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Maddie: Unter unerträglichem Verdacht

Das Verschwinden der Maddie McCann aus einer Ferienanlage in Portugal hat sich zum geheimnisvollsten Kriminalfall des Jahres entwickelt. Die Eltern taten alles, um das Mädchen wiederzufinden. Perfekt und kontrolliert, geradezu unheimlich. Und so fragten sich viele: Haben sie etwas zu verbergen?

Von Cornelia Fuchs

Wenn Pater Paul Seddon sich an dieses Telefongespräch in der Nacht zum 4. Mai erinnert, dann wird die Stimme des bulligen Mannes ganz leise. Es war Kate McCann, die ihn damals anrief, völlig außer sich. Sie flehte ihn an, für ihre Tochter zu beten - was solle sie bloß tun, was solle sie tun? Die McCanns suchten da schon seit vier Stunden nach ihrer Tochter Madeleine, sie war scheinbar spurlos verschwunden aus ihrem Bett in der Ferienanlage im portugiesischen Praia da Luz.

Paul Seddon ist der Familienpriester der McCanns. Er hat sie 1998 getraut und später Madeleine getauft, als diese etwas über ein Jahr alt war. Es waren fröhliche, ausgelassene Feiern, so kennt er die Familie. Am 4. Mai jedoch hört Seddon nur noch pure Verzweiflung. Genau wie Philomena McCann, die kurz vor Mitternacht von ihrem Bruder Gerry McCann angerufen wurde: "Er brüllte in den Hörer, er weinte, völlig unkontrolliert." So kannte sie ihn nicht.

Auf den Panikanfall folgte die Erstarrung

Später würde Kate McCann diese ersten Tage in einem Interview beschreiben wie einen allumfassenden Panikanfall, ein tiefes schwarzes Loch, das sie zu verschlingen drohte. Der Psychologe Alan Pike, der von dem Betreiber der Ferienanlage zu Hilfe gerufen wurde, hat ihre Verzweiflung später als physischen Zusammenbruch beschrieben, mit Übelkeit, rasendem Herz, unkontrollierbarem Zittern.

Vor den Augen der Weltöffentlichkeit, die mit Übertragungswagen und Dutzenden Journalisten nach Praia da Luz gekommen war, erstarrte Kate McCann. An die Schmusekatze ihrer Tochter geklammert, stand sie vor den Kameras, die Augen ins Leere gerichtet. Ihre Stimme brach erst, als sie um Gnade für Maddie bat: "Bitte, bitte, verletzen Sie sie nicht. Bitte, machen Sie ihr keine Angst. Wir brauchen Madeleine. Sie ist wundervoll." Sie vergoss keine Tränen, sie war wie gefangen in ihrer Verzweiflung.

Wer diese Geschichte hörte, den beschlich kaltes Entsetzen. Was mussten diese Eltern durchmachen? Doch dann folgten schon die ersten Fragen, die noch nicht ganz wie Anschuldigungen klangen. Warum, um Himmels willen, hatten die McCanns ihre Kinder allein gelassen, die Zwillinge Sean und Amelie, keine drei Jahre alt, und Madeleine, kurz vor ihrem vierten Geburtstag? Das steinerne Gesicht der trauernden Mutter, die gestelzten Worte des Vaters, der stets wirkte, als zitiere er einen wissenschaftlichen Aufsatz - das war doch kein normales Verhalten von Eltern, die gerade ihre Tochter verloren hatten. Je häufiger das Paar im Fernsehen auftrat, desto mehr wandte sich die Öffentlichkeit ab. Kate McCann, 39, erschien in wechselnden Sommerkleidern, die Haare zum jugendlichen Pferdeschwanz geschnürt, jeden Tag mit anderen Ohrringen.

Was waren das für Menschen, die ihre Trauer im Licht der Weltöffentlichkeit zu inszenieren schienen? Die durch die Gegend flogen wie ein Jetset-Pärchen auf Europa-Tournee? Es waren zwei Kämpfer, die sich da der Weltöffentlichkeit präsentierten. Kate und Gerry McCann kommen aus dem Arbeitermilieu, beide haben sich hochgeschuftet in die heile Welt einer Mittelklasse-Arzt-Familie. Gerry ist das fünfte Kind irischer Einwanderer, er wurde 1968 in Schottland geboren. Sein Vater war Schreiner, seine Mutter arbeitete in einer Keksfabrik. In den ersten Jahren in Glasgow lebte die Familie in Mietwohnungen. John McCann erinnert sich, dass sein Bruder Gerry Milchflaschen ausfuhr in der Morgendämmerung, bevor er zum Studieren ging. Ausbildung ist alles, das hatte der Vater seinen Kindern eingeimpft.

