" in Spanien geleast hatte. Die siebenköpfige spanische Crew und ein belgischer Pilot wurden ebenfalls verhaftet.

In Frankreich verursachte die Nachricht von der Verhaftung einen Schock. Französische und belgische Gastfamilien warteten auf dem Regionalflughafen Vatry in der Champagne vergeblich auf die Waisenkinder. Handelt es sich um gescheiterten Menschenschmuggel oder war es ein naiver Versuch von Flüchtlingshilfe?

In Paris beeilte sich Staatsoberhaupt Nikolas Sarkozy die Aktion als "illegal" zu verurteilen. Und versicherte Präsident Idriss Déby in einem Telefonat die Empörung seiner Regierung. Auch Unicef-Frankreich meldete sich mit kritischen Worten. Präsident Jacqüs Hintzy bezweifelte, ob die 22 Mädchen und 81 Jungen "wirklich Waisen sind und ob sie tatsächlich aus der Darfur-Region stammen".

Inzwischen hat sich herausgestellt, dass "Arche de Zoé" in der Region Darfur und im Tschad unter dem falschen Namen "Children Rescue" die gescheiterte Evakuierung der Kinder vorbereitet hat. In ihrem Bemühen um das Leben der Kriegswaisen ließen sich die Arche-Mitarbeiter sogar von der im Tschad stationierten französischen Armee helfen. "Drei Mal half das Militär mit seinen Transall-Maschinen und bei der Versorgung mit Wasser und Treibstoff", berichtete die Zeitung "Liberation". Ein Armeesprecher bestätigte diese Information mit den Worten "es hat da einen Fehler gegeben".

Inzwischen wächst in Frankreich die Kritik am Vorgehen der Hilfsorganisation aber auch an der französischen Armee und den eigenen Behörden. So steht fest, dass die Organisation bereits im Mai 2007 ohne jede Geheimniskrämerei in der Öffentlichkeit zu Spenden aufrief, um Waisenkinder aus der Dafurregion nach Europa zu holen. Die naiven Helfer suchten außerdem per Zeitungsanzeigen und im Internet Gastfamilien für die Kinder. Anschließend gingen die ehrenamtlichen Helfer dann offenbar zu weit. Bei ihrem Plan zur Evakuierung der Darfur-Opfer verloren sie Recht und Gesetz aus den Augen. Aber wieso hat die französische Justiz nicht reagiert?

Unter Druck geraten ist ein Sarkozy-Schützling im Außenministerium. Die aus dem Senegal stammende Staatssekretärin Rama Yade (30) verteidigt sich und ihre Behörde: "Wir hörten Gerüchte über eine geplante Massen-Adoption", erklärt sie im "France-Soir". "Und haben dann am 31. Juli den Arche-Präsidenten Eric Breteau vorgeladen, der sich nicht klar geäußert hat." Anschließend habe ihr Ministerium die französischen Gastfamilien gewarnt. Mehr ist dann offenbar nicht passiert. Nach der spektakulären Festnahme der Arche-Helfer richtete Yade am Quai d' Orsay einen Krisenstab ein. Sie verurteilte eine "illegale und unverantwortliche Geheimaktion" der Hilfsorganisation, mit der sich auch die französische Justiz beschäftigen werde.

Schützenhilfe bekommt "Arche de Zoé" vom französischen Komitee

für Darfur-Waisenkinder Cofod. "Die Organisation hat diesen Familien von Beginn an klar gesagt, dass der Sudan keine Adoptionen zulasse", erklärt Estelle Frattini von Cofod. Sie bestätigte, dass "Arche de Zoé" von den Gastfamilien eine 2000-Euro-Spende erbeten haben. "Aber jeder hat bezahlt, was er konnte und wollte."

Französische Diplomaten hatten zuvor Stimmung gegen die Hilfsorganisation gemacht. Sie streuten, dass die Familien zwischen 1.500 und 8.000 Euro pro Kind gezahlt hätten. Und behaupteten, dass "Arche de Zoé" den Gastfamilien die Möglichkeiten zur Adoption versprochen hätte.

Der im Tschad inhaftierte Arche-Präsident Eric Breteau bestätigte, dass 257 Familien im Durchschnitt 2.400 Euro für die Kinderflüchtlinge gespendet hätten. Wenn das stimmt, war die Kriegskasse der Arche-Helfer mit 616.800 Euro gefüllt. Die Organisation hat inzwischen die geplanten Kosten ihrer Waisenkinder-Mission veröffentlicht. 550.000 Euro sollte das humanitäre Abenteuer insgesamt kosten, inklusive 165.000 Euro für die geleaste Boeing-Maschine. Dieses Budget wird "Arche de Zoé" jetzt nicht mehr ausreichen. Mit ihrer Wir-retten-Waisenkinder-Aktion hat die Arche spektakulären Schiffbruch erlitten.


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