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Nachruf auf Lech Kaczynski: Der geborene Patriot

Die Kaczynski-Zwillinge waren schon als Kinderstars unzertrennlich, jetzt reißt sie der Tod von Lech auseinander. In Erinnerung bleiben wird er vor allem als streng antikommunistischer Patriot.

Von Tilman Müller

Es gibt keinen Trost an diesem niederschmetternden Tag. Überall in Polen weinen die Menschen seit Bekanntgabe des Todes von Präsident Lech Kaczynski, seiner Frau Maria sowie vielen ranghohen Politikern und Militärs bei einem Flugzeugabsturz im russischen Smolensk. Tausende scharen sich vor dem Warschauer Präsidentenpalast mit weißen und roten Blumen und beten für die Verunglückten. "Jesus, heilige Maria, das ist eine unvorstellbare Tragödie", sagte der ehemalige polnische Präsident und Solidarnosc-Anführer Lech Walesa. "Vor 70 Jahren haben die Sowjets in Katyn die polnische Elite ermordet", so Walesa, "heute ist erneut die polnische Elite ums Leben gekommen, auf dem Weg dorthin, wo sie der getöteten Polen gedenken wollten."

Niederschmetternd ist dieser Tag vor allem für Jaroslaw Kaczynski, den Zwillingsbruder des Präsidenten. Seit Kindesbeinen waren die beiden ein Herz und eine Seele. Später waren sie als streng konservative Politiker ein höchst erfolgreiches Tandem, das für ein tief schwarzes Polen kämpfte. Bis zum Schluss standen die Zwillinge in engstem Kontakt; in den letzten Tagen drehten sich die Gespräche fast ausschließlich um ihre Mutter Jadwiga, 84, die schwer herzkrank in einer Warschauer Klinik liegt.

Die beiden stahlen den Mond

Seit 1962 bereits sind Lech und Jaroslaw Kaczynski in ganz Polen bekannt. Damals traten sie als Jung-Schauspieler in dem urkomischen Märchenfilm "Von den Zweien, die den Mond stahlen" auf und spielten die stets zu Streichen aufgelegten Zwillings-Lausbuben Jacek und Placek. Jeder Pole weiß, dass Lech exakt 45 Minuten jünger als sein Bruder ist, die eineiigen Zwillinge ansonsten aber schwer zu unterscheiden sind; früher wurden die beiden sogar manchmal aufgefordert, zwecks besserer Unterscheidung Schleifen mit unterschiedlichen Farben am Revers zu tragen.

Die Zwillinge, 1949 geboren in den Trümmern Warschaus, wuchsen als antikommunistische Patrioten auf. Ihr Vater war als Aufständischer im Zweiten Weltkrieg schwer verwundet worden, mehrere Familienmitglieder starben im KZ oder in sowjetischen Lagern. Die Söhne studierten nach ihrem Filmerfolg beide Jura und kämpften im Untergrund für die Gewerkschaft Solidarnosc; Lech kam 1981 ins sogar Gefängnis. Nach der Wende wurden die promovierten Juristen engste Weggefährten von Lech Walesa, mit dem sie sich später überwarfen. Ins Zentrum der Macht katapultierten sich die Zwillinge dann im Jahr 2002 - mit der von ihnen eigens gegründeten konservativ-patriotischen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), die bald die stärkste politische Kraft im Land werde sollte. Lech wurde 2005 Präsident, Jaroslaw 2006 (für zwei Jahre) Premierminister.

Altersmilder Präsident

Beim Aufstieg zur Doppelspitze der Macht erwies sich Lech als derjenige im erzkonservativen Duo, der distinguierter und staatsmännischer aufzutreten wusste. Der Macher und Frontmann war Justizminister und Oberbürgermeister von Warschau, bevor er auf den Präsidentenstuhl kam, sein Bruder hingegen war ein Parteistratege, der hinter den Kulissen operierte und 2007 - nach dem Wahlsieg der liberalen Bürgerplattform - Oppositionsführer wurde.

In den vergangenen Jahren wurde es etwas ruhiger um die Kaczynski-Brüder. Der Präsident zeigte sich etwas moderater. Vorbei die Zeiten, als er die Todesstrafe wieder einführen wollte oder von Deutschland für die Zerstörung Warschaus während des Zweiten Weltkriegs eine Reparationssumme von 31,5 Milliarden Dollar forderte. Vor ein paar Monaten erst unterzeichnete er den Vertrag von Lissabon, nachdem er dies lange abgelehnt und die EU immer wieder vehement attackiert hatte.

Lange ließ Lech Kaczynski, der sich mit seiner Frau Maria oft im Ostseebad Sopot aufhielt und jeden Sonntag die Messe besuchte, seine Landsleute im Unklaren, ob er bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober nochmals antreten würde. Doch in den vergangenen Wochen hatte er sich offenbar dazu durchgerungen, erneut zu kandidieren. Und wie wichtig ihm der Besuch in Katyn war, wo 1940 etwa 20.000 Polen vom sowjetischen Geheimdienst ermordet worden waren, hatte sein Kanzleichef Wladyslaw Stasiak vor dem Abflug mit den Worten erklärt: "Katyn ist einer der wichtigsten Symbole für den Präsidenten, für alle Polen, für unsere Identität."