Ein klares Ziel vor Augen

Alistair Curry, ein Freund aus Teenagerzeiten, erinnert sich an den 1500-Meter-Lauf-Champion Gerry, der sich nicht unterkriegen ließ, wenn er das Ziel im Auge hatte. Er wollte Arzt werden, und jeder in seinem Sportverein in Glasgow wusste, dass er nicht irgendein Arzt werden würde. Gerry wurde Herzspezialist. Er hat alles, was er bisher in seinem Leben wollte, durch harte Arbeit und sturen Einsatz bekommen.

Alles, auch seine Frau. Sie waren beide Assistenzärzte im schottischen Glasgow, die junge Anästhesistin hatte sich gerade für ein Auslandsjahr in Neuseeland entschieden. Gerry zögerte nicht lange - und ging mit. Sie wurden ein Paar. Nach der Hochzeit in England gab Kate ihre Krankenhaus-Karriere auf und wurde Hausärztin - sie hoffte, weniger Stress würde die Chancen einer Schwangerschaft erhöhen. Kate hat Schwierigkeiten, schwanger zu werden. In einem Interview nach Maddies Verschwinden erzählte sie, sie habe schon immer Mutter werden wollen, habe es unter anderem mit In-Vitro-Fertilisation probiert. Als der erste Versuch fehlschlug, sei das für sie "vernichtend" gewesen. Als sie 2002 endlich mit Madeleine schwanger wird, ist sie unfassbar froh. Der Säugling hat Koliken, Madeleine schreit manchmal 18 Stunden am Stück. "Das hat uns auf eine ganz besondere Art verbunden", sagt Kate. Stundenlang habe sie mit Gerry auf dem Sofa gesessen und Maddie massiert, bis sie sich beruhigt hatte.

Als ihre Tochter verschwindet, handeln die McCanns, wie es ihre Art ist: Von einem hinzugezogenen Psychologen lassen sie sich ihre Gefühle analysieren. Gerry erklärt später einer katholischen Wochenschrift: "Wir hatten diese fürchterlichen Bilder im Kopf, was Madeleine zustoßen könnte. Das hat uns völlig gelähmt. Aber der Psychologe hat uns gesagt, dass wir uns auf positive Gedanken konzentrieren müssen, wenn wir weiter funktionieren wollen." Und das wollten sie. Unbedingt.

In der Verzweiflung tröstete der Glaube

John McCann war dabei, als Gerry und Kate um Fassung rangen vor jedem Auftritt vor den Kameras. Wie sie Dutzende Male die Worte durchgingen, die sie sagen wollten, möglichst ohne Emotionen. Denn an ihrer Verletzbarkeit, so haben es die Psychologen erklärt, könnte sich ein möglicher Entführer erst richtig begeistern. "Selbstverständlich wirkte es nicht natürlich, wie sie gesprochen haben. Es war einstudiert", sagt John McCann. "Nur so konnten sie zu Ende bringen, was sie sagen wollten."

In den Momenten der Verzweiflung, die sich auch durch rationale Analyse nicht vertreiben ließen, fanden die McCanns Hilfe in ihrem Glauben. Im Gebet kann sogar der sonst so kontrollierte Gerry Irrationales zulassen. In den ersten Tagen, in der Zeit des tiefsten Schmerzes, hatte er in der Kirche eine Vision: "Ich sah einen Tunnel, und der wurde weiter. Das Licht strömte in alle Richtungen, als stünden uns alle Pfade offen. Nach diesem Signal bin ich am nächsten Morgen in der Dämmerung aufgestanden und habe begonnen zu telefonieren."

Als ihre Tochter verschwindet, handeln die McCanns, wie es ihre Art ist: Von einem hinzugezogenen Psychologen lassen sie sich ihre Gefühle analysieren. Gerry erklärt später einer katholischen Wochenschrift: "Wir hatten diese fürchterlichen Bilder im Kopf, was Madeleine zustoßen könnte. Das hat uns völlig gelähmt. Aber der Psychologe hat uns gesagt, dass wir uns auf positive Gedanken konzentrieren müssen, wenn wir weiter funktionieren wollen." Und das wollten sie. Unbedingt.

