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Nato-Angriff in Kundus: Chronik einer unheilvollen Nacht

Es ist ein Desaster, menschlich und politisch: In Afghanistan lässt ein deutscher Oberst bomben. Unter den Toten sind wohl auch Zivilisten. Was ist genau passiert? Eine Rekonstruktion.

Der Vorfall ist hoch brisant, er könnte einen Wendepunkt in der deutschen Afghanistan-Politik markieren: In der Nacht von Donnerstag auf Freitag vergangener Woche gab der deutsche Oberst Georg Klein, der das Provinz-Wiederaufbauteam (PRT) in Kundus militärisch leitet, zwei US-Kampfjets den Befehl zwei von Taliban gekaperte Tanklastzüge zu bombardieren. Dabei starben, die Angaben verschiedener Quellen stimmen nicht überein, zwischen 125 und 135 Menschen. Unter den Toten waren vermutlich auch Zivilisten.

Der Vorfall ist aus vielerlei Gründen hoch brisant - wegen des Bundestagswahlkampfs, wegen der schlechten Öffentlichkeitsarbeit des Verteidigungsministers, aber auch wegen des ansgepannten Verhältnisses zu den deutschen Verbündeten in Afghanistan. Doch was ist in Nacht vom 3. auf den 4. September genau geschehen? Noch immer fehlen wichtige Informationen. Wie viele Zivilisten waren genau unter den Opfern? Was hat den Offizier veranlasst, die Tanklaster mit 500-Kilo-Bomben bombardieren zu lassen? Die am Hindukusch operierenden Isaf-Truppen sind zwar dabei, den Vorfall zu untersuchen, aber ein Ergebnis fehlt bislang.

Hier tragen wir zusammen, was nach bisherigem Erkenntnisstand in der Nacht vom 3. auf den 4. September in dem afghanischen Dorf Hadschi Amanullah geschehen ist.

3. September

An einem illegalen Kontrollpunkt stoppen Taliban zwei beladene Tanklastzüge, kapern die Fahrzeuge und verschleppen sie in die Unruheprovinz Char Darah, in der die Bundeswehr die militärische Kontrolle hat. Am Abend des 3. September meldet die afghanische Armee die Entführung an das Hauptquartier der Nato-Truppe Isaf in Kabul.

Um

21.12 Uhr

wird dem deutschen Feldlager in Kundus von der gemeinsamen afghanischen Operationszentrale gemeldet, dass zwei Lkw südlich des Standorts des deutschen Wiederaufbauteams (PRT) entführt wurden. Einer der Fahrer wurde demnach ermordet.

Um 23.14 Uhr werden nach Angaben des Verteidigungsministeriums beide Lkw durch ein US-Flugzeug auf einer Sandbank in einer Furt sechs Kilometer südwestlich vom PRT im Kundus-Fluss geortet. Dort sind die Taliban mit den Fahrzeugen offenbar in einer Sandbank des Flusses Kundus stecken geblieben. Von dem Flugzeug aufgenommene Bilder, die an das PRT weitergeleitet wurden, hätten gezeigt, dass "etliche" Menschen Waffen getragen hätten. Laut Verteidigungsministerium gab es mindestens drei Quellen, wonach sich keine Zivilisten vor Ort befunden haben sollen. Das ist wichtig, denn wenn sich der Deutsche lediglich auf einen Hinweisgeber verlassen hätte, wäre das ein sehr fragwürdiges Vorgehen bei einer Entscheidung dieser Tragweite.

Kurz vor zwölf Uhr nachts


Um 23.29 Uhr wird das US-Flugzeug wegen Treibstoffmangels abgezogen.

Um

23.49 Uhr

kommen zwei F-15-Kampfflugzeuge, die das Geschehen weiter beobachten.

Die Maschinen übertragen Live-Bilder in das deutsche Kommandozentrum. Über das anschließende Vorgehen der Deutschen gibt es unterschiedliche Angaben. Weil auf den Nachtaufnahmen keine Details zu erkennen sind, kontaktiert ein deutscher Geheimdienstler einen Informanten. Das schreibt zumindest die "Washington Post". Dieser Informant bestätigt angeblich, dass es sich bei den schätzungsweise 100 Personen, die sich bei den Tanklastern aufhalten, um Taliban handele. Dieser Teil des Ablaufs ist umstritten. Das Verteidigungsministerium in Berlin behauptet, der deutsche Offizier habe sich bei seiner Entscheidung nicht nur auf eine einzige Quelle gestützt, sondern auf mehrere.

Fragwürdig ist auch, wie der Offizier zu der Annahme gelangen konnte, dass es sich bei den Menschen auf den Bildern des Jets ausschließlich um Taliban handele. Wie konnte er ausschließen, dass sich auch Zivilisten um den Tanklastzug scharten. Christoph Reuter, Afghanistan-Korrespondent des stern etwa sagt, es sei in der Region durchaus üblich, dass Dorfbewohner nachts arbeiten, etwa um Felder zu bewässern. Möglicherweise seien Dorfbewohner auch zu den Lastern geeilt, weil es geheißen habe, dort gebe es kostenloses Benzin.

Nacht vom 3. auf den 4. September


Um 01.39 Uhr befiehlt der deutsche Kommandeur Oberst Georg Klein den Luftangriff.

