Lindh-Attentat Tödliche Bürgernähe


Schweden im Schockzustand: Der Mord an Außenministerin Anna Lindh erschüttert das Land in gleichem Maß wie der gewaltsame Tod des Ex-Premiers Olof Palme 1986. Ihre Bürgernähe machte die zweifache Mutter zur beliebtesten Politikerin des Landes.

Der Schock in Schweden über den erfolgreichen Anschlag auf das Leben ihrer Außenministerin wirkte so tief, dass der Alltag für viele still stand. Hunderte pilgerten zum Tatort und zum Krankenhaus, um Blumen niederzulegen. Büros blieben geschlossen, Internetseiten von Medien brachen wegen Überlastung zusammen. "Das Leben hier steht still", berichteten zwei in Stockholm lebende Deutsche.

Schwedens Ministerpräsident Göran Persson hatte morgens den Tod von Außenministerin Anna Lindh bestätigt. Sie sei um 05.29 Uhr gestorben, teilte Persson mit, der seine Erklärung bei einer Pressekonferenz weinend unterbrechen musste. Sie erlag den Stichwunden, die ihr ein Angreifer gestern in einem Einkaufszentrum zugefügt hatte. Die Behörden würden alles tun, um das Verbrechen aufzuklären.

Persson hat Lindhs Tod als "ungeheure Tragödie" für ihre Familie und für ganz Schweden bezeichnet. "Anna Lindh hat uns verlassen. Die Familie hat die Mutter und Gefährtin verloren. Die Sozialdemokratie hat einen ihrer tüchtigsten Politiker verloren. Die Regierung hat eine befähigte Ministerin und eine gute Kollegin verloren. Schweden hat sein Gesicht nach draußen in die Welt verloren."

Attentäter weiter nicht gefasst

Ärzte hatten bis in den Morgen hinein vergeblich versucht, das Leben der 46-Jährigen zu retten. Die zweifache Mutter hatte durch mehrere Messerstiche schwere innere Blutungen und Schäden an der Leber erlitten. Zuerst war gemeldet worden, ihr Zustand nach der Operation habe sich leicht verbessert, wäre aber weiterhin kritisch. Nach Aussage ihrer Ärzte ist Anna Lindh an einem Versagen der Lungen und dem daraus folgenden Kreislaufkollaps gestorben. Wie das Stockholmer Karolinska-Krankenhaus weiter mitteilte, habe sich der Zustand der mit mehreren Messerstichen in Bauch, Brust und Arm eingelieferten Ministerin nach der ersten Operation über acht Stunden in der Nacht zunächst gebessert. Um 04.30 Uhr sei aber eine sehr rasch voranschreitende Verschlechterung eingetreten.

Attentäter noch nicht gefasst

Der nicht identifizierte Attentäter ist weiter nicht gefasst, die landesweite Großfahndung blieb auch in der Nacht ergebnislos. Die Polizei verfügt nach eigenen Angaben sowohl über die Tatwaffe wie über eine vom Mörder auf der Flucht weggeworfene Militärjacke mit dem Blut des Opfers. Wie der zuständige Ermittlungschef Leif Jennekvist am Donnerstag mitteilte, suche man inzwischen unter einer eingegrenzten Gruppe namentlich bekannter Männer. Er wollte keine Einzelheiten nennen.

Der Mörder sei von den Augenzeugen am Tatort in einem Stockholmer Kaufhaus als kräftig gebaut und "heruntergekommen" beschrieben worden. Es handele sich nach derzeitigem Kenntnisstand wahrscheinlich um einen Schweden. Jennekvist erklärte weiter, vorerst deute nichts auf eine vorher geplante Tat oder Mittäter hin. Nach Ansicht eines Terrorismus-Experten geht die Tat wahrscheinlich auf das Konto eines verwirrten Einzeltäters. Ein terroristischer Hintergrund sei weitgehend auszuschließen, sagte der stellvertretende Leiter des Essener Instituts für Terrorismusforschung, Kai Hirschmann. Vermutlich handele es sich um einen "politischen Fanatiker mit rein schwedischem Hintergrund", Morde an einzelnen Politikern entsprächen nicht der Handschrift islamistischer Terrorgruppen.

Kritik an Polizeivorgehen

Und immer wieder tauchte beim Ringen nach Erklärungen für die schreckliche Tat der Palme-Mord auf, an den so frappierend viele Details des Anschlags gegen Lindh erinnern. Wie beim Palme-Mord wurde aber auch am Donnerstag sehr schnell heftige Kritik an Fahndungspannen laut. Warum habe die Polizei bei der Auslösung der Großfahndung nicht die U-Bahnen gestoppt, fragte deren Betreiber und verwies auf Vereinbarungen für solche Fälle. Dies erinnerte viele Schweden fatal an die endlose Kette von Pannen und skandalösen Fehlgriffe bei der bis heute erfolglosen Suche nach dem Palme-Mörder.

"Ein katastrophaler Fehlschlag für die Sicherheitspolizei Säpo, die sich unprofessionell und inkompetent aufgeführt hat," meinte der Göteborger Rechtswissenschaftler Dennis Tröllborg. Gemeint war das Fehlen von Leibwächtern, über deren Einsatz Säpo entscheidet. "Wenn sich ein führender Politiker in einer politisch derart zugespitzten Lage kurz vor dem schwedischen Euro-Referendum ohne Bewachung in der Innenstadt von Stockholm bewegt, hat irgendjemand eine ernsthafte Fehleinschätzung zu verantworten", meinte auch die Zeitung 'Dagens Nyheter'.

Euro-Abstimmung wird nicht verschoben

Die Volksabstimmung über die Einführung des Euro in Schweden findet wie geplant an diesem Sonntag statt. Darauf einigten sich alle Parlamentsparteien am Donnerstag in Stockholm wenige Stunden nach Bekanntgabe des Todes von Außenministerin Anna Lindh.

Ministerpräsident Göran Persson erklärte, es sei wichtig, dass der demokratische Prozess nicht durch einen Gewaltakt unterbrochen werden dürfe. Er kündigte an, dass alle Aktivitäten der Ja- und Nein- Kampagnen bis zur Volksabstimmung eingestellt werden. Allerdings solle es eine abschließende Debatte im Fernsehen geben. Bei Umfragen kurz vor dem Mord an Lindh hatten die Euro-Gegner klar vorn gelegen. Die Sozialdemokratin Lindh, die auch als mögliche künftige Regierungschefin galt, war in der Regierung eine der stärksten Befürworterinnen eines schwedischen Beitritts zur Euro-Zone.


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