John McCann war dabei, als Gerry und Kate um Fassung rangen vor jedem Auftritt vor den Kameras. Wie sie Dutzende Male die Worte durchgingen, die sie sagen wollten, möglichst ohne Emotionen. Denn an ihrer Verletzbarkeit, so haben es die Psychologen erklärt, könnte sich ein möglicher Entführer erst richtig begeistern. "Selbstverständlich wirkte es nicht natürlich, wie sie gesprochen haben. Es war einstudiert", sagt John McCann. "Nur so konnten sie zu Ende bringen, was sie sagen wollten."

Plötzlich schalten sich höchste Stellen ein

In den Momenten der Verzweiflung, die sich auch durch rationale Analyse nicht vertreiben ließen, fanden die McCanns Hilfe in ihrem Glauben. Im Gebet kann sogar der sonst so kontrollierte Gerry Irrationales zulassen. In den ersten Tagen, in der Zeit des tiefsten Schmerzes, hatte er in der Kirche eine Vision: "Ich sah einen Tunnel, und der wurde weiter. Das Licht strömte in alle Richtungen, als stünden uns alle Pfade offen. Nach diesem Signal bin ich am nächsten Morgen in der Dämmerung aufgestanden und habe begonnen zu telefonieren."

Gerry fühlte sich bestätigt: Sein Aktionismus werde die Rettung bringen; je mehr er tue, desto schneller sei Madeleine wieder da. Und er zieht Kate mit sich. Die sagt, ohne die positive Energie ihres Mannes hätte sie es nicht geschafft, sie wäre untergegangen in ihrer Verzweiflung: "Es ist sehr hart, wenn Leute Gerry genau dies vorwerfen. Auch er kämpft mit seinen Gefühlen, wenn wir zum Beispiel mit den Zwillingen spielen und ihm plötzlich klar wird, dass Madeleine nicht da ist. Aber er weiß, er muss weitermachen."

Gerry baut ein Kampagnen-Netzwerk auf, das auf der Idee beruht, dass jeder jemanden kennt, der jemanden kennt, der etwas bewegen kann. Eine Freundin wohnt in der Straße des Bruders von Premierminister Gordon Brown - und vom Bruder alarmiert, schaltet sich Brown persönlich ein. Plötzlich telefonieren höchste Stellen der britischen Regierung mit ihren portugiesischen Kollegen, PR-Profis werden vom Kabinettstisch nach Praia da Luz geschickt. Der Druck auf die portugiesische Polizei erhöht sich. Damit beginnt ein Teufelskreis, dessen gefährliche Dynamik die McCanns in ihrem Eifer, das Richtige zu tun, viel zu spät erkennen.

In Portugal gilt das Gesetz der "segredo de justiça" - des absoluten Justizgeheimnisses. Die Polizei darf kein Ermittlungsdetail an die Öffentlichkeit geben. Doch jetzt waren die Beamten in Praia da Luz mit britischen Regierungsstellen und, vielleicht noch schlimmer, einer ganzen Horde britischer Journalisten konfrontiert. Sie alle stellten unangenehme Fragen. Warum war das Apartment der McCanns nicht abgesperrt worden? Warum machten die Polizisten jeden Tag stundenlang Mittagspause und tranken auch noch Wein? Warum hatte der Polizeibeamte, der die DNA-Spuren sicherte, die ganze Zeit die gleichen Kunststoffhandschuhe an - verunreinigte er damit nicht alle Proben?

Möglich, dass dieser Druck die portugiesische Polizei dazu brachte, ihr Gesetz zu missachten. Möglich auch, dass sie diesen Fall von Anfang an nicht richtig ernst nahm. Sicher ist, dass die ermittelnden Beamten schon am 5. Mai portugiesischen Journalisten Informationen zusteckten, die auf die Schuld der McCanns hinweisen sollten. Es begann ein Gerüchte-Pingpong, das monatelang die Schlagzeilen bestimmen sollte.

Die Gerüchteküche brodelt

Das Spiel funktionierte immer gleich: Ungenannte Quellen aus Ermittlerkreisen ließen zum Beispiel verlauten, Kate habe in ihr Tagebuch geschrieben, die Kinder trieben sie in den Wahnsinn. Daraus machten portugiesische Zeitungen die exklusive Sensation, Kate sei eine unfähige Mutter. Das übernahmen die englischen Blätter und dann die ganze Welt. Das Dementi der Polizei, ihr liege das Tagebuch gar nicht vor, schaffte es nicht mal mehr als Meldung auf die Titelseiten.

