Nordkorea Zehn Jahre Kim und dann?


Zehn Jahre herrscht Kim Jong Il nun über sein bizarres Reich. Weil aber wenig in das Land hinein und genauso wenig herausdringt, wuchern die Gerüchte wild. Nicht nur über den Lebenswandel des Diktators. Auch über die Frage: Wer folgt eigentlich auf den "geliebten Führer"?

Ihre Zahl lässt sich schwer schätzen. Zehntausende waren es sicher, eher Hunderttausende, vielleicht sogar eine Million oder mehr. Das Staatsfernsehen jedenfalls zeigte schier unendliche Massen von Menschen, aufgelöst in hysterischer Trauer, die an den Straßenrändern von Pjöngjang ihren kurz zuvor verstorbenen "großen Führer" Kim Il Sung verabschiedeten.

Selbst das in Masseninszenierungen geübte Nordkorea brauchte an diesem 19. Juli 1994 keine sorgsam eingeübte Choreografie, um sich und der Welt zu zeigen: Die Menschen meinten es ernst. In den vier Jahrzehnten seiner Herrschaft hatte Kim Il Sung ein derart sagenhaftes Brimborium um seine eigene Person gemacht, das das Attribut religiös fast schon untertrieben wäre. Selbst als Toter "herrscht" Kim Il Sung noch heute als Staatsoberhaupt über das bettelarme Land.

Geerdeter, und wenn auch nur leicht, regiert nun seit genau zehn Jahren sein Sohn Kim Jong Il Nordkorea. Erst drei Jahre nach dem Tod des Vaters haben ihm die herrschenden Kader die Geschicke des Landes offiziell übertragen. Was deutlich macht, welchen Stellenwert Kim Jong Il im Reich der kommunistischen Erbmonarchie besitzt. Zwar wurde er schon im Alter von 32 Jahren als Nachfolger eingeführt und entsprechend gepriesen. Doch bei seinem Volk gilt er als nur als "geliebter Führer". Was ist das schon im Vergleich zum großen und "ewigen Präsidenten"?

Viel ist über den Mann mit den Plateauschuhen und der Fönfrisur nicht bekannt. Eine öffentliche Rede hat er noch nie gehalten, und seinem Volk zeigt er sich auch nicht. Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA gibt alle paar Wochen Fotos heraus, auf denen Kim Jong Il bei der Besichtigung von Bauernhöfen, Fabriken und Schulen zu sehen ist. Stets im Gefolge: Eine Handvoll Generäle, die mehr wie Aufpasser denn wie Untergebene wirken.

Sein Land darbt derweil in Armut vor sich hin. Das Durchschnittseinkommen liegt bei drei Euro im Monat. Zum Vergleich: Ein Angolaner verdient rund das Zehnfache. Von der Außenwelt hat sich das Regime völlig abgeschlossen. Internet und Handys bleiben allein der herrschenden Klasse vorbehalten und die Radios sollen angeblich so präpariert sein, dass sie keine ausländischen, vor allem südkoreanischen, Sender empfangen können. Dafür gibt es ein paar Stunden Staatsfernsehen am Tag. Das zeigt vor allem den "geliebten Führer", im gewohnten schlammgrünen Militärzweiteiler, wie er die Errungenschaften des Landes besichtigt.

Und weil nicht nur nichts nach Nordkorea hinein, sondern genauso wenig herausdringt, ist auch über den Diktator wenig bekannt. Entsprechend wild kursieren Gerüchte über den Lebenswandel Kim Jong Ils: Dass er Alkoholiker sein soll, ist noch die gesicherste Information. Bestätigt ist etwa, dass er Mitte der 90er Jahre größter Privatkunde des Cognac-Produzenten Hennessy war, aber auf ärztlichen Rat mittlerweile nur noch Rotwein trinke. Die Rede ist auch von einer beachtlichen Videosammlung, die mehr als 20.000 Filme umfasse, Hollywoodstreifen und Pornos inklusive.

