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Neue stern.de-Kolumne: Vom Kap und der guten Hoffnung

Simbabwer hausen im Dreck, Somalier kellnern, Kongolesen bewachen Autos. Willkommen im Einwanderungsland Südafrika. Doch die Regenbogennation fremdelt mit ihren Gästen, schreibt Marc Goergen in der neuen stern.de-Kolumne aus Südfafrika.

Wer an irgendeiner Straße in Johannesburg sein Auto abstellt und dem Parkwächter ein paar südafrikanische Rand in die Hand drückt, hat gute Chancen statt "Thanks" schon mal ein "Merci" zu hören. Der Mann mit der neongelben Weste ist wahrscheinlich Kongolese.

Wer in Kapstadts Township Kayelitsha bei einem Händler, sagen wir, eine Cola kauft, dem wird die Hautfarbe des Mannes heller vorkommen als die seiner Nachbarn. Er ist kein einheimischer Zulu oder Xhosa sondern kommt wohl aus Somalia.

Simbabwer hausen in Müll und Enge

Und wer die Central Methodist Church im Zentrum Johannesburgs besucht, wird weder Ruhe noch Andacht finden, sondern mehr als 1000 Menschen, die dort in Enge, Gestank und Müll hausen. Sie stammen aus Simbabwe.

Südafrika ist ein Einwanderungsland. Mehr als fünf Millionen Afrikaner sind seit Ende der Apartheid ins Land gekommen. Allein mehr als drei Millionen Simbabwer leben inzwischen hier. Südafrika ist der mit Abstand reichste Staat Schwarzafrikas und damit das gelobte Land für all jene, denen die Heimat zu chancenlos ist - und die Reise nach Europa zu gefährlich.

Illegal nach Südafrika zu gelangen ist einfach

Illegal nach Südafrika zu gelangen, ist dagegen einfach. Einst, zu Apartheid-Zeiten, war die nördliche Grenze eine Hochsicherheitszone. Jenseits lagen die "Frontstaaten" Simbabwe oder Mozambique, die ANC-Kämpfern Unterschlupf boten. Ein Elektrozaun und scharfe Patrouillen sollten verhindern, dass Untergrundkämpfer ins Land einsickerten.

Mit dem Ende der Apartheid fiel die Front. Die neue Regierung schaltete den Strom am Elektrozaun ab, und wer heute an den Grenzanlagen entlang fährt, sieht weder Hunde noch Streifenwagen, dafür aber manchmal eine verhuschte Gestalt, die sich unter Stacheldraht-Rollen durchschiebt. An anderen Stellen ist einfach ein mannshohes Loch in den Zaun geschnitten. Das bleibt oft tagelang offen - die Grenzbeamten kommen mit dem Flicken nicht mehr nach.

Sie haben nichts dabei außer Kleider und einer Tasche

Musina, die erste Stadt ein paar Kilometer vor der Grenze von Simbabwe, hat sich in den vergangenen Jahren geradezu zu einem Knotenpunkt für durchreisende Flüchtlinge entwickelt. Morgens sammeln sich Immigranten am Busbahnhof, nichts dabei außer den Kleidern am Leib und einer Tasche; von dort geht's mit dem Bus nach Johannesburg, Kapstadt oder Durban.

Wer weder Verwandte noch Geld hat, landet dann an Orten wie der Central Methodist Church in Johannesburg, der überfüllten Flüchtlingskirche von Bischof Paul Verryn. Der heute 57-Jährige hat die Kirche schon vor 20 Jahren zum ersten Mal für Obdachlose geöffnet. Vor allem nachts, wenn alle eng gedrängt auf Kirchenbänken und Treppenstufen liegen, wenn es nach Schweiß, Urin und Abfall stinkt, scheint das Haus Gottes von allen heiligen Geistern verlassen. "Wenn wir den Menschen kein Obdach bieten, müssen sie auf der Straße bleiben. Hier hat keiner das Geld, sich ein Zimmer zu mieten", sagt Paul Verryn.

