Obamas erste Präsidenten-Ferien Wie reich darf ein Urlaubsort sein?


In der Welt des Barack Obama wird nichts dem Zufall überlassen, auch nicht die symbolträchtige Entscheidung über den ersten Ferienort als US-Präsident. Einfach war die Entscheidung nicht.
Von Jan Christoph Wiechmann, Martha's Vineyard

Eigentlich hatte er keine Wahl. Eigentlich musste sich Barack Obama für den kleinen Urlaubsort Oak Bluffs entscheiden. Wenn der Präsident in seinen Ferien schon nach Martha's Vineyard muss, nach "Hollywood East", auf die Insel der Reichen und Schönen und Mächtigen, dann konnte es nur Oak Bluffs (3000 Einwohner, 30.000 im Sommer) sein.

Oak Bluffs ist der Ort der schwarzen Reichen und Schönen und Mächtigen. Oak Bluffs ist so etwas wie der wichtigste schwarze Ferienort Amerikas, die Sommerheimat von Spike Lee und Henry Louis Gates und Vernon Jordan, der Anziehungspunkt für Oprah Winfrey und Beyoncé, der Treffpunkt der schwarzen Oligarchie, wenn es so etwas in Amerika überhaupt gibt.

Oak Bluffs also

Dann aber begannen die Fragen. Ist der Ort vielleicht zu schwarz, fragten sich die Strategen des Präsidenten. Sollte der Präsident im weißen Neuengland ausgerechnet den einzigen schwarzen Ferienort auswählen? In Zeiten einer von ihm angestrebten postrassistischen Gesellschaft? In Zeiten jenes Sommerskandals um den schwarzen Harvard-Professor Henry Louis Gates, der beim Betreten seines eigenen Hauses von einem weißen Polizisten für einen Einbrecher gehalten wurde und eine neue Debatte über Rassismus in den USA auslöste?

Aber wohin sonst auf Martha's Vineyard? Ins elitäre Vineyard Haven, wo das Hummerbrötchen 13 Dollar kostet? Ins noch elitärere Edgartown, wo das Hummerbrötchen 18 Dollar kostet?

Wohin geht Obama in Zeiten, in denen selbst seine Hundewahl Konsequenzen hat. Und die Gemüsewahl. Und die Jeanswahl.

Wo Martin Luther King einst seine Reden verfasste

"Wir hätten ihn zu gerne hier in Oak Bluffs gehabt", sagt Alex Palmer enttäuscht. Palmer ist so etwas wie der Lokalhistoriker von Oak Bluffs. Er führt Besucher einmal in der Woche durch die kleine Stadt mit der langen schwarzen Tradition. Er führt sie an die Stätten der schwarzen Befreiung. Wo die Sklaven einst landeten und sich versteckten. Wo die Schriftstellerin Dorothy West ihre Romane schrieb. Wo Martin Luther King seine Reden verfasste. Wo Spike Lee über seinen Filmen brütet. Der ideale Ort für einen schwarzen Präsidenten in der Tradition eines Martin Luther King, der seine Frau beim ersten Date zu einem Spike-Lee-Film einlud und Dorothy West im Schlaf rezitieren kann.

Oder doch nicht der ideale Ort? Oak Bluffs wäre vielleicht zu schwarz.

Also vielleicht Aquinnah im Süden der Insel? Aquinnah ist ländlicher als Oak Bluffs und gemischt und weniger symbolbeladen. In Aquinnah leben die Nachfahren der Indianer vom Stamm der Wampanoag. Aber Aquinnah hat einen entscheidenden Nachteil. In Aquinnah haben schon die Kennedys ihr Haus. Aquinnah ist Kennedy-Territorium.

Edgartown ist Clinton-Territorium

Dann vielleicht Edgartown. Edgartown ist fast ausschließlich weiß, hatte aber den ersten schwarzen Walfangkapitän des Landes. Im Hafen von Edgartown kamen Sklaven vor mehr als 300 Jahren an und wurden zu Landeigentümern. Aber Edgartown hat einen entscheidenden Nachteil. Edgartown hat eine höhere Millionärsdichte als Aspen. Und in Edgartown sind schon die Clintons. Edgartown ist Clinton-Territorium.

