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Libanon-Konflikt: Tausende sind auf der Flucht

Nach schweren Kämpfen um ein Flüchtlingslager im Nordlibanon flohen Tausende Bewohner aus dem Gebiet. Die Flüchtlinge berichteten von katastrophalen Zuständen im Camp, sogar die Leichen von Getöteten blieben in den Straßen liegen.

Nach drei Tagen heftiger Gefechte zwischen der libanesischen Armee und Kämpfern der radikalen Islamistengruppe Fatah al Islam im palästinensischen Flüchtlingslager Nahr al-Bared im Norden des Libanon hat eine Massenflucht der Bewohner begonnen. Vor allem Frauen mit Kindern und alte Menschen verließen am Dienstagabend zu hunderten in Autos und auf Lastwagen das Lager Nahr bei Tripoli. Viele Flüchtlinge versuchten auch, sich zu Fuß in einem benachbarten Palästinenserlager in Sicherheit zu bringen. Dabei nutzten sie ein Abflauen der Gefechte am Abend.

Am Nachmittag hatten die Milizionäre der radikal-islamischen Fatah al-Islam eine einseitige Waffenruhe verkündet. Während die Kämpfe nach kurzer Zeit wieder aufflammten, beruhigte sich die Lage nach Angaben der Armee mit Einbruch der Dunkelheit. "Die Lage rund um das Camp ist ruhig, und beide Seiten halten sich an die Waffenruhe", sagte ein Armeesprecher. Bei den seit Sonntag andauernden Kämpfen kamen Dutzende Menschen ums Leben, darunter viele Zivilisten. Genaue Opferzahlen gab es zunächst nicht.

Die Armee geht seit Sonntag gegen Mitglieder der radikalen Sunniten-Gruppe in dem seit 1949 bestehenden palästinensischen Flüchtlingslager vor. Nach einer 38 Jahre alten Abmachung ist der Armee der Zutritt zum Lager selbst verboten. Offenbar wurde die Armee aber von Regierungsseit ermächtigt, sich im Kampf gegen die al-Kaida nahestehende radikal-islamische Splittergruppe "Fatah al Isalm" nicht mehr an diese Abmachung halten zu müssen. Die Kämpfe am Eingang zum Lager waren ausgebrochen, nachdem es zu einem Schusswechsel zwischen Soldaten und Angehörigen der Gruppe gekommen war, die eine Bank ausgeraubt haben sollen. Es wird geschätzt, dass sich etwa 300 bewaffnete Kämpfer der Fatah al Islam im Lager verschanzt haben. Insgesamt leben im Libanon rund 367.000 Palästinenser in zwölf Flüchtlingslagern.

Flüchtlinge, die mit weißen Fahnen das Lager verließen, berichteten über katastrophale Zustände in dem Camp. Die Leichen der bei den Kämpfen Getöteten blieben in den Straßen liegen, während die Krankenstationen von Verwundeten überfüllt seien. "Die Belagerung und die Kämpfe führen dazu, dass viele an ihren Verletzungen sterben, weil sie nicht behandelt werden können", berichtete auch ein Arzt telefonisch aus dem Lager. Sollten die Gefechte weitergehen, drohe eine humanitäre Katastrophe, sagte er.

Erstmals Lieferung mit Nahrung und Medikamenten

Am Dienstagnachmittag war es Mitarbeitern des UN- Flüchtlingshilfswerks UNRWA erstmals gelungen, mit Lastwagen Nahrungsmittel, Medikamente und Stromgeneratoren in das Flüchtlingslager zu bringen. Auch sie schilderten die Lage als dramatisch. Viele Bewohner des Lagers befänden sich in einem "Zustand des Schocks und der Angst", sagte ein UN-Mitarbeiter. Auch ihr Konvoi sei beschossen worden. Dabei sei ein Lastwagen mit Trinkwasser beschädigt worden. Die Mitarbeiter des Flüchtlingshilfswerks seien aber unverletzt geblieben.

DPA/Reuters / DPA / Reuters