Sex, Alkohol und Waffen sind verboten

Der Bischof versucht ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen. Pflicht ist die abendliche Messe, verboten sind Sex, Alkohol und Waffen. Doch erst vor ein paar Tagen musste erneut die Polizei anrücken, weil ein paar Mädchen zur Prostitution gezwungen wurden. "Es ist unmöglich, alles zu kontrollieren", sagt Verryn.

Zwar sieht sich Südafrika selbst als Regenbogennation, als ein Staat, der Menschen jeder Rasse, Herkunft, Religion und sexuellen Orientierung eine Heimat gibt. Und tatsächlich war das Land am Kap ja immer ein Schmelztiegel aus vielen Nationen und Kulturen. Afrikaner, Holländer, Engländer, Muslime, Inder, sogar der spätere indische Freiheitsheld Mahatma Gandhi arbeitete vor seinem Befreiungskampf jahrelang in Johannesburg als Anwalt. Und als sich vor einigen Tagen Tausende Muslime an der Strandpromenade von Kapstadts Vorort Seapoint versammelten, um das Ende des Fastenmonats Ramadan zu feiern, wirkte die Stadt einen kurzen Moment wie Beirut.

Die Nachbarn sind Konkurrenten um die wenigen Jobs

Viele Südafrikaner aber sehen heute in den Immigranten aus den Nachbarländern vor allem eines: Konkurrenten um die wenigen Jobs. Die Arbeitslosigkeit im Land liegt bei offiziell weit über 20 Prozent. Und da Kongolesen oder Simbabwer meist billiger arbeiten als Südafrikaner, bekommen sie schon mal eher einen Job. Somalier gelten sogar als besonders geschäftstüchtige Händler. Das führt zu Unmut. Und manchmal entlädt sich der Unmut in Mord.

Die bislang blutigsten Ausschreitungen gab es im Mai 2008. Mehr als 50 Menschen starben damals, hunderte wurden verletzt, tausende flüchteten sich in Kirchen, Polizeistationen oder hastige aufgebauten Notlager. Ein wütender Mob setzte die Hütten der Neuankömmlinge in Brand - und sogar die Menschen selbst: Um die Welt ging das Bild eines Mannes, der als lebende Fackel auf dem Boden kauerte. Er starb später. Manches Stadtviertel von Johannesburg glich plötzlich einem Bürgerkriegsschauplatz mit Rot-Kreuz-Zelten, in die sich Tausende gerettet hatten.

Viele dieser Menschen sind anschließend tatsächlich mit Sonderbussen in ihre Heimatländer zurückkehrt. "Wenn ich schon sterben muss", sagte damals ein junger Mosambikaner, "dann doch lieber in der Heimat." Ihre Plätze haben neue Einwanderer eingenommen, und so entzündete sich in den vergangenen Monaten zwar kein weiterer Flächenbrand - der Hass aber schwelt in vielen Vierteln weiter. Eine internationale Studie über Fremdenfeindlichkeit setzte Südafrika auf Platz eins. 22 Prozent der Einwohner sind der Meinung, man solle überhaupt keine Ausländer mehr ins Land lassen.

Das Land hat sich den massiven Zustrom selbst zuzuschreiben. Viele zu lange hat etwa der ehemalige Präsident Thabo Mbeki den simbabwischen Diktator Robert Mugabe gewähren lassen - und damit dort das Chaos entstehen lassen, das die Menschen zur Flucht treibt. Der neue Präsident Jacob Zuma kündigte zwar eine härtere Gangart gegenüber Simbabwe an. Konkrete Maßnahmen aber blieben bislang aus.

Doch so lange die Menschen im Simbabwe, genauso wie im Kongo oder in Somalia, in der Heimat keine Chance für sich oder ihre Kinder sehen, werden sie weiter in den Süden kommen. Denn das Kap der guten Hoffnung ist für sie eben häufig auch das der einzigen.

Marc Goergen, Kapstadt