Nahost Zivilisten sterben im israelischen Bombenhagel

Der Krieg im Nahen Osten wird immer blutiger: Bei mehreren israelischen Luftangriffen sind im Libanon Dutzende Menschen getötet worden. Nun soll Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in die Krisenregion reisen.

Zu Beginn einer Sondersitzung der Außenminister der Arabischen Liga in Beirut berichtete der libanesische Ministerpräsident Fuad Saniora von einem israelischen Luftangriff auf das libanesische Grenzdorf Hura und sprach unter Tränen von einem Massaker, das mehr als 40 Menschen das Leben gekostet habe. Später korrigierte er seine Angaben und erklärte, ein Mensch sei getötet worden. Die israelischen Angriffe hätten das Land um Jahrzehnte zurückgeworfen, sagte er. "Wenn diese schrecklichen Taten kein Staatsterrorismus sind, was ist Staatsterrorismus dann?", fragte er.

30 Menschen wurden verschüttet

Örtliche Fernsehsender berichteten von 65 Überlebenden in Hula, darunter 35 Kindern. Aus Sicherheitskreisen verlautete, rund 30 Menschen seien verschüttet, viele davon lebten. Nach Augenzeugenberichten wurden fünf mehrgeschossige Wohnhäuser zerstört. Die israelischen Streitkräfte teilten mit, sie prüften den Vorfall in Hula. Sie wiederholten, die Menschen im Südlibanon seien zum Verlassen der Region aufgefordert worden.

Israelische Kampfflugzeuge beschossen Sicherheitskreisen zufolge am Morgen sechs Mal die Ortschaft Hula. Kämpfer der schiitischen Hisbollah hatten zuvor israelische Streitkräfte in der Nähe angegriffen. Dabei waren fünf Soldaten verletzt worden. Bewohner der Ortschaft äußerten die Befürchtung, dass unter den Trümmern der fünf getroffenen Häuser bis zu 60 Menschen liegen könnten. Darunter seien viele Kinder. Die meisten Opfer seien Schafhirten, die sich trotz der Kämpfe geweigert hätten, ihre Tiere im Stich zu lassen. Wegen andauernden israelischen Beschusses sei es Rettungskräften nicht möglich gewesen, sofort in die Ortschaft zu eilen, hieß es in Sicherheitskreisen.

Siniora kämpft mit den Tränen

"Wir brauchen einen schnellen und entschlossenen Waffenstillstand", sagte der mit den Tränen kämpfende Siniora bei einem Krisentreffen arabischer Außenminister in Beirut. Zwingende Voraussetzung dafür sei, dass "der israelische Feind seine Aggression beendet und unverzüglich abzieht". Die Außenminister der Liga beschlossen die Entsendung einer Delegation an die UN, um die Interessen Libanons im Sicherheitsrat zu vertreten. Zugleich warnten sie den Rat vor Konsequenzen, sollte er Resolutionen verabschieden, die nicht im Interesse Libanons liegen. Siniora schlug nach Angaben eines Beraters die beschleunigte Stationierung libanesischer Truppen im Süden des Landes vor, um ein Ende der Kämpfe zu erreichen.

Bei weiteren Luftangriffen auf Süd-Beiruter Vororte, die als Hisbollah-Hochburgen gelten, sowie den Süden und den Osten des Landes kamen mindestens 28 Menschen ums Leben. Dabei wurde nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) auch die letzte Brücke über den Litani-Fluss zerstört. Nun könne ein Konvoi mit Lebensmitteln, Medizin und Benzin nicht mehr wie geplant nach Tyrus fahren. Fast eine Million Menschen sind auf der Flucht und benötigen dringend Hilfe. Nach Sinioras Angaben sind bei dem Krieg auf libanesischer Seite bislang 1000 Menschen getötet worden, die meisten davon Zivilisten.

Bei Luftangriffen auf Mehrfamilienhäuser in Tyrus wurden nach Angaben von Augenzeugen und Rettungshelfern mindestens fünf Menschen getötet. Die Retter wurden beschossen, als sie die Leichen bergen wollten. Die Hisbollah feuerte am erneut 83 Raketen auf den Norden Israels ab. Mindestens fünf Israelis wurden nach Angaben von Rettungskräften verletzt.

