Mordfall Litwinenko "Stoppt die russischen Rüpel"


Die Ausweisung russischer Diplomaten aus Großbritannien sorgt nicht nur zwischen Moskau und London für frostige Stimmung. Auch die jeweiligen Zeitungen feuern eine Verbalattacke nach der anderen ab - so sprechen die Russen bereits von einer "diplomatischen Kriegserklärung".
Von Cornelia Fuchs, London

Die Boulevard-Zeitung "The Sun" nimmt mal wieder kein Blatt vor den Mund: "Wir müssen den Moskauer Rüpeln entgegentreten", heißt die Überschrift des Kommentars zu den politischen Konsequenzen der Ausweisung von vier russischen Diplomaten aus Großbritannien. Und der "Sun"-Reporter George Pascoe-Watson führt weiter aus, dass die Briten dringend auf Atomkraftwerke setzen müssen, um die Abhängigkeit von einem bis an die Zähne bewaffneten Russland und seiner Gas-Reserven zu beenden.

Nicht alle Zeitungskommentare bedienen sich heute dieser Kriegsmetaphorik, aber in einem stimmen sie alle überein: Gordon Brown hat richtig gehandelt. Oder, wie der eher links-liberale "Guardian" schreibt: "Die Ausweisungen helfen nicht bei einer Lösung des Problems. Sie könnten die Situation sogar verschlimmern. Aber sie senden ein starkes Signal. Niemand hat Interesse an einer Konfrontation. Aber ebenso wenig können wir daran interessiert sein, Auftragsmorde in den Straßen von London ungesühnt zu lassen."

Es ist die Art dieses Mordes im November 2006, die immer noch nachwirkt in Großbritannien. An dutzenden von Stellen in London von der Spülmaschine des Sushi-Restaurants bis zu Sitzen im Arsenal-Fußballstadion wurden Spuren des radioaktiven Giftes Polonium-210 gefunden, mit dem Litwinenko umgebracht wurde. Hunderte Menschen mussten auf radioaktive Verseuchung hin untersucht werden, sie hatten wochenlang Angst vor ernsthaften gesundheitlichen Schäden. Die Behörden waren monatelang mit der Entseuchung von Hotelzimmern, Restaurants und Flugzeugen beschäftigt. Es war einer der größten Einsätze der zuständigen Health Protection Agency in ihrer Geschichte. Größere gesundheitliche Probleme müssen die Betroffenen nicht fürchten, so jedenfalls die Aussage der Behörden. Dennoch erscheinen auch mehr als ein halbes Jahr nach dem Vorfall noch immer Reportagen über die Kellner im Sushi-Restaurant, beispielsweise, die noch die Angst in sich tragen, später einmal an Krebs zu erkranken.

"Aufpassen, dass wir nicht ständig übertreiben"

Doch neben der immer noch spürbaren Aufregung über die Ermordung Litwinenkos gibt es auch eine große Anzahl vorsichtiger Stimmen. Im Interview der politischen Frühstücks-Sendung im BBC Radio 4 warnte der Russlandexperte und Oxford-Professor Robert Service vor Vergleichen mit der Zeit des Kalten Krieges: "Niemand bedroht hier den jeweils anderen mit Atomsprengköpfen. Es gibt keine großen Koalitionen, die sich feindlich gegenüber stehen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ständig übertreiben."

Und es gibt auch andere, kritische Stimmen. Ian Sykes aus Leeds, zum Beispiel, schreibt in einem Kommentar auf der BBC-Webseite: "Russland sollte gar nicht daran denken, Lugowoi auszuliefern, bevor nicht Großbritannien Beresowski und die anderen Oligarchen an Russland ausliefert, die den Reichtum ihres eigenen Landes in den 90er Jahren geplündert haben."

Russland versucht seit Jahren, die Briten zur Auslieferung des Milliardärs Boris Beresowski zu bewegen. Großbritannien verweigert dies mit dem Argument, Beresowski erwarte in Russland keinen fairen, sondern einen politischen Prozess.


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