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Libyen-Konferenz in London: Rebellen fordern Waffen von der Allianz

Die Alliierten diskutieren über die Zukunft Libyens nach einem Sturz Gaddafis. Am Rande der Konferenz stellte sich die Opposition vor und formulierte ihre Wünsche. Militärisch mussten die Rebellen einen Rückschlag einstecken.

Der Übergangsrat der libyschen Regimegegner hat die internationale Gemeinschaft um mehr Hilfe durch Waffenlieferungen gebeten. "Wir bitten jeden um Hilfe, und ein Punkt davon ist, unserer Jugend bessere Waffen zu geben", sagte der Sprecher des Rates, Mahmud Shammam, am Dienstag in London. Derzeit kämpften die Rebellen mit veralteten oder nur leichten Waffen. Damit seien sie den Truppen von Machthaber Muammar al-Gaddafi unterlegen. Zwar wolle man an erste Stelle politische Hilfe, die Unterstützung durch Waffen aber sei ebenfalls wünschenswert.

Der Rat, eine Art provisorische Regierung mit Sitz im ostlibyschen Bengasi, legte erstmals ein politisches Programm für die Zukunft Libyens vor. Darin wurde der Aufbau eines demokratischen Rechtsstaates als oberstes Ziel genannt. Das Gremium stellte die Ausarbeitung einer demokratischen Verfassung und freie Wahlen in Aussicht.

Die libysche Opposition war nicht offiziell Teilnehmer der Libyen-Konferenz, zu der Vertreter aus mehr als 40 Nationen in London zusammengekommen war. Shamman betonte jedoch, dass man sich am Rande der Konferenz mit zahlreichen internationalen Gesprächspartnern getroffen habe. Unter anderem hätten Vertreter des Übergangsrates mit dem britischen Außenminister William Hague, US-Außenministerin Hillary Clinton, Bundesaußenminister Guido Westerwelle sowie dessen französischem Kollegen Alain Juppé gesprochen.

Am Abend verständigten sich die Konferenzteilnehmer auf die Einsetzung einer internationalen Kontakttruppe, die sich künftig um den Aufbau einer politischen Ordnung in Libyen kümmern soll. Großbritanniens Außenminister William Hague machte deutlich, dass die Durchsetzung der UN-Resolution 1973 mit der Überwachung einer Flugverbotszone über Libyen und dem Schutz der Zivilbevölkerung weiterhin absoluten Vorrang habe. Unter UN-Koordination soll die humanitäre Hilfe für Libyen vorangetrieben werden.

Die Kontaktgruppe, über deren Mitglieder Hague keine genauen Angaben machten, soll die internationalen Anstrengungen für ein demokratisches Libyen nach Machthaber Muammar al-Gaddafi bündeln, hieß es in einer vom britischen Außenminister verlesenen Abschlusserklärung. Der Ölstaat Katar habe sich bereiterklärt, das erste Treffen der Kontaktgruppe sobald wie möglich zu organisieren.

Explosionen in Tripolis

Unterdessen wurde die Gegend um die Residenz von Gaddafi in der Hauptstadt Tripolis am Abend von zwei schweren Explosionen erschüttert Die Detonationen erfolgten im Abstand von wenigen Minuten, wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Zuvor hatten Kampfflugzeuge der internationalen Truppen das Zentrum von Tripolis überflogen. Nach den Explosionen fuhren Krankenwagen mit Sirenengeheul durch die Stadt.

In der Region von Tadschura etwa 30 Kilometer östlich der Hauptstadt ereigneten sich nach Angaben von Zeugen etwa zeitgleich sieben weitere Explosionen. Demnach griffen die internationalen Truppen erneut einen dort gelegenen Armeestützpunkt an.

Gaddafi-Truppen stoppen Rebellen-Vormarsch

Zuvor hatten die Truppen von Gaddafi den Vormarsch der Rebellen Richtung Westen weitgehend gestoppt. Nach schwerem Artillerie- und Raketenbeschuss eroberten die Soldaten am Dienstag den kleinen Ort Naufalija zurück. Die Rebellen-Kämpfer flüchteten in Panik in das weiter östlich gelegene Bin Dschawad.

Später mussten sie nach Angaben einer Reporterin des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira auch diese Stadt aufgeben. Die Aufständischen seien in langen Autokolonnen aus Bin Dschawwad geflohen. Kommandeure der Rebellen klagten darüber, dass viele Aufständische nicht willens seien, sich einer militärischen Befehlsstruktur unterzuordnen, sagte die Al-Dschasira-Reporterin. Regierungstruppen griffen auch wieder die Rebellen-Stadt Misrata an.

Mit der Regierungsoffensive wurde der Vorstoß der Rebellen auf die 120 Kilometer westlich von Naufalija gelegene, strategisch und symbolisch wichtige Geburtsstadt Gaddafis, Sirte, vorerst unterbrochen. Nach einigen Berichten sollen auch Einwohner Sirtes an der Seite der Soldaten gegen die Aufständischen gekämpft haben. Dadurch wurden Hoffnungen westlicher Staaten getrübt, immer mehr Menschen würden sich dem Aufstand anschließen und damit für einen schnellen Zusammenbruch der Regierung sorgen.

Ohne Luftunterstützung scheinen die Rebellen nicht in der Lage zu sein, ihre Stellungen zu halten oder Geländegewinne zu machen. Nach Ansicht von Beobachtern wird sich bei der Schlacht um Sirte entscheiden, ob die Rebellen zu weiteren Vorstößen in Richtung Tripolis, dem Machtzentrum Gaddafis, in der Lage sind. Nach Ansicht von US-Vizeadmiral Bill Gortney haben die Rebellen in den vergangenen Tagen nur wenige Erfolge erzielt. Die Oppositionellen seien nicht stark, sagte er in Washington.

Heftige Kämpfe wurden auch aus der Rebellen-Enklave Misrata in dem von Gaddafi beherrschten Westen des Landes gemeldet. Regierungstruppen versuchen seit Tagen, die Oberhand über die drittgrößte Stadt des Landes zu gewinnen. Laut Rebellen wurden dabei in der Nacht acht Menschen getötet. Der britische Premierminister David Cameron sprach von mörderischen Angriffen auf die Stadt.

kng/AFP/DPA/Reuters / DPA / Reuters