Steinmeier reist in die Region

Unterdessen hat die Bundesregierung den Entwurf der UN- Libanon-Resolution unterstützt und will im Nahen Osten für eine breite Akzeptanz der Erklärung werben. "Der Entwurf bietet mittel- und langfristig die Chance für ein endgültiges Ende des Konflikts", sagte Vize- Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) fliegt am Dienstag zum zweiten Mal seit Ausbruch des Libanon-Konflikts in die Region und macht auch in Beirut Station. Die Bundesregierung bekräftigte ihre Haltung, dass vor einer Entscheidung über eine deutsche Teilnahme an einer Friedenstruppe das konkrete Mandat vorliegen müsse.

Zwar wurden die Verhandlungen über den Resolutionstext in New York zunächst vertagt. Die Bundesregierung hoffe aber, dass der Entwurf in den nächsten Tagen vom Sicherheitsrat mit großer Mehrheit angenommen werde, sage Steg. Notwendig sei es nun, politisch dafür zu werben, dass sich die Konfliktparteien die Forderungen und Konsequenzen der Resolution zu Eigen machten. Der Entwurf fordert keinen "sofortigen Waffenstillstand", sondern eine "vollständige Einstellung der Feindseligkeiten". Zudem soll die Hisbollah alle Angriffe, und Israel alle militärischen "Offensivoperationen" beenden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) telefonierte mit dem libanesischen Regierungschef Fuad Siniora. Beide hätten sich für eine schnellstmögliche Verabschiedung der geplanten Resolution im Weltsicherheitsrat eingesetzt. Steg bezeichnete eine internationale Friedenstruppe im Libanon als "unverzichtbar". Deutschland könne über eine Teilnahme aber nur im Licht eines konkreten Mandats entscheiden. Steg: "Das hat nichts mit Verweigerung oder Ablehnung zu tun."

Steinmeier wird neben dem Libanon auch Zypern, Israel und die Palästinensischen Autonomiegebiete besuchen. Bei seiner dreitägigen Reise will er für den Entwurf der Libanon-Resolution werben, die vor allem im Libanon und in Syrien auf Ablehnung stößt. Derzeit wird der Text überarbeitet. Eine Abstimmung im Sicherheitsrat war verschoben worden. Steinmeier war bereits am 22./23. Juli im Nahen Osten.

Bush dringt auf Resolution

US-Präsident George W. Bush dringt auf eine rasche Resolution der Vereinten Nationen (UN) zur Beendigung des Krieges im Libanon. "Wir arbeiten mit Partnern daran, schnell eine Entschließung vorzulegen", sagte Bush in Crawford. Zugleich machte er die radikal-schiitische Hisbollah-Miliz für die vor fast vier Wochen begonnenen Feindseligkeiten verantwortlich. Es sei an Syrien und dem Iran als Hauptunterstützer der Hisbollah, mäßigend auf die Miliz einzuwirken.

Verteidigungsminister: "Es reicht"

Währenddessen hat sich Israels Ministerpräsident Ehud Olmert mit Spitzenmilitärs über Konsequenzen aus den schweren Raketenangriffen der Hisbollah beraten, bei denen am Sonntag 15 Menschen getötet worden waren. Dabei ging es politischen Kreisen zufolge um eine nochmalige Ausweitung der Offensive im Nachbarland. Verteidigungsminister Amir Perez habe sich als Antwort auf die Hisbollah-Angriffe vom Wochenende für einen Vorstoß bis zum 20 Kilometer entfernten Litani ausgesprochen. "Es reicht jetzt", sagte Wirtschaftsminister Shalom Simhon im israelischen Hörfunk. "Wir sollten uns klar werden, dass wir uns im Krieg befinden und einen Krieg führen. Wir müssen den Krieg wie einen Krieg führen und sicher stellen, dass die israelische Armee siegreich aus dem Libanon zurückkehrt."

DPA/Reuters/AP AP DPA Reuters

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