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Obamas Gegner: Teeparty mit Sarah Palin

Sie geißeln hohe Steuern, verachten den Staat - und ihr wichtigster Gegner ist US-Präsident Barack Obama: Die erzkonservativen Tea-Party-Aktivisten trafen sich in Nashville, Tennessee - und feierten Alaskas Ex-Gouverneurin Sarah Palin.

Von Sabine Muscat, Nashville

Auf diesen Moment haben die Gäste des Galadiners sehnsüchtig gewartet. Die rot-weiß-blauen Fähnchen liegen griffbereit neben den Desserttellern, die Sektgläser sind gefüllt. Eine Countryband hat eingeheizt, der Sänger hat von amerikanischen Werten gesungen, für die man sich nicht zu schämen brauche. Dann kommt sie: Um kurz nach acht betritt Sarah Palin die Bühne der ersten nationalen Tea-Party-Konferenz. "Happy birthday, Ronald Reagan!", ruft sie in den Applaus - und an den Tischen klingen die Gläser. Der Ex-Präsident, Vorbild des konservativen Amerika, wäre heute 99 Jahre alt geworden.

In den Augen dieses Publikums ist Palin, die ehemalige Gouverneurin von Alaska und Vizepräsidentschafts-Kandidatin des Republikaners John McCain, seine würdige Erbin. Denn sie verspricht die Erlösung von dem Übel, das der Demokrat Barack Obama über das Land gebracht hat: "Amerika ist bereit für eine neue Revolution!", ruft Palin.

Es brodelt in den USA. Schon im Februar 2008, kaum einen Monat nach Barack Obamas Vereidigung zum Präsidenten und direkt nach der Verabschiedung des 787 Mrd. $ schweren Konjunkturprogramms, brechen im ganzen Land Proteste aus. Sie sind zunächst lokal begrenzt und spontan organisiert, doch bald sorgt das Internet dafür, dass sich die Gruppen austauschen und einander bestärken in ihrem Ärger über einen Staat, der seine Grenzen übertritt.

Was nicht gefällt, will man über Bord werfen

Seitdem sind die Zweifel an Obama gewachsen, und aus den Protesten ist das "Tea Party Movement" geworden. An diesem Wochenende sind die Gegner des Präsidenten aus dem ganzen Land in Nashville, Tennessee, zusammengekommen. In der Hauptstadt der Country-Musik, dem Herz des konservativen weißen Amerika, wollen sie die Revolution vorbereiten, die auf die Revolte folgen soll: Im Herbst stehen Kongresswahlen an, und das Ziel der Bewegung ist es, den Demokraten das Ruder aus der Hand zu nehmen. Die Protestbewegung müsste ein Fluch für die derzeitige Mehrheitspartei sein - und ein Segen für die Republikaner. Doch so einfach sind die Dinge nicht.

Immerhin verbucht die Bewegung einen Machtwechsel im Senat bereits als ihren Erfolg: Bei der Nachwahl in Massachusetts im Januar hatte sie den republikanischen Kandidaten Scott Brown mit Spenden unterstützt - und er gewinnt fast überall außer in der Innenstadt von Boston, dem Ort der historischen Tea Party.

Jedes Kind in Amerika weiß, dass die Tea Party in Boston im Jahr 1773 den Weg zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bereitet hatte. Damals wollten zornige Siedler nicht länger hinnehmen, dass die britische Krone ihnen die Handelspreise diktierte. Sie enterten britische Schiffe im Hafen von Boston und warfen eine Ladung hoch besteuerten indischen Tees über Bord.

Auch die modernen Tea-Party-Aktivisten wollen alles über Bord werfen, was ihnen nicht gefällt - etwa die Gesundheitsreform der Obama-Regierung. Auf Gemeindeversammlungen im ganzen Land haben sie die Pläne für ein allgemeines Gesundheitssystem im vergangenen Sommer niedergeschrien - es war der Anfang vom Ende des Projekts, das im Kongress kaum noch Chancen hat. "Jeder Tag, an dem dieses Gesetz nicht verabschiedet wird, ist ein Sieg für euch", ruft die Rednerin Amy Kramer den Konferenzteilnehmern zu.

Palins Honorar sorgt für Knatsch

Für die 600 Anwesenden, die an diesem Wochenende zusammengekommen sind, ist es ein weiter Weg von den Straßenprotesten in ihren Gemeinden bis nach Nashville. Das Gaylord Opryland kann es mit den Megahotelanlagen von Las Vegas aufnehmen, nur die Spielkasinos fehlen. Der Weg zum Konferenzsaal führt durch ein überdachtes Tropenparadies, in dem die Gäste zwischen Palmen, Magnolien und Wasserfällen an Bistrotischen sitzen und je nach Geschmack Schoko-Brownies, Schweinerippchen oder Sushi speisen.

Im Vorfeld der Konferenz hat es einigen Knatsch gegeben, der manchen Demokraten schon hoffen lässt, dass sich der Protest des heterogenen Haufens als Sturm im Teeglas erweisen könnte. Aus Protest gegen Teilnahmegebühren von bis zu 550 Dollar pro Person, die auf ein Konto der Ehefrau des Konferenzorganisators Judson Phillips fließen, ziehen Sponsoren ihre Teilnahme zurück. Auch die Nachricht, dass die Hauptrednerin Palin 100.000 Dollar Honorar kassieren soll, empört die Aktivisten. Und nicht jedem ist die Verquickung mit der Republikanischen Partei geheuer. Die Basis will sich nicht vereinnahmen lassen. Wer gegen "die in Washington" ist, muss außerhalb des Systems stehen. Diese Antitendenzen der Bewegung machen dem republikanischen Establishment Angst. Auch Palin windet sich. Sie preist die Unabhängigkeit ihres Ehemannes Todd, der bei keiner Partei registriert sei. Aber sie sagt auch: "Die Republikanische Partei wäre gut beraten, so große Teile wie möglich von der Tea-Party-Bewegung zu absorbieren."

