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Nadschaf: "Die Tür zum Frieden durchschritten"

Der schiitische Geistliche Ajatollah Ali Al-Sistani und der radikale Schiitenprediger Moktada Al-Sadr haben offenbar eine Friedensvereinbarung für die seit Wochen umkämpfte irakische Stadt Nadschaf erzielt.

Ein Vertrauter des schiitischen Großayatollah Ali Husseini al Sistani gab am Donnerstagabend bekannt, der radikale Prediger Muktada Al-Sadr habe einem entsprechenden Friedensvorschlag Al-Sistanis zugestimmt. Wenig später erklärte die Regierung in Bagdad, auch sie akzeptiere die Einigung.

Nadschaf soll demilitarisierte Zone werden

"Brüder, wir haben die Tür zum Frieden durchschritten", sagte Staatsminister Kassim Dawud. Al-Sistani hat vorgeschlagen, Nadschaf und die Nachbarstadt Kufa zur waffenfreien Zone zu machen. Dazu müssten auch die irakischen und amerikanischen Streitkräfte die beiden Städte verlassen und die Verantwortung für die Sicherheit der Polizei übergeben. Die Opfer der Kämpfe sollen nach dem Willen des Geistlichen von der Regierung entschädigt werden.

Der führende schiitische Geistliche Al-Sistani war am Donnerstag - begleitet von zehntausenden Anhängern - in Nadschaf angekommen und hatte Verhandlungen für eine friedliche Lösung für die umkämpfte Stadt aufgenommen. Al-Sadrs Kämpfer haben sich seit Wochen in der Imam-Ali-Moschee Nadschafs verschanzt und irakischen und US-Truppen getrotzt. Bei Gefechten zwischen den Kämpfern Al-Sadrs und Truppen der neuen irakischen Regierung und der USA sind in den vergangenen drei Wochen hunderte Menschen getötet worden.

Mehr als 10.000 Menschen waren Sistanis Aufruf gefolgt und mit ihm nach Nadschaf gezogen. Überschattet wurden die Friedensbemühungen von einer neuen Welle der Gewalt mit mehr als 100 Toten in den Schiiten-Städten.

Die Teilnehmer des Friedensmarsches, die vor allem aus Kerbela und anderen Schiiten-Städten nach Nadschaf kamen, erhielten von den al-Sistani-Getreuen aus Sicherheitsgründen die Anweisung, an den Polizeisperren vor den Toren der Stadt anzuhalten. Auch der Konvoi von al Sistani wurde nach Angaben arabischer Reporter bei der Einfahrt nach Nadschaf beschossen.

Verletzt wurde dabei niemand. Al Sistani will die Anhänger von Muktada al Sadr dem Vernehmen nach zu einem Abzug aus der Moschee bewegen. Außerdem sollen sie künftig nicht mehr bewaffnet auf den Straßen von Kufa und Nadschaf erscheinen dürfen. Eine ähnliche Regelung hatten vor einigen Monaten bereits die Einwohner von Kerbela durchgesetzt. "Al Sadr hat alle Bedingungen El Sistanis akzeptiert, sagte al Sadrs Sprecher, Ahmed al Schibani."

Bei einem Mörsergranaten-Angriff auf eine Moschee im benachbarten Kufa und durch Beschuss auf der Straße von Kufa nach Nadschaf starben am Morgen nach Angaben von Ärzten bis zu 100 Menschen, die sich dem von al Sistani angeregten Friedensmarsch anschließen wollten. Wer auf die Menge gefeuert hatte, war unklar. Einige überlebende beschuldigten Angehörige der irakischen Nationalgarde. Dies bestritten sowohl die Übergangsregierung als auch der Provinzgouverneur von Nadschaf, Adnan al Surfi. Er machte Terroristen der Gruppe um Abu Mussab al Sarkawi für das Blutbad verantwortlich.

Al Sistani war am Mittwoch nach einer Herzoperation vorzeitig in den Irak zurückgekehrt, um im Konflikt um die von Sadr-Milizionären besetzte Imam-Ali-Moschee zu vermitteln. Die Verhandlungen fanden an einem geheimen Ort am Stadtrand von Nadschaf statt. Über deren Verlauf lagen am frühen Abend noch keine Angaben vor. Obwohl die Polizei von einer 24-stündigen Waffenruhe gesprochen hatte, die mit al Sistanis Eintreffen in der Stadt beginnen sollte, waren in einigen Vierteln noch vereinzelt Schüsse zu hören.

In der nordirakischen Stadt Tikrit töteten Aufständische zwei US- Soldaten. Wie Polizeioffizier Hassan Ahmed berichtete, wurden ein dritter Soldat, ein Polizist und zwei Zivilisten bei dem Panzerfaust- Angriff vor einer Polizeistation verletzt. Medien in Saudi-Arabien berichteten unterdessen, Grenzwächter hätten an der Grenze zahlreiche Verdächtige gestoppt, die versucht hätten, illegal in den Irak einzureisen. Ob sich die Männer Terrororgruppen oder Aufständischen im Nachbarland anschließen wollten, blieb unklar.

Nato eröffnet Ausbildungsbüro in Bagdad

Wie am Donnerstag bekannt wurde, hat eine Vorausgruppe der Nato in Bagdad inzwischen ein Büro eröffnet, das die Ausbildungshilfe des Bündnisses für die irakische Armee koordinieren soll. Die Mitgliedstaaten des Militärbündnisses hatten sich Ende Juli auf den Trainingseinsatz im Irak geeinigt. Nach mehr als 13 Jahren schickt der Irak wieder einen Botschafter nach Deutschland. Der Diplomat Alaa Abdul Madschid Hussein al Haschimi sollte noch im Laufe des Donnerstags sein Beglaubigungsschreiben an Bundespräsident Horst Köhler übergeben.

Reuters / DPA / Reuters