Die Gerüchte machten sich selbstständig. Angeblich hatten die McCanns noch vor der Polizei den Sender SkyNews angerufen. Tatsächlich erfuhren dessen Nachrichtenredakteure von Madeleines Verschwinden, als sie am 4. Mai das Frühstücksfernsehen des Konkurrenzsenders GMTV einschalteten. Der war von einer Freundin der McCanns alarmiert worden. Nachdem Kate McCann das Verschwinden ihrer Tochter festgestellt hatte, soll sie seltsamerweise wie im Affekt "Sie haben sie geholt!" gerufen haben. Tatsächlich hat sie "Jemand hat sie geholt!" geschrien, was durchaus plausibler klingt.

Spätestens, seit sie im September von der portugiesischen Polizei formal zu Verdächtigen erklärt wurden, traute man den McCanns alles zu. Sie sollen ihre Kinder betäubt, Madeleine sogar durch eine Überdosis getötet haben. Dass die Mc- Canns beteuerten, sie hätten nur "Calpol" dabeigehabt, ein harmloses fiebersenkendes Kindermedikament, interessierte nicht. Dass es entsprechende Spuren überhaupt gibt, ist bis heute nicht bestätigt.

Gerüchte dieser Art nährten den unerträglichen Verdacht, hier hätten unfähige Eltern ihre Tochter umgebracht. Durch das Internet wurde aus Gerüchten scheinbare Wirklichkeit: In einer Nachrichtensendung bestand ein ehemaliger Kommissar der portugiesischen Polizei darauf, die McCanns gingen regelmäßig in den Swingerclub. Er könne seine Quellen nicht aufdecken, aber er habe sehr sichere Informationen. Nach Recherchen des englischen Journalisten David James Smith, eines Experten für schwierige Kriminalfälle, kamen diese "sicheren Informationen" von einem britischen Polizisten, der nichts mit den Ermittlungen zu tun hatte. Der hatte seine Behauptung aus einem Internetblog. Sie ist falsch.

Ein neuer Kommissar sorgt für Ruhe

Seit Oktober gibt es einen neuen leitenden Kommissar der portugiesischen Ermittlungskommission. Seitdem ist Ruhe eingekehrt in der Gerüchteküche - Paulo Rebelo hat seine Truppe im Griff. Neue sensationelle Erkenntnisse kommen nun nicht mehr ans Licht, jetzt heißt es, dass die DNA-Proben, die im September die Schuld der McCanns beweisen sollten, tatsächlich gar nichts beweisen. Die Blutproben aus dem Apartment, die Körperflüssigkeiten aus dem Mietauto, die Haare, die dort angeblich gefunden wurden - alle zeigen keine ausreichende Übereinstimmung mit der DNA von Madeleine.

Offiziell verfolgte die Polizei zwei Theorien, entweder Entführung oder Unfalltod mit anschließendem Versteckspiel der Eltern. Rebelo sagt: "Uns stehen alle Ermittlungsrichtungen offen." Anders gesagt: Die portugiesische Polizei steht wieder am Anfang. Mitglieder der Ermittlungskommission haben inzwischen eingeräumt, es könne sein, dass der Fall nie gelöst werde. Zu viel ist am Anfang falsch gemacht worden.

Die McCanns haben sich inzwischen wieder zu Hause im mittelenglischen Rothley eingerichtet. Hin und wieder gibt es neue Fotos von Kate McCann, meist auf dem Weg zur Kirche. Dann werden in den Zeitungen die Tränensäcke unter ihren Augen diskutiert. Gerry arbeitet wieder halbtags. Er hatte schon vor seiner Rückkehr nach England eine sechsstellige Summe für einen Forschungsauftrag der britischen Herzstiftung zugesprochen bekommen.

Sie kämpfen weiter, haben zuletzt die spanische Detektivfirma "Método 3" beauftragt, nach Maddie zu suchen. Doch die hat offenbar bislang nur monatealte Spuren verfolgt. Es heißt, die Sonderkommission in Praia da Luz packe die Koffer. Die Maddie- Poster sind schon verschwunden aus den Schaufenstern im Ort. Zurück bleibt die Frage: Wo ist Madeleine McCann?

Mitarbeit: Andreas Mönnich, Inka Schmeling, Bernd Volland

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