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US-Wahl 2020 Warum das TV-Duell der Vize-Kandidaten diesmal eine besondere Bedeutung hat

Sehen Sie im Video: Kamala Harris und Mike Pence – das müssen Sie über die Vize-Kandidaten wissen.


Videoquelle: n-tv.de
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Das TV-Duell der Vize-Kandidaten läuft im US-Wahlkampf normalerweise unter der Rubrik "Nice to have". Doch angesichts eines Covid-19-kranken Präsidenten und eines sehr betagten Herausforderers könnten beide überraschend schnell im Oval Office sitzen.

Auch das ist anders als in anderen Wahljahren: das TV-Duell der Vize-Präsidentschaftskandidaten in der Nacht zum Donnerstag (3 Uhr unserer Zeit). Was üblicherweise kaum mehr ist als eine Art Präsentation derer, die man so mitwählt, hat in diesem Jahr eine deutlich größere Bedeutung. Es geht ums Durchhaltevermögen. Wie ist es darum bestellt bei Joe Biden, 77? Und bei Donald Trump, 74, der an Covid-19 erkrankt ist? Zumal das Coronavirus auch bei leichterem Verlauf lang anhaltende Spätfolgen haben kann.

Ist das Duell von Trump-Vize Mike Pence, 61, und Biden-"Running Mate" Kamala Harris, 55, in der Universität von Salt Lake City also in Wahrheit eine Debatte zweier möglicher künftiger Präsidenten? Zumindest vor der Nominierung von Harris wurde klar die Anforderung an Joe Bidens Vize-Kandidatin gestellt, dass sie jederzeit das Oval Office übernehmen können müsse. Denn Biden wirkt bisweilen so fahrig und tattrig, dass sich auch Demokraten fragen, ob er eine komplette Wahlperiode durchhalten kann, geschweige denn eine weitere Amtszeit. Für 2024 ist Kamala Harris also ohnehin schon in Stellung gebracht. Und Mike Pence? Auch er ist deutlich jünger als der 74-jährige Donald Trump. Auch er steht nun an der Seite eines älteren Mannes mit Vorerkrankung. Auch er muss bereit sein, für einen betagten Präsidenten, der in Pandemie-Zeiten amtiert, zu übernehmen.

Übernahme des Oval Office wird Debatten-Thema

Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass die "Running Mates" die Regierungsgeschäfte von einem Tag auf den anderen übernehmen müssen. Daher wird Moderatorin Susan Page, Chefin des Washingtoner Büros der Tageszeitung "USA Today", während des Duells kaum um Fragen zu diesem Thema herumkommen. Jedenfalls erwarten das politische Beobachter in Washington. Dies auch, weil es ein gangbarer Weg sei, über das unangenehme Thema der Gesundheit und des Alters der beiden Präsidentschaftskandidaten zu sprechen.

Daneben wird voraussichtlich noch etwas völlig anders sein in diesem Vize-Duell. In normalen Wahljahren sind die Vize-Kandidaten für die heiklen Themen zuständig und für die Angriffe unter der Gürtellinie. Dies soll dem jeweiligen Chef-Kandidaten in der Regel die Möglichkeit geben, präsidial zu bleiben, ohne dass das Team auf rüde Attacken verzichten muss. Spätestens seit der TV-Debatte in der vergangenen Woche aber dürfte jedem klar sein, dass diese Rolle diesmal bei den Präsidentschaftskandidaten selbst liegt. Rüder als die Beschimpfungsorgie zwischen Trump und Biden kann das Vize-Duell kaum werden. Und darf es auch nicht. Die Hoffnung: Pence und Harris liefern sich jene politisch-inhaltliche Debatte, zu der ihre Chefs offensichtlich nicht in der Lage sind.

Kamala Harris ist die klare Favoritin

Kamala Harris gilt als Favoritin; der Punkt ist bei den Demokraten schon auf der Habenseite verbucht. Doch eines hat der oft als dröge bezeichnete Evangelikale Pence der zupackenden Senatorin von Kalifornien entgegenzusetzen: seine ruhige und beständige Art, mit der er Angriffe durchaus an sich abprallen lassen kann. Sein sachlich-kontrolliertes Auftreten dürfte im Vergleich zu Trumps Verhalten geradezu eine Erholung sein. Doch Pence fehlt es an eigener Aura, er gilt als bedingungsloser Trumpianer und Ja-Sager - eben als bestmöglicher Vize eines besonders herrsch- und machtsüchtigen Präsidenten wie es Trump ist. Dass er auch ein Leader sein kann und will, ist nicht zu erkennen. In einer Situation, in der es aber darauf ankommen kann, jederzeit das Ruder zu übernehmen, ist das eine wohl entscheidende Schwäche.

Denn Kamala Harris ist nicht nur als gewiefte Debattiererin im Trump-Lager gefürchtet, sie vermittelt auch jederzeit den Eindruck, dass sie nur allzu bereit ist, das Ruder selbst zu übernehmen. Mehr noch: Anders als Pence soll sie geradezu vorbereitet sein; es gehört zum Konzept der demokratischen Kampagne sie nicht nur als Vize, sondern auch als Backup für Joe Biden zu positionieren. Dass sie Pence rhetorisch an die Wand drängen kann, bezweifelt niemand mehr, seit die Nation gesehen hat, wie sie den heutigen Supreme-Court-Richter Brett Kavanaugh in den Senat-Anhörungen gegrillt hat. Hier liegt aber auch der Punkt, in dem sie aufpassen muss. In Abgrenzung zu Trump sollte sie Empathie, Fairness und den Willen zur Einigung zeigen. In der Lage dazu ist Kamala Harris. Die Vorbehalte all' derer, die keine Frau, und schon gar keine Woman of Colour, im Weißen Haus haben wollen, wird sie dennoch wohl kaum überwinden können.

Mit Bedeutung aufgeladen ist das Duell der Vize-Kandidaten also reichlich. Ob zurecht, oder ob das alles übertrieben ist, hängt nicht zuletzt am Gesundheitszustand der beiden älteren Herren, die am 3. November das wohl mächtigste Amt der Welt übernehmen sollen.

Quellen: "Brookings"; NBC; "The Hill"; "New York Times"; Nachrichtenagentur DPA


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