Edgartown wäre in Zeiten der Rezession einfach zu reich.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wyoming würde passen, aber dort würde Obama verrückt werden

Als Obama seine Frau Michelle zu einem ersten Date als Präsident ausführen wollte, entschied er sich für ein Broadway-Musical in New York. Da rechnete ihm die Opposition vor, wie viel das Date auf Staatskosten gekostet hat. Da rechnete ihm die Opposition vor, wie abgehoben und elitär Obama sei. Es ist dieselbe Opposition, die Amerika zuvor in den Ruin getrieben hatte. Seit dem Broadway-Ausflug ist Obama etwas vorsichtiger geworden. Er will nicht elitär wirken. Er will nicht so wie Bill Clinton erscheinen.

Auch Clinton sollte bodenständiger urlauben

Bill Clinton verbrachte seine Urlaube regelmäßig auf Martha's Vineyard, bis ihm sein Berater Dick Morris im Wahljahr 1996 vorrechnete, dass er einen etwas bodenständigeren Urlaub machen sollte. Dick Morris gab eine Umfrage in Auftrag, welcher Ort der wohl bodenständigste wäre. Wyoming war die Antwort. Da ging Bill Clinton im Sommerurlaub nach Wyoming. Und kam schlecht gelaunt zurück. Und kehrte im folgenden Jahr wieder zurück nach Martha's Vineyard.

Obama in Wyoming? Im Staat Dick Cheneys? Er ist ja durchaus anpassungsfähig, aber in Wyoming würde er verrückt werden.

Also Chilmark. Chilmark (843 Einwohner) liegt im ländlichen Teil Martha's Vineyards. Chilmark ist Wyoming am ähnlichsten, wenn man die geringe Bevölkerungsdichte zu Rate zieht. Chilmark ist gut zu beschützen vom Secret Service und hat kein Image, weder einer schwarzen elitären Stadt noch einer weißen elitären Stadt. So richtig gab es Chilmark gar nicht, bis sich einige Reiche ein paar Sommervillen ins Gestrüpp bauen ließen. Chilmark hat so viel Gestrüpp, dass sich selbst George W. Bush mit Chilmark anfreunden könnte, der im Urlaub immer das Gestrüpp seiner Ranch zerlegte. Chilmark hat so viel Bauern, dass sich selbst Dick Cheney wohlfühlen würde.

Also Chilmark

Kaum hatten sich die Obamas für eine Farm in Chilmark entscheiden, kamen beunruhigende Fakten ans Licht. Er hat zwar eine Farm eines Republikaners gefunden - das ist gut in Zeiten der angestrebten Überparteilichkeit - aber sie kostet 50.000 Dollar Miete in der Woche. Sie hat einen Heuschober - das kommt durchaus bodenständig daher - aber auch einen Golf-Übungsplatz. Chilmark hat die höchsten Grundstückswerte in ganz Massachusetts, rechnete einer aus, Chilmark ist der Gipfel der Elite, aber das glaubt man nicht unbedingt, wenn man die Bewohner interviewt.

Schön und gut, dass der Präsident kommen muss, sagt Bauer Riggs Parker, aber sie wollen jetzt einen Handy-Tower installieren.
Und das mögen Sie nicht?
Nein.
Warum nicht?
Den brauchen wir hier nicht.
Aber immerhin kommt der Präsident.
Na und?

Vielleicht ist Chilmark auch nicht die ganz ideale Wahl, aber irgendwann hatte Obama keine Wahl mehr. Irgendwann hat sich der Secret Service einfach durchgesetzt. Die Farm liegt einsam im Gestrüpp. Sie ist am besten zu bewachen.

Also Chilmark (843 Einwohner, zwei Läden, ein Flohmarkt).


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker