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Letzter Konferenztag: Afghanistan am Scheideweg

Auf der Afghanistan-Konferenz in Berlin sollen am Donnerstag Lösungen für zwei wichtige Probleme des Landes gefunden werden: Wie sichert man die freien Wahlen im September und wie kann der Drogenhandel bekämpft werden?

Zum Abschluss der internationalen Afghanistan-Konferenz in Berlin geht es am Donnerstag um Sicherheitsfragen. Im Mittelpunkt der Beratungen steht die Frage, wie die für September geplanten ersten freien Präsidenten- und Parlamentswahlen in Afghanistan abgesichert werden können. Der außenpolitische EU-Beauftragte Javier Solana forderte eine bessere Verteilung der internationalen Truppen über die Provinzen. "Ich hoffe sehr, dass dies noch vor den Wahlen im September gelingt", sagte Solana der "Berliner Zeitung". Nur wenn mehr ausländische Soldaten auch außerhalb der Hauptstadt Kabul eingesetzt würden, könnten die Wahlen "in einem Klima der Sicherheit" stattfinden, sagte der Spanier am Rande der Konferenz.

Außerdem wollen die afghanische Regierung und die sechs Nachbarländer eine Erklärung über eine enge Kooperation im Kampf gegen den Drogenhandel unterzeichnen. Afghanistans Präsident Hamid Karsai hatte zuvor eindringlich um Hilfe - vor allem beim Kampf gegen den Drogenanbau - gebeten. Dies entscheide über Erfolg oder Scheitern des Friedensprozesses. Sein Land dürfe nicht allein gelassen werden.

Der Mittwoch brachte Zusagen für Finanzhilfen

Die Bilanz des Krieges in Afghanistan ist erschreckend: 240 Milliarden Dollar an Werten wurden in zwei Jahrzehnten vernichtet, wie die Weltbank ausrechnete. Die Zahl wurde am Mittwoch der Internationalen Afghanistan-Konferenz in Berlin präsentiert. Sie entspricht ziemlich genau den knapp 200 Milliarden Euro, die Bundesfinanzminister Hans Eichel in diesem Jahr an Steuern einnehmen möchte.

Dabei ist Deutschland mit mehr als 80 Millionen Einwohnern eines der reichsten Industrieländer der Welt. Afghanistan ist dagegen ein verarmtes zentralasiatisches Land mit 24 Millionen Einwohnern. Ein Viertel der Haushalte leidet Hunger, wie der afghanische Präsident Hamid Karsai vor der Konferenz berichtete.

Kleckern statt klotzen

Dennoch scheinen die mehr als 60 Delegationen aus 54 Ländern zweieinhalb Jahre nach dem Ende der Terrorherrschaft der Taliban zum Klotzen mit Finanzhilfen noch nicht bereit. Kleckern, so scheint es, ist angesagt.

Deutschland erweitert seine Finanzhilfe nicht und bleibt bei 320 Millionen Euro für die vier Jahre bis 2008, wie Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte. Der Kanzler verwies auf die anderen Lasten, die Deutschland durch sein Militärengagement in Kabul und Kundus bereits trage.

Japan reduziert Zusagen

Japan, das auf der Geberkonferenz in Tokio 2002 noch 500 Millionen Dollar zugesagt und nach Angaben seiner Afghanistan-Beauftragten Sadako Ogata tatsächlich 630 Millionen ausgekehrt hatte, will für die weiteren drei Jahre nur noch 400 Millionen Dollar zusagen.

USA greifen tief in die Tasche

Dabei hatte Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul auf der Konferenz selbst erklärt, in Afghanistan entscheide sich der Kampf gegen den Terrorismus. 8,2 Milliarden Dollar an Wiederaufbauhilfe für die kommenden drei Jahre kamen in Berlin dann auch immerhin zusammen. Die Amerikaner greifen dabei tiefer in die Taschen: Die USA, die von Außenminister Colin Powell vertreten werden, wollen ihre ursprüngliche Zusage von 1,2 Milliarden Dollar voraussichtlich auf 2,2 Milliarden Dollar nahezu verdoppeln.

Karsai machte deutlich, dass trotz aller Hilfe in den 28 Monaten seit den Taliban die Aufgabe von Reformen und Wiederaufbau gerade erst begonnen habe.

Weltbank und afghanische Regierung sprachen in einem gemeinsamen Bericht allerdings von 27,5 Milliarden Dollar, die für den Wiederaufbau in den kommenden sieben Jahren benötigt würden. Die Hilfsorganisation Care erklärte, der Betrag sei nur scheinbar hoch: Wenn in Afghanistan wieder der islamistische Terrorismus die Oberhand gewinne, dann müsse die Staatengemeinschaft mit "potenziell astronomischen Kosten" rechnen.

Für den einfachen Afghanen würden über die sieben Jahr ohnehin nur 100 Dollar kommen, wenn die 27,5 Milliarden Dollar tatsächlich aufgebracht würden.

Rückkehr zum Stand der 70er Jahre

Weltbank-Direktor Alastair McKechnie sagte: "Die traurige Wirklichkeit ist, dass möglicherweise das Pro-Kopf-Einkommen in Afghanistan aller Wahrscheinlichkeit nach bei 500 Dollar liegen würde, wenn die letzten 20 Jahre nicht gewesen wären." Mit den 27,5 Milliarden Dollar würde der afghanische Zug lediglich wieder auf die Schienen gesetzt, auf denen er vor der sowjetischen Invasion in den späten 70er Jahren gestanden habe.

Nationale Sicherheit wird teuer

Die Kosten für die nationale Sicherheit und den Aufbau von Streitkräften sind laut Weltbank in den 27,5 Milliarden Dollar eingeschlossen. Allein dafür seien sieben Milliarden Dollar veranschlagt. Immerhin könnte ausländisches Militärengagement um den selben Betrag verringert werden, hieß es.

Hohe Kindersterblichkeit

Für die Gesundheit seien aus dem Paket eine Milliarde Dollar vorgesehen, schrieb die Weltbank. Das rechne sich aufs Jahr gesehen auf neun Dollar pro Einwohner herunter. Von 1.000 afghanischen Kindern sterben derzeit 257 vor ihren fünften Geburtstag, hieß es. In den Nachbarländern seien es 50 und in Subsahara-Afrika 115.

Weitere der dringendsten Aufgaben ergeben sich laut Bericht aus simpler Statistik: Nur sechs Prozent der Bevölkerung hätten Zugang zu Elektrizität, nur 12 Prozent hätten Zugang zu Trinkwasser und Kanalisation und nur 16 Prozent des Straßennetzes von 21.000 Kilometern Länge seien befestigt.

AP, DPA / AP / DPA