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Akustik-Attacken oder Gift?: Was steckt hinter den rätselhaften Krankheitsfällen der US-Diplomaten?

Das Rätselraten um die vermeintlichen Akustik-Attacken gegen US-Diplomaten auf Kuba geht weiter. Seit Ende 2016 leiden Mitarbeiter der Botschaft an mysteriösen Hörverlusten und Hirnschäden.

Die US-amerikanische Botschaft auf Kuba

Die US-amerikanische Botschaft in Havanna. Inzwischen wird hier nur noch in Notbesetzung gearbeitet. Seit Ende 2016 leiden 21 US-Diplomaten an rätselhaften Symptomen, die zuletzt auf Kuba gearbeitet haben

Es geschah meist in der Nacht. Manche US-Diplomaten erinnern sich, etwas gespürt zu haben – eine Vibration, ein Geräusch in einem Teil des Raums. Manche wollen gar nichts bemerkt haben. Doch am Ende waren sie alle krank.

Rätselhafte Gedächtnisverluste, Taubheit, Schwindel – Szenen wie aus einem James Bond Film haben sich Ende letzten Jahres in Havanna auf Kuba abgespielt. Eigentlich weiß bis heute niemand, was eigentlich passiert ist – und ob überhaupt etwas passiert ist. Sicher ist nur: 21 US-amerikanische Diplomaten, die auf Kuba gearbeitet haben, sind inzwischen dienstunfähig. Auch mindestens ein kanadischer Diplomat ist betroffen – dabei sind die kubanisch-kanadischen Beziehungen gut. 

Ein Ultraschall-Gerät ist nicht schwer zu bauen

Begonnen haben die mysteriösen Krankheitsfälle bereits Ende letzten Jahres. Eine plausible Erklärung gibt es bis heute nicht. Ein Hörverlust kann durch Alter, Infekte, Tumore oder Erkrankungen der Blutgefäße herrühren, dass jedoch 22 Personen in so kurzer Zeit erkranken, lässt eher auf äußere Einflüsse schließen. Die am weitesten verbreitete Theorie ist die der Akustik-Attacke beispielsweise durch Ultraschall. Ein solches Gerät zu bauen sei nicht schwer, sagt Robin Cleveland, Professor an der Universität von Oxford dem britischen "Guardian". Die dazu benötigten Teile könnte Jederman bequem im Internet bestellen. "Jeder mit ein wenig technischem Hintergrundwissen kann so etwas zusammenbauen", erklärt er. Allerdings müsste ein solches Gerät in unmittelbarer Nähe des Opfers benutzt werden. Denn schon Luft absorbiert die Wellen und schwächt sie ab.

Wer einmal einen Ultraschall am eigenen Körper erlebt hat weiß, dass Ärzte dafür sogar ein Gel auftragen, um die Schallwellen zu erhalten. Um sie also durch menschliche Haut oder gar Wände zu schicken ist ein entsprechend starkes Gerät nötig. "Man bräuchte schon ein Gerät in der Größe eines Kleinwagens, um einen Hörverlust in 50 Meter Entfernung zu produzieren", sagt der britische Ultraschall-Experte Tim Leighton von der Universität Southampton.

Schallwaffen sind beim Militär nichts Neues. Die US-Streitkräfte setzen Schallkanonen, sogenannte Long Range Acoustic Device (LRAD), gegen somalische Piraten ein. Diese Waffen nutzen allerdings hörbaren Schall. Der ist so laut, dass Beschossene sich reflexartig davor schützen. Auch Hörschäden können dadurch entstehen. Auch beim G20-Gipfel in Pitsbourgh 2009 wurden solche LRAD’s gebraucht. 

Spekulationen über Gift oder elektromagnetische Strahlen

Die "Süddeutsche Zeitung" zieht noch andere Angriffs-Möglichkeiten in Betracht. So könnten auch mit elektromagnetischen Wellen Menschen über eine größere Distanz geschädigt werden. Sogar durch Wände wäre das möglich. Allerdings entstünde dabei Hitze und keiner der betroffenen Diplomaten hatte über Verbrennungen geklagt.

Der US-amerikanischen Zeitung "USA Today" zufolge könnten auch Gifte wie Blei oder Quecksilber oder chemische Gifte solche Symptome hervorrufen. Doch dazu hätten die Diplomaten irgendwo gemeinsam mit dem Gift in Kontakt kommen müssen – beispielsweise in der Kantine der Botschaft. Dort äßen jedoch auch die kubanischen Angestellten der Botschaft. Und von ihnen sei niemand krank geworden.

Die US-Botschaft in Havanna war erst 2015 wieder eröffnet worden, nachdem Ex-Präsident Barack Obama Ende 2014 eine Politik der Annäherung an den Karibikstaat eingeleitet hatte. Er hatte nach jahrzehntelanger Eiszeit die diplomatischen Beziehungen zu Kuba wiederaufgenommen.

15 Diplomaten aus Washington ausgewiesen

Der Beziehung zwischen den USA und Kuba ist das nicht zuträglich. Bereits im Mai hatten die USA zwei kubanische Diplomaten ausgewiesen. Anfang der Woche mussten 15 weitere Washington verlassen. Damit ziehe die US-Regierung die Konsequenz aus dem Mangel an Schutz für ihre Diplomaten in dem Karibikstaat, begründete Tillerson die Maßnahme. Havanna habe es versäumt, "geeignete Schritte" zu unternehmen, um seine Verpflichtung aus dem sogenannten Wiener Übereinkommen zu erfüllen. Das Abkommen regelt die diplomatischen Beziehungen zwischen Staaten.

Das US-amerikanische Außenministerium spricht inzwischen auch nicht mehr von "Vorfällen" sondern von "gezielten Attacken". Präsident Donald Trump sagte, dass "sie auf Kuba einige sehr schlimme Dinge" getan hätten, um US-Diplomaten zu verletzten. Wer "sie" jedoch seien und was für schlimme Dinge das genau gewesen sind, ließ er offen.

US-Botschaft auf Kuba arbeitet nur noch mit Notbesetzung

Bereits in der vergangenen Woche hatte Tillerson wegen der "Akustik-Attacken" angeordnet, dass mehr als die Hälfte der Botschaftsmitarbeiter aus Havanna abgezogen wird. In der Vertretung soll es bis auf Weiteres nur noch eine Notbesetzung und keine Visavergabe mehr geben. Außerdem sprach das State Department eine Reisewarnung aus. Die kubanische Regierung beschuldigte er aber nicht.

Und auch auf der Seite des karibischen Inselstaates ist man um Schadensbegrenzung bemüht. Raul Castro lud sogar das FBI für die weiteren Ermittlungen nach Havanna ein. Ein Novum in den US-amerikanisch-kubanischen Beziehungen. Doch ohne Erfolg. Der kubanische Außenminister Bruno Rodríguez Parrilla teilte seinerseits vergangene Woche mit, dass auch die Behörden seines Landes keine Belege für die "Akustik-Attacken" gefunden hätten.

Einige der erkrankten Botschaftsmitarbeiter wurden zur Behandlung nach Miami im US-Bundesstaat Florida gebracht. Medienberichten zufolge hätten die Symptome abgenommen, sobald sie Kuba verließen.