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Michelle Wolf Das ist die Frau, deren Trump-Sprüche ganz Amerika beschäftigen


Seit Tagen scheint es in den USA kaum ein anderes Thema zu geben als den Auftritt von Comedienne Michelle Wolf beim jährlichen Dinner der Hauptstadt-Korrespondenten. Wer ist die Frau, von deren Rede Donald Trump sich zu gleich mehreren Tweets gezwungen sah?

Wow! So mancher US-Künstler dürfte derzeit neidisch auf Michelle Wolf sein. Denn so viel Aufmerksamkeit wie die Comedienne in den vergangenen Tagen bekommen hat, heimst so mancher Musiker, Schauspieler oder Kabarettist in den Staaten während seiner gesamten Karriere nicht ein. Seit die 32-Jährige mit professioneller Respektlosigkeit während ihres Auftritts beim traditionellen White House Correspondents' Dinner in Washington am vergangenen Samstag US-Präsident Donald Trump, seine Pressesprecherin Sarah Huckabee Sanders und auch die gastgebenden Hauptstadt-Journalisten beleidigt und bloßgestellt hat, ist sie Thema in allen Zeitungen und TV-Late Night Shows. Während die einen Wolfs Vortrag als so respektlos feiern, wie es die Trump-Regierung verdient habe, verurteilen die anderen die Rede als geschmacklos – insbesondere die persönlichen Angriffe auf Sarah Huckabee Sanders. Und das nun schon seit Tagen.

Um Michelle Wolfs Performance richtig zu verstehen, muss man wissen, dass es sich um einen "Roast" handelte. Das öffentliche "Rösten" einer prominenten Persönlichkeit hat lange Tradition in der US-Comedy. Durch derben Spott und Witze unter der Gürtellinie soll der Adressat der Beschimpfung, der Roastee, "geehrt" werden – aus welchem Anlass auch immer. Zum Spiel gehört dabei, dass der Beschimpfte die Sache mit Würde und möglichst steinerner Miene souverän über sich ergehen lässt. Trumps Pressesprecherin Huckabee Sanders meisterte diese Aufgabe während des Dinners einigermaßen, dem Präsidenten selbst liegt das aber bekanntlich gar nicht. Er blieb dem Dinner nicht nur – entgegen aller Tradition – ein weiteres Mal fern, sondern trat auch nach. Wie es seine Art ist via Twitter: "Alle reden darüber, dass das White House Correspondents' Dinner ein großer, langweiliger Reinfall war. Die sogenannte Komikerin hat ihren Auftritt voll in den Sand gesetzt (engl. bombed)."

Michelle Wolf – die Frau mit der Netflix-Show

Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten öffentlich so abfällig über die eigene Arbeit spricht, könnte das einigermaßen belastend sein. Nicht jedoch für die Frau mit der schneidend hohen Stimme, über die sie übrigens selber gerne mal lästert. Als Sean Spicer, Trumps Pressesprecher aus Anfangstagen und angesichts höchst skurriler Auftritte selbst häufig genug Ziel des Spotts von TV-Komikern, twitterte: "Das #WHCD heute Abend war ein Schande", antwortete sie mit einem schlichten "Danke schön!" Und auch ihre viel-kritisierten Witze über das Aussehen von Spicers Nachfolgerin Huckabee Sanders verteidigte sie auf Comedian-Art: "Warum macht ihr so rum wegen Sarahs Aussehen?", konterte sie die Angriffe von Korrespondentinnen mehrere Medien, "ich sagte, sie verbrennt Fakten und benutzt die Asche, um ein 'perfektes' Smoky Eye zu schaffen. Ich machte ihr ein Kompliment für ihr Augen-Make-up und ihren Einfallsreichtum bei Materialien."

Um eine Antwort ist die in Hershey, Pennsylvania, geborene junge Frau mit dem auffallend dunklen Teint also nicht verlegen. "Ihr hättet besser recherchieren sollen, ehe ihr mich das hier machen lasst", rief sie vergnügt den teils verwirrten, teils belustigten Journalisten beim Dinner zu. Michelle Wolf scheut sich nicht, über praktisch jedes Thema zu spotten. Genau das ist die Idee von "The Break with Michelle Wolf", ihrer neuen Show, die auf Netflix just einen Tag vor dem Korrespondenten-Dinner Premiere hatte. Die Show soll eine halbe Stunde Pause ("break") bieten von der typischen US-Late-Night-Comedy mit all ihrer demonstrativen Seriosität. "Statt die Nachrichten zu Witzen zu machen", hieß es in einer Vorschau auf "Deadline", "wird sie sich über alles und jeden lustig machen." So gesehen war ihr Auftritt vor der White-House-Presse die beste PR für die Show, die man sich denken kann. Bei Netflix dürfte man sich schon die Hände reiben. Jetzt hat man eine Comedy-Show mit der Frau, über die alle reden.

Comedy-Lehre bei Trevor Noah und Seth Meyers

In die Lehre ist Michelle Wolf, die während der High School eine ambitionierte Leichtathletin war, ehe eine Verletzung Wettkampfsport unmöglich machte, übrigens bei Ikonen jener seriösen Comedy gegangen, aus deren Schatten sie nun mit "The Break" endgültig treten will: Trevor Noah und Seth Meyers. Zuvor hatte sie für den Kabelkanal Comedy Central schon ein Youtube-Format namens "Now Hiring". Sie tritt regelmäßig im New Yorker Club Comedy Cellar live auf und tourt unablässig durchs ganze Land. Auch im britischen Fernsehen und auf britischen Bühnen hat sie schon deutliche Spuren hinterlassen.

Material für ihre Sketche und Witze liefern der Wahl-New Yorkerin die Erfahrungen aus anderen Berufen, was sie auch während ihrer Dinner-Rede andeutete. Sie erforschte den menschlichen Blutkreislauf anhand von Ratten und arbeitete mehrere Jahre für die Bankhäuser Bear Stearns und JPMorgan Chase. Inzwischen ist sie aber längst in der US-Comedy-Szene fest verwurzelt. Als sie nun wegen ihres Roastings von Trump und Co. teils heftig angegangen wurde, sprangen ihr ihre ehemaligen Mentoren Noah und Meyers zur Seite. Und auch andere große Namen der US-Comedy stellten sich hinter Michelle Wolf. Allen voran Late-Night-Größe Stephen Colbert, der vor zwölf Jahren selber beim Korrespondenten-Dinner aufgetreten war. Obwohl schon seit 2014 "außer Dienst", reaktivierte er sich selbst, um seinen - natürlich spöttischen - Kommentar zur Rede von Michelle Wolf öffentlich zu machen: "Es ist das Dinner der White-House-Korrespondenten, das die freie Rede feiert. Man kann da nicht einfach sagen, was immer man will."  


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