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Werbetour in Washington: Die wunderbare Wandlung des Olaf Scholz zum grünen Olaf

Olaf Scholz ist auf Werbetour in den USA - und macht eine Wandlung durch. In Washington versucht sich der Bundesfinanzminister als Umweltpolitiker zu inszenieren.

Die vielen Wesen eines Finanzministers - in Washington kam der Öko-Olaf zum Vorschein.

Die vielen Wesen eines Finanzministers - in Washington kam der Öko-Olaf zum Vorschein.

Sieht hübsch aus das Haus. Hellbeige Gründerzeit-Fassade, davor ein Rosenbeet samt US-Fahne. Dem Gebäude in der 1777 F Street Northwest in Washington merkt man nicht an, dass es ein Machtzentrum der US-Politik beherbergt: das "Council on Foreign Relations". Knapp 2000 Chefs aus Konzernen, Banken oder Ministerien haben sich in dem Club zusammengefunden, frühere US-Präsidenten wie Jimmy Carter, George Bush (der ältere) oder Bill Clinton dort ihr Handwerk gelernt. Im "Council" wir vorgedacht, was US-Außenminister später ausführen. Wer hier redet, will einige, einflussreiche Jungs in den USA beeindrucken.

Olaf Scholz plant genau das. Der Finanzminister will zeigen, was die Deutschen alles veranstalten, um das Klima zu retten, und nebenbei will er beweisen, dass er der Beste ist. Was ja außer ihm nicht so viele Genossen glauben und ihn bei Wahlen regelmäßig abstrafen. Bei der letzten Stellvertreterwahl vor zwei Jahren erhielt er nur 59,2 Prozent. Scholz will aber nach dem Rücktritt von Andrea Nahles auch SPD-Chef werden, bei der anstehenden Abstimmung könnten hübsche Bilder aus Washington helfen.

Imagegewinn für Olaf Scholz

Als er im Rockefeller Peterson Raum auf der Bühne steht, hinter sich eine blaue Videowand, heftet er die Augen auf das Manuskript. Auf die knapp 30 Zuhörer vor ihm achtet er kaum, obwohl er da nicht nur ältere Herren in Anzügen sitzen, sondern auch viele Frauen. Der Scholz-Faktor wirkt geschlechterübergreifend.

Über "Fridays for Future" redet er, über die Klimaleugner, über 150 Milliarden Euro, die in Deutschland bis 2030 in den Klimaschutz fließen sollen, über die kohlenstoffarme Wirtschaft, die gute Geschäfte verspricht, und die sich ein Land der "Dealmaker", wie es die USA seien, nicht entgehen lassen sollte. Sogar Donald Trump kritisiert er, als er sagt, dass die Welt nicht den Realitätsverweigerern gehört, sondern denen "die handeln."

Dass Scholz in Washington den Klimaschützer gibt, wirkt bizarr. Normalerweise redet ein Finanzminister in diesen Tagen dort über Währungen und Wirtschaftskrise, weil der Internationale Währungsfonds, die globale Finanzfeuerwehr, hunderte Finanzminister und Notenbanker zur Herbsttagung gelockt hat. Doch die Finanzwelt ändert sich. Die ehemalige IWF-Chefin Christine Lagarde wechselt zur Europäischen Zentralbank (EZB), ihre Nachfolgerin beim IWF, Kristalina Georgiewa, kommt von der Weltbank, wo sie als Umweltökonomin schon länger gesehen hat, was die Erderwärmung in den Entwicklungsländern anrichtet. Nun soll sich der IWF auch stärker ums Klima kümmern. Ein Fachmann, der viele IWF-Treffen besucht hat, sagt: "Greta Thunberg hat nicht nur die UN erobert, sondern heimlich auch die Finanzwelt". Warum also beim Öko-Trend nicht mitspielen, sagt sich Scholz. Ein "grüner Olaf" verkauft sich gut.

Kein Klassenbester mehr 

Scholz hat noch einen weiteren Grund. Er kann sich besser verteidigen. Die Deutschen gelten nicht mehr als wirtschaftlicher Musterknabe, sondern als Sorgenkind. Jedenfalls für den IWF. In kaum einem anderen Land in Europa wächst die Wirtschaft in diesem Jahr so schwach wie Deutschland, und in fast keinem Land sind die Einkommens- und Vermögensunterschiede so groß wie bei uns, hat der IWF kürzlich ermittelt "Tut was", sagen deren Experten seit Jahren. Doch diesmal antwortet Scholz nicht nur: Wir tun ja was. Er sagt auch: Wir retten dabei das Klima.

Der Frankfurter Kabarettist Matthias Beltz hat mal gesagt: "In jedem von uns steckt ein Mensch, man muss ihn nur rauslassen." Bei Olaf Scholz hat man das Gefühl, es stecken ganz viele Menschen darin. Neben dem "grünen Olaf" gibt es den "sozialen Olaf", der 12 Euro Mindestlohn fordert und neuerdings sogar die Vermögensteuer mag, den "Schwarze-Null-Olaf", der keine Schulden machen will, den "Emo-Olaf", der sagt: "Das Wichtigste im Leben ist die Liebe" und sogar, man glaubt es nicht, den witzigen Olaf. Leider erlebt man diese Variante nur zu fortgeschrittener Stunde in Hintergrundgesprächen. Dann ziehen sich die Augen zu Schlitzen zusammen und er wird ironisch.

Ob Scholz manchmal nachts wach liegt und sich fragt: "Wer bin ich und wenn ja wie viele?"

"Auch nicht schlecht"

Er hat seine Rede beendet. Er sitzt auf der Bühne neben einem stämmigen Moderator, der einen großen Zettel mit Fragen abarbeitet. Es geht viel um den Handelskrieg, den Euro und Facebook, weniger ums Klima. Dann sollen die Zuschauer fragen. Eine Frau mit kurzen Haaren und silbrigen Ohrringen, die bei einer Öko-Denkfabrik arbeitet, steht auf. Wer für den Klimaschutz kämpft, muss der sich nicht auch um Gesundheitsversorgung und Migration kümmern, will sie wissen. Scholz sagt, dass beim Klimaschutz nicht jeder Politiker für sich werkeln sollte, sondern sich als Team verstehen müsse. Noch wichtiger sei aber etwas anderes: "Wir müssen mit dem Reden aufhören und dem Handeln anfangen."

Später erzählt die Frau, dass sie schon oft deutsche Minister hier erlebt hätte. "Ich mochte den Schäuble", sagt sie. "Aber der Nachfolger, den ihr jetzt habt, ist auch nicht schlecht." Einen Fan in Washington hat der grüne Olaf schon mal gefunden.