Das sozialistische Deutschland

Mark Skoda, der Sprecher des Kongresses, glaubt fest daran, dass nur der Marsch durch die Institutionen zur Macht führt - und ein professionelles Image: "Wir sind kein Haufen von Irren, wir sind Menschen mit Talenten und Zielen", sagt er. Skoda verfügt über die Weltläufigkeit, die den meisten seiner Mitstreiter abgeht. Mit dem kragenlosen schwarzen Pulli unterm Anzug könnte er als lässiger Künstler durchgehen. Für die amerikanische Post hat er früher nach Übernahmezielen im Ausland gesucht, von 1985 bis 1988 in Deutschland gelebt und dabei die Sprache erlernt.

"Mein Deutsch ist etwas rostig", sagt er. "Aber ein Stück von meinem Herzen ist immer noch in Deutschland." Dabei steht Europa in seinen Kreisen so ziemlich für alles, was konservative Amerikaner nicht wollen sollen. "Stimmt es, dass Deutschland in letzter Zeit weniger sozialistisch geworden ist?", will eine Kongressteilnehmerin wissen. Skoda rollt die Augen: "Die Leute verstehen den Unterschied zwischen Sozialdemokratie und Sozialismus nicht."

Diese Leute aber sind das "echte Amerika", das sich kulturell von seinen Eliten weit entfernt fühlt. Sie gilt es nun fit zu machen für die Revolution. Kongresspräsident Phillips blickt von der Bühne hinab auf Holzfällerhemden, Baseballkappen und toupierte Frauenhaare und fragt: "Wer war vorher noch nie in seinem Leben politisch aktiv?" Fast alle Hände gehen hoch. Laut Umfragen sind viele von ihnen nicht einmal zur Wahl gegangen. Interesse für eine Kandidatur zeigen auch hier nur wenige. "Das reicht nicht", schimpft Phillips. "Wir brauchen mindestens 150!"

Bloß keine Hinterwäldler und Verschwörungstheoretiker

Karen Harrington ist eine Kandidatin nach dem Geschmack der Veranstalter: Die 46-Jährige will im 20. Distrikt von Florida der Demokratin Debbie Wasserman Schultz ihren Sitz im Repräsentantenhaus abjagen. Harrington ist Großmutter und Managerin von drei Restaurants. In der Rezession hat ihr Familienbetrieb zum ersten Mal in 35 Jahren Mitarbeiter entlassen. "In schweren Zeiten muss man sparsam haushalten", sagt sie nüchtern. "Und das sollte auch für den Staat gelten." Sie definiert sich als fiskalkonservativ im klassischen Sinn, mit sozialkonservativen Aufregerthemen von Homoehe über Abtreibung bis zum Recht auf Waffenbesitz hat sie nicht viel am Hut.

"Wir halten Abstand zu gesellschaftspolitischen Themen", lautet ihre Devise. "Sobald man damit anfängt, sät man Zwist." Die breiteste Schnittmenge konservativer Wähler erreiche die Bewegung, solange sie sich auf das Haushaltsdefizit und die hohen Steuern konzentriere. Hinterwäldler und Verschwörungstheoretiker können lokal erfolgreich sein - auf nationaler Ebene schaden sie dem Image.

Rationalität an ihren Grenzen

Aber im Tennessee Ballroom gerät die Rationalität schnell an ihre Grenzen, sobald das Publikum das Wort erhält. Und so kann Skoda nur verzweifelt ins Leere starren, als Miki Booth, Kongresskandidatin aus Oklahoma, das Mikrofon ergreift. Sie ist in Hawaii aufgewachsen, sie weiß, wie eine Geburtsurkunde aus dem Staat auszusehen hat. Nämlich so wie die Dokumente ihres Mannes und ihres Sohns, die sie über dem Kopf schwenkt wie Trophäen. Und nicht so wie die Farbkopie des grünen Zettels, den der US-Präsident als Beweis für seine Staatsbürgerschaft ausgibt und auf dem weder der Name des Krankenhauses noch die Adresse der Mutter vermerkt sind.

"Birthers", nennt man die Menschen, die bezweifeln, dass Obama Amerikaner ist. "Ich würde so etwas nicht gern zum Thema machen", sagt Skoda hinterher, das könne einen falschen Eindruck erwecken. Auf der Bühne versucht er, die Diskussion schnell in eine andere Richtung zu lenken.

Vergeblich - im Saal ist Unruhe ausgebrochen. Die ersten Teilnehmer bahnen sich den Weg zu Booth, tätscheln ihr den Arm und drücken ihr Spenden für den Wahlkampf in die Hand. In der Pause ist sie von Neugierigen umringt, die die Geburtsurkunden mit Digitalkameras abfotografieren. Booth verteilt Visitenkarten, auf denen sie mit einem Jagdgewehr zu sehen ist, und erzählt, dass sie erst kürzlich einen Kojoten erschossen habe, der ihre Hühner stehlen wollte. Ihre rechte Hand umklammert einen Batzen grüner 20-Dollar-Noten. "600 sind es schon", sagt sie stolz. Die Truppen haben sich in Marsch gesetzt - mit Schlachtordnung oder ohne.

FTD