Um

01.49 Uhr

feuern die Piloten der F-15-Jets zwei Bomben ab, die jeweils 227 Kilogramm schwer waren. Auf den Bildschirmen in der Kommandozentrale der Deutschen ist laut "Washington Post" nach dem Abwurf eine riesige Explosionswolke zu sehen. Einige kleine schwarze Punkte, die die wenigen Überlebenden darstellen, seien noch auf Bildschirm zu erkennen gewesen. Sie schleppten sich von der Stelle weg. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums werden 56 Taliban getötet und zwölf verletzt. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums werden 56 Taliban getötet und zwölf verletzt.

Viele Details immer noch unklar

Doch über die genaue Anzahl der Opfer gibt es auch vier Tage nach dem Angriff noch immer keine zuverlässigen Zahlen. Am Morgen des 4. September um halb neun Ortszeit, veröffentlicht die Bundeswehr auf ihrer Internetseite eine Mitteilung zu der Attacke. Titel der Erklärung: "Erfolgreicher Einsatz gegen Aufständische im Raum Kunduz". Darin ist die Rede von 56 getöteten Taliban. Doch im Laufe des Freitags mehren sich die Zweifel an der Darstellung. Einige Dorfbewohner sprechen von rund 150 Toten und Verletzten, darunter viele Zivilisten. Im Laufe des Wochenendes variiert die Zahl der Toten und der Verletzten. Verteidigungsminister Jung aber bleibt bis Sonntag bei der offiziellen Darstellung - und auch, dass es bei dem Bombardement nur Tote aus Reihen der Taliban gegeben habe.

5. September, am Vormittag

Das Vorgehen der Bundeswehr am Morgen nach der Attacke bringt die Militärführung in Bedrängnis. Denn laut "Washington Post" hätten die Deutschen entgegen der Direktive des Oberkommandeurs Stanley McChrystal nicht sofort nach dem Angriff ein Erkundungsteam zum Angriffsort geschickt, sondern erst Stunden später. Demnach haben sie bis zum Morgen gewartet - und dann nur ein unbemanntes Aufklärungsflugzeug entsendet, das Fotos machen sollte. Thomas Rabe, Sprecher des Verteidigungsministeriums, sagt zur Erklärung, die deutschen Soldaten seien auf dem Weg zu dem Ort von Aufständischen angegriffen worden. Das Verteidiungsministerium präzisiert die Geschehnisse für den Vormittag des 5. September folgendermaßen:

Um 12.30 Uhr

trifft ein deutsches Untersuchungsteam der Bundeswehr vor Ort ein.

Um 13.09 Uhr

wird das Team von Unbekannten beschossen. Die Bundeswehr schickt unbemannte Drohnen zur weiteren Aufklärung. Auch ein Untersuchungsteam der Isaf-Truppe trifft ein, sowie der Oberbefehlshaber der US- und Nato-Truppen in Afghanistan, Stanley McChrystal. Zehn Minuten nach seinem Abflug werden am Ort des Geschehens Mörsergranaten abgeschossen.

7. September

Erst am Montag spricht Verteidigungsminister Jung erstmals von der Möglichkeit, dass es auch Zivilisten getroffen haben könnte. Zu dem Zeitpunkt aber gehen Nato- und Isaf-Vertreter bereits von 125 Opfern aus, von denen eine Reihe nicht zu den Aufständischen zu zählen sei. Der Distrikt-Gouverneur von Char Darah, Abdul Wahid Omarkhel, sagt am Montagmittag, mehr als 130 Menschen seien ums Leben gekommen. Er habe eine Liste der Opfer erstellt und der Delegation von Präsident Hamid Karsai übergeben, die den Vorfall untersucht.

Weshalb hat Klein das Bombardement befohlen? In dem Bericht der "Washington Post" wird er mit der folgenden Begründung zitiert: "Wenn wir die Aufständischen entkommen lassen, könnten sie die Tankzüge als Waffe gegen Polizeistationen oder unser Feldlager einsetzen". Die Sorge Kleins ist begründet. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Tanklaster als rollende Bomben benutzt werden. Erst im August kamen bei einem solchen Anschlag in Kandahar 40 Menschen ums Leben. Dennoch muss sich die Bundeswehr nun die Frage stellen lassen, wie verhältnismäßig der Einsatz der Bomben war. Denn eigentlich sind die Nato-Truppen dazu angehalten, so wenig Luftunterstützung wie möglich anzufordern, um die Zahl der zivilen Opfer zu begrenzen. Die Nato hat erkannt, dass zivile Opfer ihrer Mission in Afghanistan massiv schaden.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) gibt Oberst Klein unbeachtet aller Vorwürfe Rückendeckung: Der Verteidigungsminister halte es nicht für sachgerecht, dass die Staatsanwaltschaft Potsdam nun prüfe, ob ein Ermittlungsverfahren wegen eines Tötungsdelikts gegen den deutschen Oberst eingeleitet werden müsse. "Ich bedaure jeden Zivilisten, der verletzt wurde oder gegebenenfalls ums Leben gekommen ist", so Jung, "man muss aber die Gefahr sehen, die für unser Lager bestanden hat, denn es war eine klare Bedrohung durch die Taliban vorhanden."

nik/DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters