Obama vs. McCain Was Iran über die US-Wahl denkt


Sich öffentlich zu den US-Wahlen zu äußern, ist im Iran nicht gern gesehen. Allzu großes Interesse am Land des "Großen Satans" gilt als unschicklich. Doch viele Iraner blicken gebannt auf den Ausgang des Urnengangs und viele, vor allem die Reformer, hoffen auf einen Sieg Barack Obamas - schon aus reinem Eigeninteresse.
Von Steffen Gassel

Ölpreis im Keller, Wirtschaftskrise im Anmarsch und dann auch noch das: Ausgerechnet der Präsident, der bei seinem Amtsantritt vor drei Jahren versprochen hatte, den Armen etwas von den Öleinnahmen abzugeben, tut genau das Gegenteil. Eine Mehrwertsteuer will Mahmud Ahmadinedschad einführen - dabei ist das Leben für die meisten Iraner unter seiner Regentschaft auch so schon immer teurer geworden. Tee, Reis, Tomaten - für fast alle Lebensmittel sind die Preise gestiegen, seit er im Präsidentenpalast von Teheran sitzt. Und nun will er noch mal drei Prozent Abgaben aufschlagen.

Als diese Nachricht unlängst bekannt wurde, ging den Menschen im Iran die Geduld aus. Lautstark machten sie ihrem Unmut auf den Straßen Luft. Die einflussreichen Basarhändler in Teheran schlossen aus Protest ihre Geschäfte - das hatten sie zuletzt vor 30 Jahren getan, um die Revolution Khomeinis gegen den Schah zu unterstützen. Kleinlaut musste der sonst so selbstbewusste Präsident die angekündigte Steuer schließlich zurückziehen.

Unabsehbare Folgen für den Iran

Eigentlich haben die Iraner also genug zu kämpfen mit den Nöten des täglichen Lebens und dem innenpolitischen Aufruhr im eigenen Land. Trotzdem blicken sie bei alledem seit Wochen gebannt nach Amerika. Sie wissen: Der Ausgang der Wahl in dem Land, das ihre eigene Regierung gern als "Großen Satan" beschimpft, könnte unabsehbare Folgen auch für ihr Leben haben - im Guten wie im Schlechten. Die Sympathien in der Islamischen Republik sind klar verteilt. Zwischen einem Kandidaten, der offen für eine friedliche Annäherung und Gespräche mit dem Iran wirbt, und einem, der im Wahlkampf zu Beach-Boys-Melodien "Bomb, bomb, bomb, bomb, bomb Iran" singt, fällt die Wahl den meisten hier nicht wirklich schwer. "Ich bin noch skeptisch, ob er an der US-Politik meinem Land gegenüber wirklich etwas ändern wird", sagt Farideh, eine Hausfrau aus Teheran. "Aber Obama gefällt mir."

Das Wohlwollen, das dem Kandidaten der Demokraten zwischen Kaspischem Meer und Persischem Golf entgegengebracht wird, hat oft gar nichts mit dessen politischen Zielen zu tun. "Ich mag Obama, weil er ein Schwarzer ist. Denn damit gehört er doch wie wir Iraner zu den Unterdrückten in der Welt. Außerdem sieht er auch noch so gut aus, wie ein Hollywood-Schauspieler", sagt Hausfrau Farideh. Und dann erwähnt sie noch einen dritten, erstaunlichen Punkt für Obama: "Er heißt wie unser heiliger Imam, der Nachkomme des Propheten Muhammed war." Sein Mittelname Hussein, den Obamas Gegner in den USA immer wieder benutzten, um ihm in die Nähe muslimischer Terroristen zu rücken, wirkt im Iran Wunder. "Jemanden, der Hussein heißt, müssen wir Iraner einfach lieben", sagt Farideh.

Ahmadinedschad hat keine Präferenz

Die offizielle iranische Politik gibt sich derweil weniger überschwänglich. Allzu großes Interesse für Amerika gilt als unschicklich. Als Präsident Ahmadinedschad bei einem Besuch in New York neulich gefragt wurde, wen er lieber im Weißen Haus sähe, blieb er cool. "Das ist Sache der Amerikaner. Ich habe da keine Präferenz." Doch einige Politiker aus dem Lager der Reformer und der Pragmatiker, die für einen Ausgleich mit den USA und eine friedliche Beilegung des Atomstreits stehen, haben sich in den letzten Wochen pro Obama ausgesprochen. Das gewichtigste Votum für den schwarzen Kandidaten kam von Ali Larijani, dem Sprecher des iranischen Parlaments. Er steht dem geistigen Oberhaupt des Mullah-Staats, Ali Khamenei, nahe und führte bis 2007 die Verhandlungen um das umstrittene iranische Atomprogramm. "Ich tendiere zu Obama, weil er flexibler und rationaler ist", sagte Larijani vor Journalisten. Für seine Verhältnisse ist das ein dickes Lob. Larijani ist von Beruf Mathematiker und neigt nicht zu Gefühlsausbrüchen.

Sadegh Kharrazi, ein einflussreicher Reformer, Ex-Diplomat und Bruder eines ehemaligen Außenministers, ging noch weiter: "Wenn Obama das Heft in die Hand nimmt, einen Durchbruch dem Iran gegenüber schafft und es vermeidet, die Islamische Republik zu verdammen und zu beleidigen, wenn die USA unter seiner Führung aufhören, den Iran in der Nahost-Politik zu ignorieren - dann wird das auch auf der Gegenseite für guten Willen sorgen." Bei allem zarten Optimismus müssen iranische Politiker jeglicher Couleur jedoch aufpassen, den Wunsch nach einem Ende der Eiszeit mit den USA nicht allzu offen zu bekunden. Denn die Hardliner im Staat Khomeinis legen ihren politischen Gegnern solche Äußerungen nur zu gern als Zeichen der Schwäche aus. Ali Larijani erklärte denn auch gleich nach seiner Fürsprache für Obama. "Wir wissen aber, dass sich die amerikanische Politik nicht so sehr ändern wird - gleich, wer Präsident wird."

Auch die Iraner müssen sich bald entscheiden

Und noch einer anderen Tatsache sind sich die Menschen im Iran bewusst: Mindestens genauso entscheidend für die künftigen Beziehungen zwischen ihrem Land und Amerika wird der Ausgang einer anderen Präsidentschaftswahl sein: der in ihrem eigenen Land. Anfang Juni 2009, ein knappes halbes Jahr nach dem Amtsantritt von John McCain oder Barack Obama, muss sich auch Mahmud Ahmadinedschad dem Wahlvolk stellen. Ali Khamenei, der geistige Führer des Iran, hat schon vor Wochen erklärt, der Präsident solle ruhig davon ausgehen, dass er noch eine zweite Amtszeit zur Verfügung habe, um seine politischen Pläne umzusetzen.

Sollte der Holocaust-Leugner und Atom-Pokerer Ahmadinedschad nächsten Sommer wirklich wiedergewählt werden, dann dürften die Aussichten für ein neues, freundlicheres Kapitel in den iranisch-amerikanischen Beziehungen düster aussehen. Egal wer im Weißen Haus sitzt.


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