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Mit US Marines im Afghanistan-Einsatz: Von Cowboys keine Spur

Marc Lindemann begleitet für stern.de US Marines beim Einsatz in Afghanistan. Trotz Stolz und Pathos: Eine Kampfmaschine lernt er nicht kennen, sondern ist voll des Lobes.

Die Marines von Patrol Base May haben mittlerweile drei Viertel ihres Einsatzes hinter sich gebracht. Ende April werden sie durch ein anderes Bataillon abgelöst. Nicht nur die Uniformen sind zerschlissen. Die Zeit in Helmand hat auch Spuren in den Gesichtern der Männer hinterlassen. "Ein Jahr Infanterie bei den Marines, ist wie vier Jahre Verteidiger in der NFL (National Football League)", hat Unteroffizier Timmens in einem Magazin gelesen. Er sieht bei weiten nicht mehr aus wie 22.

Auch meine Zeit im Distrikt Garmshir neigt sich dem Ende. Schon bald wird mich ein Hubschrauber ausfliegen und nach Camp Leatherneck, ins Basislager der Marines, bringen. Von dort geht es zurück in die Zivilisation. Zurück zu fließendem Wasser, Heizung und frischen Lebensmitteln - und zu Grünstreifen ohne Sprengfallen. Spannende Tage liegen hinter mir. Die Soldaten und Offiziere haben mich mit allem versorgt, was sie aufbieten konnten. Es gab exakt zwei Auflagen, an die ich mich halten musste: Keine Detailaufnahmen der Fahrzeuge, um den Aufständischen eine Modifikation ihrer Straßenbomben zu erschweren und keine Bilder von gefallenen oder verwundeten Soldaten. Das war alles. Kein Presseoffizier, der die Interviews überwacht, keine Abnahme von Bildern, keine Beschneidung meiner Bewegungsfreiheit. Im Gegenteil: Wollte ich eine andere Einheit begleiten, ein Treffen mit Stammesführern beobachten oder auch einen lokalen Clan-Chef interviewen, wurden Abmarschzeiten verschoben, Escort-Patrouillen zusammengestellt oder extra Fahrzeuge gerufen. „Wir sind von dem, was wir tun überzeugt und haben nichts zu verstecken“, entgegnet mir Major Tenney.

Klotzen statt Kleckern

Die Zeit mit den US-Marines machte mir noch weitere Unterschiede zwischen den NATO-Partnern deutlich. Sie sind in wichtigen Bereichen bedenklich groß, im wirklich entscheidenden aber beruhigend klein. Und ihre Ursachen liegen weit mehr in der Politik, denn bei den Truppen selbst.

Der amerikanische Ansatz zur Stabilisierung der Provinz Helmand heißt "Klotzen, nicht Kleckern". Die bevölkerten Distrikte entlang des Flusses sind mit Außenposten und Checkpoints geradezu gepflastert. Oft liegen nur zwei bis drei Kilometer dazwischen und manche sind so klein, dass sie nur von einem Vier-Mann-Team und zwei afghanischen Soldaten betreut werden - das geführt von einem 22-jährigen Unteroffizier. Ein engmaschiges Netz der Präsenz, das durch eine enorme militärische Kraft unterfüttert wird. Es sind so gut wie alle erdenklichen Waffensysteme vor Ort. Artillerie, Kampfhubschrauber, Drohnen und Kampfjets sind zu jeder Zeit verfügbar. Kaum eine Stunde vergeht, ohne einen Flieger der amerikanischen Luftwaffe am Himmel über Garmshir. Selbst die von vielen Militärexperten bereits totgesagten Kampfpanzer werden in Helmand erfolgreich als Sturmgeschütze eingesetzt. Sie schlagen Breschen und halten den Feind auf Abstand. Die Marines sind optimal gerüstet.

Es ist aber nicht die Diskrepanz zwischen den militärischen Ressourcen der US-Streitkräfte und denen der Bundeswehr, die mir zu denken gibt. Der Verteidigungsetat der USA ist schließlich um 160 Milliarden Euro größer, als der gesamte Bundeshaushalt und kann wahrlich nicht Maßstab für die deutsche Wehrpolitik sein. Es ist die Tatsache, dass die US-Soldaten alle verfügbaren Mittel an die Hand bekommen, um im Kampf zu bestehen. Und dies von Anfang an. Den Soldaten der Bundeswehr indes wurde kampfstarkes Gerät erst nach Jahren und in Folge steigender Gefallenenzahlen bewilligt. Ein effektives Vorgehen gegen die im Norden erstarkten Taliban ist im Grunde erst seit Anfang 2010 möglich.

