HOME

Nach dem Unglück von Smolensk: Polen trauert um seine Elite

Premier Donald Tusk fing an zu weinen und Ex-Staatschef Lech Walesa beklagte, die "Elite der Nation" sei gestorben. Der Flugzeugabsturz von Smolensk stürzt Polen in tiefe Trauer.

Von Mariusz Matwiejczuk, Warschau, und Dirk Benninghoff

Eine Frau steht völlig aufgelöst vor dem Präsidentenpalast. Inmitten ihrer Trauer ist sie erleichtert, denn sie dankt Gott für ein kleines Wunder: "Gott hat meinem Mann seinen Vater geschenkt. Er war der Fotograf der Präsidentengattin und für ihn gab es keinen Platz mehr im Flugzeug." Ein Mann mit einer Polenflagge in der Hand ist dagegen nur konsterniert. "Ich weiß nicht, was wir jetzt tun sollen, niemand weiß es. Als ich davon erfahren habe, hatte ich Tränen in den Augen. Mein Bruder und ich haben am Telefon darüber geredet, aber irgendwann habe ich kein Wort mehr herausgebracht. Also haben wir am Telefon geschwiegen und fern gesehen. Das ist einer der größten Schocks meines Lebens." Sie sind zwei von Tausenden Polen, die spontan vor den Präsidentenpalast gezogen sind, weinen, beten, Kerzen anzünden und Blumen in den Landesfarben niederlegen.

Eine Trauernde dagegen ärgert sich: "Es gibt viele Touristen, die hierher kommen, um Fotos zu machen. Das ist wirklich schade." Eine andere Zuschauerin schöpft dagegen aus der Tragödie Hoffnung: "Wenn ein Unglück passiert, dann vereinen wir Polen uns. Wir kommen zusammen und dann wird auch nicht mehr in verschiedene Gruppen aufgeteilt." Sie hofft, dass politische Streitigkeiten wenigsten für einige Zeit ruhen.

Der Fluch von Katyn

Schon wird gar von einem Fluch gesprochen. Denn außer dem Präsidenten, seiner Ehefrau Maria und den engsten Mitarbeitern starben bei dem Unglück in Russland auch Dutzende von anderen polnischen Spitzenpolitikern. Darunter Vize-Parlamentschef Jerzy Szmajdzinski, Vize-Außenminister Andrzej Kremer, der Chef der Nationalbank Andrzej Skrzypek sowie viele Parlamentarier. Zudem waren der Generalstabschef Franciszek Gagor sowie Oberbefehlshaber mehrerer Waffengattungen an Bord. Auch Militärbischof Tadeusz Ploski flog mit.

Sie waren auf dem Weg zur Gedenkfeier für die Opfer des Massakers von Katyn vor 70 Jahren. Ex-Präsident Aleksander Kwasniewski nennt Katyn prompt einen "verfluchten Ort...1940 war dort die Elite des Vorkriegspolens ermordet worden, jetzt starb dort die Elite der Dritten Republik", sagt Kaczynskis Vorgänger. Das ist ein "Messerstich direkt ins Herz". Dass die Katastrophe ausgerechnet auf dem Weg nach Katyn geschah, macht viele Polen besonders fassungslos. "Das ist immer noch das Schicksal Katyns", sagt ein älterer Mann vor dem Warschauer Präsidentenpalast.

Vom Zwillingsbruder des Präsidenten, dem Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski, war bislang nichts zu hören. Gerüchten zufolge soll er sich aber am Nachmittag auf den Weg nach Smolensk gemacht haben. Beide Brüder hatten sich zuletzt abwechselnd um ihre schwerkranke Mutter Jadwiga gekümmert. Die 84-Jährige liegt seit Wochen in der Klinik des Innenministeriums. Lech Kaczynski hatte ihretwegen sogar den Start seines Wahlkampfs verschoben. Eigentlich hätte im Herbst die nächste Präsidentenwahl stattgefunden, nun muss es laut Verfassung schon bis Ende Juni soweit sein. Bis zu den Neuwahlen übernimmt automatisch Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski die Amtsgeschäfte.

Kritische Fragen inmitten der Trauer

Inmitten der Trauer werden bereits die ersten Fragen nach der Verantwortung gestellt. Wie konnte es zu dem Unglück kommen? Die Kommentare aus Smolensk, beispielsweise von dem Gouverneur der Region, stützen die These, dass es sich um einen Pilotenfehler handelte. Die Tupolew-154 war rund zwei Kilometer vor dem Flughafen in einen Wald gestürzt und hatte Feuer gefangen. Einem Mitarbeiter der russischen Flugsicherung zufolge ignorierte der Pilot die Empfehlungen der Fluglotsen. Wegen des dichten Nebels sei er angewiesen worden, nicht in Smolensk sondern in Moskau oder Minsk zu landen. Er habe sich trotzdem für eine Landung entschieden. Bei diesem Nebel hätte jedoch niemand landen dürfen, sagte der Mitarbeiter. So stürzte die Maschine im vierten Landeversuch ab. Der polnische Justizminister Krzysztof Kwiatkowski will besondere Ermittlungen einleiten.

Oder war es doch das Material? Die russischen Tupolews haben in Polen nicht den besten Ruf. "Fliegende Särge" werden sie genannt. Es gab bereits etliche Pannen mit den Maschinen. Die letzte, als polnische Helfer auf Haiti mehrere Stunden auf ihren Rückflug warten mussten, weil der Flieger kaputt war. Viele polnische Politiker sind lieber mit Linienflugzeugen geflogen als mit den Regierungsmaschinen.

mit Agenturen