Obama trifft Medwedew Der große und der kleine Präsident


Der Besuch von Barack Obama in Russland wird als Neubeginn in den amerikanisch-russischen Beziehungen gewertet. Der US-Präsident konzentriert sich auf den Kremlchef Medwedew - obwohl der stärkste Mann in Moskau immer noch Putin heißt. Für den nimmt er sich aber nur eine gute Stunde Zeit.
Von Andreas Albes, Moskau

Barack Obama federte leichten Schrittes in den mit Gold, Stuck und Kronleuchtern überladenen Andrejewski-Saal im Kreml. Er hatte sich eine gute Stunde verspätet. Wie die Reporter aus dem Pressepool des White House zu berichten wussten, war Obama noch schnell unter die Dusche gesprungen, im gegenüberliegenden Ritz Carlton-Hotel, das der US-Präsident für seinen ersten offiziellen Moskau-Besuch komplett mit allen 334 Zimmern angemietet hat.

Russlands Präsident Dmitri Medwedew geleitete seinen Gast, der ihn um fast einen Kopf überragt, mit sichtlich entspanntem Gesicht aufs Podium, wo die lang ersehnte Pressekonferenz der beiden stattfinden sollte. Für Medwedew war sie der bislang meistbeachtete internationale Auftritt auf heimischem Boden. Und für Obama eine weitere, politisch heikle Mission, die großes diplomatische Geschick erforderte.

Die 500 Journalisten im Saal erwarteten ein Signal. Etwas, das man in Zahlen ausdrücken kann. In der Vergangenheit waren die Abrüstungsverhandlungen der beiden Staaten, die zusammen über 90 Prozent aller auf der Welt vorhandenen Atomwaffen besitzen, ins Stocken geraten. Und so wurde zunächst die Einigung zu einem Nachfolgeabkommen für den in diesem Jahr ablaufenden Abrüstungsvertrag Start-I unterzeichnet. Der legte bislang für jede Seite eine Obergrenze von 6000 Nuklearsprengköpfen und 1600 Trägerraketen fest. Binnen sieben Jahren soll die Zahl der Trägersysteme auf 500 bis 1100 reduziert werden und die der Sprengköpfe auf 1500 bis 1675.

Das Signal hätte deutlicher ausfallen können. Es war schon mal von maximal 1000 Sprengköpfen die Rede. Aber immerhin. Wichtiger bei dieser Pressekonferenz war die Atmosphäre, die zwischen den beiden Staatschefs herrschte. Obama hatte vor seiner Moskau-Reise angekündigt, dass er den "Reset"-Knopf in den russisch-amerikanischen Beziehungen drücken wolle. Sollte heißen: Wir lassen acht Jahre George Bush hinter uns und fangen noch mal von vorne an. Vergangenes Jahr im Sommer, als sich Russland mit Georgien (enger US-Verbündeter) bekriegte, sprach die Welt von einem neuen kalten Krieg.

Jetzt erlebte sie eine Pressekonferenz, wie sie warmherziger kaum hätte sein können. Schon bevor die beiden Präsidenten an die Mikrofone traten, tuschelten und lachten sie in einer Tour. Medwedews Englisch ist ganz passabel. Neben dem Start-Vertrag wurde vereinbart, dass Amerika künftig "militärische Güter und Militärpersonal" über russisches Territorium und durch russischen Luftraum nach Afghanistan transportieren darf.

Sogar in der Dauerstreitfrage um das Raketenabwehrschild, welches die Amerikaner gerne in Polen und Tschechin stationieren wollen, fielen diplomatische Töne. Obama versicherte Medwedew, die USA seien zwar nach wie vor von dessen Richtigkeit überzeugt, wollten aber eng mit Russland zusammenarbeiten. Und Medwedew sah "einen Fortschritt" darin, dass Obama offen über das heikle Thema rede. Bislang hätte Moskau immer nur zu hören bekommen, "es ist alles schon entschieden".

Obama hat also wirklich den "Reset"-Knopf gedrückt. Er versicherte Medwedew, dass er ihm vertraue, lobte die Effektivität der Zusammenarbeit und bedankte sich für die Herzlichkeit, mit der ihn Moskau empfangen habe.

Charme-Offensive der Obamas

In der russischen Hauptstadt herrscht seinetwegen Ausnahmezustand. Der Flughafen, auf dem Obama landete, wurde bis zur letzten Minute geheim gehalten. Die Luftwaffe ist bis zu seiner Abreise am Mittwoch in Alarmbereitschaft. Wie russische Medien berichteten habe es mit dem "chronisch anstrengenden" Sicherheitsdienst des US-Präsidenten bereits seit Frühjahr lange Verhandlungen gegeben. 10.000 Polizisten sind auf den Straßen zusätzlich im Einsatz, um Obamas Sicherheit zu gewährleisten.

Nachdem die "Air Force One" um 13:20 Uhr auf dem Airport Wnukowo 2 aufgesetzt hatte, erschien kurz darauf gleich die ganze Familie Obama auf der Gangway. Auch das dürfte zur Charme-Offensive des US-Präsidenten gehört haben. Die Töchter Malia und Sascha trugen helle Trenchcoats, Gattin Michelle ein rosa Kleid, das für das kühle und regnerische Moskauer Wetter wohl nicht die ideale Garderobe war. Dann stiegen die Obamas in den eingeflogenen doppelt gepanzerten Cadillac und rauschten Richtung Kreml davon. Für den Abend war ein gemeinsames Abendessen mit Dmitri Medwedew und dessen Frau Swetlana angesetzt.

Bei allen guten Absichten Obamas bleibt jedoch umstritten, wie klug es ist, dass er sich zu fast 100 Prozent auf Medwedew konzentriert. Denn es dürfte auch im Weißen Haus in Washington kein Geheimnis sein, dass der stärkste Mann in Russland immer noch Wladimir Putin heißt. Auf der Pressekonferenz wurde Obama gefragt, ob er glaube, in Medwedew den richtigen Verhandlungspartner vor sich zu haben. Obama meinte, dass er als Präsident das Gespräch mit seinem Amtskollegen suche, und Putin sei eben Premierminister. Natürlich werde er sich auch mit ihm unterhalten, so wie er sich mit anderen wichtigen Persönlichkeiten aus der russischen Gesellschaft unterhalte.

Zum Frühstück mit Putin

Zur Stunde trifft sich Obama mit Putin, für den er sich laut Protokoll nur 60 bis 90 Minuten Zeit nimmt - ein Arbeitsfrühstück in dessen Residenz. Und auch hier lässt er seinen Charme spielen: Obama sagte kurz vor dem Treffen, er wisse von der "bemerkenswerten Arbeit", die Putin für Russland früher als Präsident geleistet habe und jetzt als Regierungschef leiste. Putin seinerseits sagte, er sei "sehr froh", Obama erstmals zu treffen. Nach dem gemeinsamen Frühstück, in dem es unter anderem um das umstrittene Raketenabwehrprojekt gehen soll, muss Obama schnell wieder in die Stadt, eine Rede in der New Economic School halten, Michail Gorbatschow treffen, an einer Konferenz mit russischen und amerikanischen Unternehmern teilnehmen und diverse Oppositionsführer sehen. Darunter auch der Ex-Schachweltmeister und chronische Anti-Kreml-Querulant Garri Kasparow, was Putin sicher nicht sonderlich gefallen dürfte.

In einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP hatte Obama vor seiner Abreise allerdings deutliche Worte für Putin gefunden: "Er betreibt sein Geschäft mit einem Bein immer noch auf alte Weise und mit dem andern auf neue." Putin, der dafür berüchtigt ist, wie empfindlich er auf Kritik und vor allem auf mangelnde Wertschätzung reagiert, erwiderte seinerseits per Interview: Die Russen könnten gar nicht "zerrissen" dastehen. "Wir stehen immer mit beiden Beinen fest auf dem Boden und schauen in die Zukunft. Das ist das Besondere an Russland. Und das bringt Russland voran." Ob Obamas Russland-Reise tatsächlich der Durchbruch in den Ost-West-Beziehungen ist, bleibt also abzuwarten. Erst die Zukunft wird zeigen, ob er beim richtigen Mann auf den "Reset"-Knopf gedrückt hat.


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