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Kuba: "Raúl ist ein Übergangskandidat"

Castro ist krank, sein Bruder Raúl führt die Regierungsgeschäfte, am Horizont blitzt eine neue politische Ära auf - aber wie sieht die aus? stern.de sprach mit dem Kuba-Spezialisten Volker Skierka.

Herr Skierka, ist die Erklärung, Castro habe Darmblutungen, glaubhaft? Wie krank ist der "máximo líder" wirklich?

Castro hat mit seinen Reisen durch Lateinamerika tatsächlich ein stressiges Programm absolviert, Darmblutungen können die Folge sein. Außerdem weiß man seit langem, dass Castro krank ist. Die "Castrologen" sprechen von Hirnblutungen, Parkinson, Krebs - was er wirklich hat, weiß wohl niemand. Da Kuba ein sozialistisches Land ist, wird man Castros Zustand daran ablesen können, ob und wie er künftig in den öffentlichen Medien auftritt.

Kuba scheint nun in eine Phase des Übergangs zu trudeln.

Die Transformation begann schon viel früher, nämlich Anfang der 90er Jahre. Damals brach der Ostblock zusammen, Kuba verlor - auch weil die Sowjetunion keine "Bruderhilfe" mehr leistete - ein Drittel seines Bruttosozialprodukts und war zum ersten Mal wirklich unabhängig. Carlos Lage und Raúl Castro haben dann Wirtschaftsreformen aufgelegt, zum Beispiel die "Dollarisierung" und die Einführung von Joint-Ventures mit ausländischen Firmen. Das hat dazu geführt, dass Kubas Wirtschaft seit 1995 jährlich um drei bis fünf Prozent wächst. Parallel hat Castro die politischen Entscheidungsgremien immer weiter verjüngt. In Interviews hat er selbst immer gesagt, dass die Vorbereitung auf die Phase nach ihm längst im Gange sei. Seine Erkrankung war vielleicht nur eine willkommene Gelegenheit, einen weiteren Schritt zu vollziehen.

Castros Amt soll sein Bruder Raúl übernehmen ...

So steht es in der Verfassung. Allerdings hat Castro auch gesagt, dass Raúl bei einer eventuellen Amtsübernahme selbst schon zu alt sein könnte.

Welchen Eindruck haben Sie von Raúl Castro? Was ist das für ein Mensch?

Er war in der Anfangsphase sicher ein Hardliner. Inzwischen gilt er als Pragmatiker, der ideologisch recht flexibel ist, aber auch über Leichen geht. In vielen Dingen ist Raúl das Gegenteil seines Bruders: Er ist klein gewachsen und hat kein Charisma. Insofern ist er sicher nicht die Führungsfigur, die es bräuchte, um das System zu stabilisieren. Er ist eher eine Übergangsfigur.

Sie halten Raúl für einen schwachen Politiker?

Das sicher nicht. Immerhin hat Raúl die Wirtschaftsreformen mit eingeleitet und das Militär unter dem Slogan "Bohnen statt Kanonen" dafür eingespannt. Heute beherrscht das Militär den Tourismus auf der Insel. Dass es Raúl gelungen ist, diese Restrukturierung durchzuführen, zeigt, dass man ihn nicht unterschätzen sollte.

Will das Volk Raúl überhaupt? Oder wird mit Fidel das sozialistische System auf Kuba untergehen?

Nach jüngeren wissenschaftlichen Daten, wollen etwa 25 Prozent das System beibehalten, 25 Prozent sind oppositionell, 50 Prozent sind zwiegespalten. Es ist also schwer vorauszusagen, wie sich das Volk verhalten wird. Castro hat den Menschen auf Kuba eine eigene Identität gegeben, eine Form von Würde, dafür sind sie ihm dankbar. Anderseits wollen sie natürlich auch mehr Freiheit.

Wie wird die kubanische Administration darauf reagieren?

Die Nomenklatura hat sich sehr genau angesehen, was in Osteuropa passiert ist. Sie weiß also, dass bei zuviel Freiheit das System explodieren kann. Ich glaube daher, dass der kubanische Sicherheitsapparat die Zügel eher anziehen wird, um die Aufmüpfigen im Land zu unterdrücken. Andererseits werden sie versuchen, das Einfallen der Exilkubaner zu verhindern, die Kuba lieber heute als morgen übernehmen würden.

Und die US-Regierung und Europa werden tatenlos zusehen?

Brüssel und Washington täten gut daran, nicht auf einen Kollaps in Kuba hinzuarbeiten. Man sieht ja, was im Irak und im Libanon derzeit passiert. Die kubanische Wirtschaft funktioniert ganz gut, die Alphabetisierungsrate liegt über der amerikanischen, Gesundheitswesen und Infrastruktur funktionieren halbwegs. Kuba ist eigentlich schon ein Land der Zweiten Welt. Wozu sollte man das zerstören?

Vielleicht deshalb, weil das System nicht in die ideologische Weltsicht von George W. Bush passt.

Es gibt auf einer informellen Ebene bereits einen Gedankenaustausch zwischen den USA und Kuba über die Zeit nach Castro. Ein "think tank" pensionierter Generäle unterhält sich seit der Jahrtausendwende mit der kubanischen Seite. Außerdem kaufen die Kubaner jedes Jahr für 500 Millionen Dollar in Cash Lebensmittel in den USA ein. Darüber freut sich die US-Wirtschaft. Last not least hat Washington im Moment andere Sorgen als Kuba.

Glauben Sie, dass Castro seinen 80ten Geburtstag am 13. August noch erleben wird?

Wir werden es sehen. In jedem Fall hat er das schönste Geburtstagsgeschenk schon bekommen. Denn das, was er selbst nicht geschafft hat, hat die Politik der Regierung Bush geschafft: Lateinamerika erlebt derzeit einen Linksruck.

Interview: Lutz Kinkel