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Pakistanischer Geheimdienst: Doppeltes Spiel mit den USA

16 Menschen starben bei dem Anschlag auf einen US-Konvoi am Freitag in Kabul, die Taliban übernahmen die Verantwortung. Aber offenbar operieren die Taliban nicht alleine - sondern mit Schützenhilfe aus Pakistan, offiziell ein Verbündeter der USA.

Von Christoph Reuter

Nach dem verheerenden Selbstmordanschlag vom Freitag dürften sich die US-Geheimdienstler in Afghanistans Hauptstadt Kabul einmal mehr fragen, wer eigentlich ihre Feinde und wer ihre Freunde sind. Zwar bekannten sich sofort die Taliban zu dem Attentat – doch US-Armee und CIA vermuten, dass die Taliban einen mächtigen Verbündeten haben, der für steten Nachschub an Geld, Waffen und Kämpfern sorgt. Diesen Verdacht äußern die Amerikaner nicht öffentlich, sondern in geheimen Lageberichten: Pakistan, ihr offizieller Verbündeter, könnte gleichzeitig gegen sie operieren.

Offiziell hatte Pakistans Militärmachthaber Pervez Musharraf bei seinem beim Kurz-Staatsbesuch in Kabul dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai versichert, er wolle gemeinsam mit ihm gegen die Taliban und die Al Kaida vorgehen. Gleichzeitig aber mehren sich die Indizien, dass Pakistans Geheimdienst die Taliban unterstützt. Demnach sollen die Taliban ihr Hauptquartier im pakistanischen Quetta unterhalten und von dort aus pakistanische und arabische Kämpfer sowie Selbstmordattentäter nach Afghanistan schleusen – alles mit Unterstützung des pakistanischen "Inter Services Intelligence", ISI.

Sprengung der US-Botschaft geplant?

Im April 2006 kam ans Licht, dass sogar die US-Botschaft in Kabul schon im Fadenkreuz des ISI gewesen sein könnte. Das berichtete damals ein Reporter der Los Angeles Times, der auf dem Bazar vor der US-Basis in Bagram gestohlene USB-Memory Sticks mit US-Geheimdienstinformationen gekauft hatte. In einem Report, der auf den Sticks gespeichert war, geht es um einen afghanischen Informanten. Dieser gab an, er sei von einem Vertreter der pakistanischen Botschaft in Kabul angesprochen worden, ob er für den ISI spionieren wolle. Ein hochrangiger ISI-Vertreter sei auf der Suche nach Helfern gewesen, die bei der geplanten Sprengung der US-Botschaft dienlich sein könnten. Der ISI-Mann soll gesagt haben, dass er 100.000 US-Dollar zahlen würde, sobald die Botschaft zerstört sei. Der US-Auswerter schrieb ans Ende des Reports, dass diese Aussage übertrieben oder erfunden sein könne, "aber mein Instinkt sagt mir das Gegenteil".

Der Feind ist der Freund des Freundes

Zwar haben Pakistans Polizei und Geheimdienste in den vergangenen Jahren mehrere hochrangige Al-Kaida-Führer in Pakistan verhaftet, jedoch keinen Taliban-Kommandeur. Ein exzellenter Kenner des ISI sagte stern.de, der Hintergrund dieses scheinbar widersprüchlich Verhaltens sei Pakistans chronische Furcht vor seinem langjährigen Feind und mehrmaligen Kriegsgegner Indien: Da Indiens Regierung Karzai in Afghanistan unterstütze, sei er damit automatisch zum Gegner geworden. Pakistans Militär- und Geheimdienstführung spiele ein Doppelspiel: Offiziell sei sie mit der USA (und Afghanistan) im Kampf gegen den Terror. Tatsächlich würden sie Al-Kaida-Terroristen verfolgen, insbesondere nachdem den zwei gescheiterten Attentaten der Organisation auf Präsident Musharraf. Die Taliban aber würden, wie schon in den neunziger Jahren, als verlängerter Arm pakistanischer Interessen in Afghanistan gesehen und unterstützt.

Pakistans Regierung hat diese Unterstützung stets vehement dementiert. Dass sie existiert, bestätigten stern.de sowohl US-Soldaten an der Grenze zu Pakistan wie auch afghanische Milizführer und sogar Vertreter der Taliban selbst. In einem Interview mit der New York Times äußerte sich nach dem Anschlag am Freitag ein Experte der Rand-Corporation, eines großen US-think-tank, dass der ISI auf vielfältige Weise die Taliban unterstütze: "Sie kümmern sich um die medizinische Versorgung nach Pakistan zurückkehrender Kämpfer", so Seth G. Jones, "sie unterhalten Trainingslager in Pakistan, versorgen die Taliban mit Informationen über geplante Militäraktionen der Koalitionsstreitkräfte in Afghanistan und kümmern sich sogar um Sicherheit und Unterkunft des [seit 2001 abgetauchten] Taliban-Führers Mullah Omar."