Obama vs. McCain Was Italien über die US-Wahl denkt


Regierungschef Silvio Berlusconi scheint der letzte Italiener zu sein, der sich krampfhaft im verblassenden Glanz von George W. Bush zu sonnen versucht. Doch sein Volk sehnt den Wechsel im Weißen Haus herbei - auch wenn einige Glauben, dass sich unter Barack Obama nur wenig ändern würde.
Von Luisa Brandl

Die Menschen in Italien sind nicht dafür bekannt, dass sie große Sympathien für George W. Bush hegen. Und nun sind sich alle endgültig einig: Die Bush-Ära muss ein Ende haben. Sie steht für zwei unbeliebte Kriege in Afghanistan und im Irak, für das Katrina-Desaster, den Enron-Skandal, Ölpreise auf Höchstniveau und jetzt die Finanzkrise. Allerdings hören die Gemeinsamkeiten da schon auf: Die eher konservativ denkenden Italiener unterstützen überwiegend John McCain, die eher Linksgerichteten favorisieren Barack Obama.

Nur einer wird in jedem Fall verlieren, egal wer der nächste US-Präsident wird: Silvio Berlusconi. Denn Italiens Regierungschef wird seinen Buddy Bush arg vermissen. Gerade noch wurde der Premier bei seinem USA-Besuch mit allen Ehren wie ein Staatsoberhaupt im Weißen Haus empfangen, da verriet sein womöglich letzter großer Auftritt an der Seite von Bush bereits eine gewisse Unsicherheit: Es gibt ein Foto, auf dem Berlusconi mit starrem Blick krampfhaft die Hand des Präsidenten drückt, so als wolle er ihn nicht gehen lassen.

Berlusconi protzte mit seiner Bush-Freundschaft

Es hatte stets etwas Operettenhaftes, wie der Italiener vor aller Welt protzte, ein privilegierter Partner der Supermacht zu sein. Berlusconi tat so, als würden die Vereinigten Staaten in Italien eine Nation von herausragender Bedeutung sehen. Und das sei das Verdienst von keinem anderen als Berlusconi selbst. Man mag die Selbstüberschätzung als Attitüden eines Aufsteigers belächeln, doch Beobachter fürchten nun, dass das Ende der Bush-Beziehung Berlusconi weiter in die Arme seines zweiten Duz-Freundes treibt: Wladimir Putin. Der autoritäre Führungsstil des russischen Präsidenten entspreche ohnehin Berlusconis politischem Denken. Ohne Bush werde Berlusconi zum Putin Europas, meinen Kritiker.

In einem Land, dessen Politiker durchschnittlich 60 Jahre alt sind und seit mindestens 20 Jahren im Geschäft, staunt man über den US-Wahlkampf. Dort treten zwei Kandidaten an, von denen niemand zuvor etwas gehört hatte. Obama könnte vom Alter her der Sohn von Staatspräsident Giorgio Napolitano sein. Er hat alles, was der als "Kaste" verschrienen Politikerklasse fehlt: Er ist jung, er ist neu und er ist mitreißend. Der smarte Herausforderer hat in linken Kreisen längst Kultstatus.

Auch der blasse Oppositionsführer Walter Veltroni huldigt der "Obamania" und kopiert ihn bis ins Detail. Wenn Veltroni etwa zu einer Menschenmenge spricht, steigt er nicht mehr auf eine erhabene Bühne, sondern wie Obama mitten in die Menge auf ein kleines Podest. Er ahmt seine Gestik nach. Während des italienischen Wahlkampfs im April adaptierte er den Slogan "Yes we can" und machte daraus "Si può fare". Ebenso nach amerikanischem Vorbild hatte Veltroni die Partei der Linksdemokraten“ in "Demokratische Partei" umgetauft.

Obama-Sieg wäre eine "Revolution"

Welche Folgen ein Wahlsieg Obamas für Italien und Europa hätte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Für Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo wäre es "eine Revolution", die zu mehr Gleichberechtigung im Umgang mit den Problemen des 21. Jahrhunderts wie Armut, Klimawandel, Nahrungsknappheit und schwindende Ölreserven führen würde. Viele Menschen sehen Obama in der Rolle eines Partners. Mit McCain, sagen sie, ginge es hingegen weiter wie bisher: Die Amerikaner preschen ungeduldig vor, und die Europäer zotteln uneins und mürrisch hinterher. Der Chefredakteur der renommierten Zeitschrift "Micromega", Paolo Flores D'Arcais, meint allerdings, mit Obama würde sich wenig ändern, aber immerhin wäre die reaktionäre Periode unter Bush beendet.

Wer aber der neue US-Präsident wird, sei noch völlig offen. D'Arcais vermutet, dass viele Amerikaner, die sich zuvor in Umfragen für Obama ausgesprochen haben, in der Wahlkabine von rassistischen, auch unbewusst rassistischen, Gefühlen eingeholt werden. "Der latente Rassismus ist sehr stark", sagt D'Arcais. Auch in Italien habe man die Erfahrung eines aufkommenden Fremdenhasses machen müssen, den man längst nicht mehr für möglich gehalten habe. Das Schlimmste wäre, wenn Obama trotz eines gewaltigen Vorsprungs am Ende die Wahl verlieren würde. D'Arcais: "Das würde die USA in eine tiefe Krise stürzen."


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