Dass eine hohe Truppenpräsenz und entsprechendes Kriegsgerät nicht allein zur Stabilisierung Afghanistans führt, ist richtig. Auch in Helmand sind die Taliban nicht besiegt. Mindestens drei Effekte sind jedoch nicht zu bestreiten: Zum einen ist es den Marines gelungen, die offene Präsenz der Steinzeitislamisten in vielen Dörfern zu unterdrücken und sie in die Defensive zu drängen. Zum Zweiten konnte die Anzahl der Taliban-Unterstützer in der örtlichen Bevölkerung reduziert werden, da die Nähe zu den US-Soldaten ein zartes Gefühl der Sicherheit vermittelt. Und drittens führte die rigorose Jagd auf die Aufständischen zu einer Erhöhung der Sicherheit für die Truppen selbst. "Wenn sie uns direkt angreifen, müssen sie den eigenen Tod als feste Größe einkalkulieren. Dazu sind weitaus weniger bereit, als ihre Propaganda uns glauben machen will", sagt Captain Hagel, der Kompaniechef.

Es ist jedoch nicht nur die unerreichbare militärische Potenz der Amerikaner, die taktische Erfolge in der Bekämpfung des Aufstands ermöglicht. Es ist auch die Akzeptanz der eingesetzten Männer und Frauen, den höchsten Preis dafür zu zahlen "Meine Soldaten wissen vor dem Einsatz, dass sie ihr Leben riskieren und sind dazu auch bereit", fährt Hagel fort. "Jeder von uns, vom Gefreiten bis zum General, ist stolz, ein Marine zu sein. Dieses Selbstbild, eine gute Führung und eine nicht verhandelbare Disziplin schützen uns. Doch am Ende bleibt es, was es ist: Ein Krieg, und der kostet Soldatenleben." Stolz und Pathos sind Wesenszüge der Marines, und hier liegt der vielleicht größte Unterschied zu den Soldaten der Bundeswehr. Während den Amerikanern eine breite Unterstützung von Politik und Gesellschaft den Rücken stärkt, kämpften deutsche Soldaten und Soldatinnen von Anfang an nicht nur gegen die Taliban, sondern auch gegen das Desinteresse in der Heimat. Den beeindruckenden militärischen Fähigkeiten, der Leidensfähigkeit und der Improvisationsgabe der US Marines stehen deutsche Infanteristen und Aufklärer in nichts nach. Das ist die beruhigende Nachricht.

Die Soldaten von Patrol Base May sind Kämpfer, und sie dürfen es offen zeigen. Kriegerische Slogans auf Wappen und T-Shirts ("Dein bester Freund – Dein schlimmster Feind", "Mach‘ Frieden oder stirb", "Der wandelnde Tod") sollten nicht zu falschen Schlussfolgerungen führen. Eine rücksichtslose und stumpfe Kampfmaschine habe ich nicht kennengelernt. Dass die amerikanischen Soldaten ein Spiegelbild ihrer Gesellschaft sind, versteht sich von selbst. Wie in jeder Armee der Welt, trifft auch bei den Marines Intelligenz auf schlichtes Gemüt. Trifft die Fähigkeit zur Differenzierung auf Grobschlächtigkeit. Das in Deutschland weit verbreitete Bild der "schießwütigen Cowboys", die jede Tür eintreten und fremde Kulturen missachten, kann ich jedoch nicht zeichnen.

Am vorletzten Morgen meines Aufenthalts bricht erneut eine Patrouille auf. Vor Einsätzen der Dämmerung geht es wieder ins Taliban-Dorf Haji Wakil. Das Ziel ist ein abgelegenes Gehöft, in dem Material zum Bombenbau vermutet wird. Als wir den Ort betreten, ist kein Mensch zu sehen. "Normalerweise ein gefährliches Zeichen. Um diese Uhrzeit aber schlafen die einfach noch" sagt Unteroffizier Felby, der heute führt. Der Hof ist verlassen, und die Türen des Lehmhauses sind zur Hälfte vermauert. Nachdem das gesamte Gelände auf Sprengfallen abgesucht wurde, reißen zwei Soldaten die Lehmziegel in den Türrahmen ab und gehen hinein. Das "Bombenmaterial" ist schnell gefunden. Zehn Säcke Ammoniumnitrat. Ein landwirtschaftliches Düngemittel. Dazu einige leere Plastikkanister. Keine alte Munition, kein fertiger Sprengstoff, kein Zeitzünder. Und dann wird es schwierig. Felby funkt den Gefechtsstand des Zuges an. Meldet, was er sieht. Nach kurzer Rücksprache mit dem Entschärfungskommando gibt der Zugführer den Befehl zur Vernichtung. "Es ist kein gutes Gefühl das zu tun", sagt Felby. "Vielleicht verwenden die Bauern das Zeug wirklich nur zum Düngen ihrer Felder. Vielleicht bauen sie aber auch die nächste Sprengfalle für uns. Mit Diesel-Brennstoff erhält man ein hochexplosives Gemisch. Wir können das Risiko nicht eingehen."

Der Krieg in Afghanistan ist weder schwarz noch weiß. Er ist grau. Jeden Tag müssen die Soldaten, die auf Befehl ihrer Regierungen dort kämpfen, Entscheidungen treffen. Es können auch falsche sein. Sie sitzen dabei nicht in Büros, haben keine Expertenkommissionen oder Ethik-Beiräte im Rücken und meistens auch keine Zeit. Manchmal sogar nur wenige Sekunden. Das sollten wir zuhause im Westen bedenken. Wenigstens ab und zu.