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Panamericana: Singen für Kuba

Man hat Raúl Castro schon immer eine Affinität zu China nachgesagt. Beim Treffen mit Präsident Hu Jintao hat er sogar chinesisch gesungen. Doch beim Treffen in Havanna ging es nicht um Ideologie, sondern ums Geschäft. Raúl ist da genauso pragmatisch wie sein Bruder Fidel: Alles, was Kuba nützt, ist gut.

Von Toni Keppeler

Wer Raúl Castro für einen staubtrockenen Bürokraten und quadratischen Kommisskopf hielt, ist spätestens seit dieser Woche eines Besseren belehrt. Der Mann hat durchaus Showmaster-Qualitäten. Beim Besuch des chinesischen Präsidenten Hu Jintao machten der kubanische Staatschef und sein Gast einen Abstecher ins Schulzentrum in Tarará im Osten von Havanna. Dort lernen 2000 chinesische Studenten spanisch, um danach auf der karibischen Insel zu studieren. Sie begrüßten ihren Präsidenten mit einem kubanischen Lied, gesungen im spanischen Original. Danach trat Raúl Castro ans Mikrofon - und sang zum Dank ein chinesisches Loblied auf Mao Zedong, das man ihm vor über 50 Jahren beigebracht hatte. So etwas hätte nicht einmal sein großer Bruder Fidel hinbekommen. Der konnte zwar durchaus den Alleinunterhalter spielen, aber eben nur als begnadeter Redner. Singen, das war nie seine Sache.

Man hat Raúl Castro schon immer eine Affinität zu den Chinesen nachgesagt. Als ihm vor gut zwei Jahren von seinem kranken Bruder die Macht übertragen wurde, hat man prophezeit, er werde dem Modell aus Peking nacheifern: Wirtschaftlich ein wilder Kapitalismus, aber kontrolliert von einer allmächtigen Kommunistischen Partei. Die ersten Ankündigungen des neuen Staatschefs schienen in diese Richtung zu weisen. Kein Sterblicher könne den übergroßen Bruder beerben, sagte er in seinen für fidelistische Verhältnisse viel zu kurzen Reden. Nur die Kommunistische Partei könne den Platz des charismatischen Führers einnehmen. Entsprechend hielt sich Raúl mit öffentlichen Auftritten zurück. Er wollte nichts weiter sein als ein Funktionär, der im Kollektiv der Partei die Rolle des Staatsratsvorsitzenden übernommen hat. Ganz wie die chinesischen Apparatschiks.

Erste vorsichtige Reformen

Auch die ersten von Raúl verkündeten Wirtschaftsreformen sahen ein bisschen danach aus, als seien sie vom Peking-Kapitalismus abgekupfert. Computer, Handys oder Hotels waren unter Fidel für Kubaner tabu. Seit Raúl sind sie für jeden frei zugänglich, der es sich leisten kann. Landwirte müssen nicht mehr auf die Zuteilung von Saatgut und Geräten warten, sondern dürfen selbst entscheiden, wann sie was einkaufen. Ja, die Regierung will sogar Land an Bauern verteilen und ihnen dafür lebenslängliches Nutzungsrecht garantieren. Verkaufen freilich dürfen sie es nicht. So weit soll die Marktöffnung dann doch nicht gehen.

Seit in den vergangenen Wochen drei Hurrikans über die Insel zogen und Schäden in Höhe von zehn Milliarden Dollar hinterlassen haben, redet niemand mehr von Reformen. Es wird zentral geplant und verteilt. Das hat sich bei den katastrophalen Situationen in Kuba schon immer bewährt. Aber ob mit oder ohne Hurrikan-Katastrophe: Beim Besuch von Hu Jintao sollte es nie um Ideologie gehen oder gar darum, dass Kuba von China etwas lernen könne. Ideologisch nämlich können die beiden Länder eigentlich gar nicht miteinander. Seit den sechziger Jahren ist die kommunistische Bruder-Beziehung zwischen den beiden Staaten getrübt. Damals schlug sich Fidel Castro in einem Grenzkonflikt zwischen China und der Sowjetunion auf die Seite Moskaus und schimpfte, in Peking habe man "Marxismus-Leninismus mit Faschismus verwechselt". Schlimmeres kann man einem kommunistischen Bruder kaum sagen.

Geschäfte ja, Ideologie nein

Aber Geschäfte machen kann man trotzdem. China ist nach Venezuela der zweitwichtigste Handelspartner Kubas. So ging es auch beim Staatsbesuch von Hu um kubanischen Nickel und Zucker für China und um chinesische Dachplatten und Lebensmittel für Kuba. Die Kubaner bekamen einen Kredit für die Modernisierung ihrer Krankenhäuser und versprachen im Gegenzug, zu den zwei schon existierenden kubanischen Augenkliniken in China noch eine dritte aufzubauen. Die Kubaner haben das Know How, die Chinesen das Geld. Das kann sich prima ergänzen.

Die Chinesen suchen derzeit ohnehin überall auf der Welt nach Rohstoffen und Märkten für ihre etwas in Verruf geratenen Waren. In Kuba können sie immerhin sicher sein, dass sie nicht auf erbitterte Konkurrenz aus den USA stoßen. Für Kuba wiederum ist China ein zuverlässiger Handelspartner. Das Riesenreich im Osten gehört zu den wenigen Ländern, die sich nicht vom Erzfeind in Washington erpressen lassen, wenn der wieder einmal das Castro-Regime in die Knie zwingen will. Es geht ganz pragmatisch zu zwischen den beiden kommunistischen Staaten.

Traum von der Unabhängigkeit

Selbst der kranke Fidel Castro hat das böse Wort vom Faschismus vergessen und den chinesischen Präsidenten empfangen. Es wurden sogar Bilder des Treffens veröffentlicht, obwohl die für den noch immer amtierenden Chef der Kommunistischen Partei Kubas gar nicht schmeichelhaft sind. Wie gewohnt trägt er den blauroten Trainingsanzug, der seit seiner Krankheit den olivgrünen Drillich ersetzt. Er ist bis auf die Knochen abgemagert, die Augen liegen in tiefen Höhlen. Er ist vom Tod gezeichnet. Aber er denkt noch immer an sein Kuba-Projekt: An ein Kuba, das unabhängig ist. Unabhängig von den Unwägbarkeiten der kapitalistischen Finanzmärkte. Und ganz sicher unabhängig von den USA. Wenn es diesem Ziel förderlich ist, dass er den chinesischen Präsidenten trifft, dann tut er das, obwohl er dem Sensenmann schon auf der Schippe sitzt. Nur gesungen hat er bei diesem Treffen ganz sicher nicht.