Auf der Jagd nach jungen Gespielinnen

Dass er in seinen 32 Palästen ausschweifende Partys feiert, hat sein ehemaliger Koch einmal dem stern verraten. Und ebenso, dass er Lakaien durch das Land schicke, um junge Schönheiten als Gespielinnen aufzutreiben. Am besten unter 1,70 Größe, denn dann fühle er sich nicht so klein. Wegen solcher Sperenzchen wirkt Kim Jong Il wie der verzogene Spross einer zu schnell zu Geld gekommen Familie. Nicht nur deshalb wird er gerne als "Irrer" oder "Dr. Seltsam" bezeichnet. Dass sich Militär und Partei Nordkoreas jedenfalls solange Zeit gelassen haben mit seiner Berufung zum Staatschef, scheint seine Gründe gehabt zu haben.

Nun ist Kim Jong Il 65 oder 66 Jahre, je nachdem welcher Quelle man glaubt. Und in diesem Frühherbst 2007 standen der kleingewachsene Mann und sein Reich ungewohnt oft im Mittelpunkt des Weltgeschehens: Vom vergurkten WM-Viertelfinale der Frauen gegen Deutschland, über das Einknicken beim umstrittenen Atomprogramm, bis zum innerkoreanischen Gipfel. Beim Staatsempfang in Pjöngjang stand er, verkrampft und linkisch neben dem weltmännischen und lockeren Kollegen Roh Moo Hyun und bot Frieden und Kooperation gegen Geld. Viel Geld.

Die Annäherungen der beiden Koreas wird vorerst nicht an Kim Jong Ils Thron rütteln. Eher schon die Machtkämpfe, die hinter den Kulissen der "verbotenen Stadt" toben, dem abgeriegelten Ghetto der Elite. Die Nachfolge des "geliebten Führers" ist trotz des mutmaßlichen schlechten Gesundheitszustands Kim Jong Ils noch ungeklärt. Drei Söhne, zumindest offizielle, hat das Staatsoberhaupt. Aber nur einer davon gilt Experten zufolge als qualifiziert für den Job. Der älteste, Kim Jong Nam, ist aus dem Rennen, seit er einmal peinlicherweise bei einem Ausflug ins japanische Disneyland erwischt worden war - in Feindesland mit gefälschtem Pass. Der jüngste Kim-Spross Jong Un dagegen gilt als zu jung und unerfahren.

Wer ist Paek Se Bong?

Der zweite Nachkomme Kim Jong Chol ist mit Mitte 20 noch einigermaßen jung und soll ein Schweizer Internat besucht haben. Überläufern zufolge, gebe es von ihm schon Buttons an Funktionärsrevers. Kim Jong Il Koch allerdings berichtet, dem Vater sei der junge Mann zu "mädchenhaft" - wie immer man das interpretieren will.

Für Pjöngjang-Astrologen kommt aber noch ein weiterer Name und eine andere Lösung in Betracht. Zum einen könnte sich das Militär der Macht bemächtigen, die beiden Kims als ewige und gottgleiche Führer installieren, deren Willen und Erbe nun im Namen der Soldatenführung umgesetzt wird.

Allerdings geistert seit einiger Zeit ein gewisser Paek Se Bong durch die Zeitungen. Der Name bedeutet soviel "Drei Gipfel" und könnte als eine Art Platzhalter für einen noch zu bestimmenden oder bereits ausgewählten Nachfolger Kim Jong Ils dienen. Auch Kims Sohn Jong Chol wird hinter diesem "Gipfel"-Pseudonym vermutet. Fotos aber gibt es keine. Sicher ist: Paek Se Bong wurde bereits mit einer wichtigen Schlüsselposition in einflussreichen Nationalen Verteidigungskommission bedacht. Wie einst Kim Jong Il.

Niels Kruse

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