Pocken Sieg über die Seuche


1967 beschließt die WHO, dem Pockenvirus den Garaus zu machen und verpflichtet die gesamte Welt dazu, sich impfen zu lassen. Mit den Terrorwarnungen kehrte die Angst vor dem Virus zurück. Eine Angst, die fast so alt ist wie die Menschheit.

Als US-Präsident George W. Bush sich am 13. Dezember 2002 vor laufenden Fernsehkameras impfen lässt, beschwört er die Erinnerung an ein Gespenst herauf, das seit über 20 Jahren von der Erdoberfläche verschwunden ist: das Pockenvirus. 13 Jahre lang hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zuvor den Erreger rund um den Erdball gejagt, bis zu seiner offiziellen Todeserklärung am 8. Mai 1980. Für Forschungszwecke wurde ein Restbestand in der Eiseskälte von flüssigem Stickstoff konserviert und an zwei Orten verwahrt. In Atlanta im US-Bundesstaat Georgia und im russischen Koltsowo bei Nowosibirsk.

Die Impfung von US-Streitkräften,

an der sich Bush beteiligte, war die erste staatlich verordnete Massenimmunisierung seit 1980. Denn mit den Terrorwarnungen kehrte die Angst vor dem Virus zurück. Eine Angst, fast so alt wie die Menschheit. Erste Berichte von Epidemien datieren aus der Zeit um 1000 vor Christus, da grassieren die Pocken in China und auf der arabischen Halbinsel. Im Verlauf der Geschichte werden Ramses V. von Ägypten und Mary II. von England ihre Opfer, ebenso Joseph I. von Österreich, Luis I. von Spanien, Zar Peter II. von Russland und Ludwig XV. von Frankreich. Um 1520 gelangen die Pocken auf Schiffen der Spanier in die Neue Welt und töten mehr Indianer als die Waffen der Eroberer. Im 18. Jahrhundert sind Pocken tödlicher als die Pest. Noch in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts werden jährlich zwei Millionen Menschen von dem Virus dahingerafft. 1967 beschließt die WHO, dem Gespenst den Garaus zu machen und verpflichtet die gesamte Welt dazu, sich impfen zu lassen.

Die Methode der Impfung

hat der englische Arzt Edward Jenner am 14. Mai 1796 entdeckt. Er schabt etwas Wundsekret von der Hand der Kuhmagd Sarah Nelmes, die sich beim Melken mit den zwar unangenehmen, aber nicht tödlichen Kuhpocken infiziert hatte. Mit dem Stoff impft er den kleinen Jungen James Phipps. Sechs Wochen später dann die Probe. Jenner injiziert Phipps das tödliche Menschenpockenvirus. Der Junge bleibt gesund, er ist gegen die Krankheit immun geworden. 1977, knapp zwei Jahrhunderte nach Jenner und zehn Jahre nach dem Start der WHO-Aktion, stirbt in Somalia zum letzten Mal ein Mensch an dem Virus.

Noch älter als die Impfung ist der Einsatz von Pocken als biologische Waffe. 1763 belagern Indianer das britische Fort Detroit. Bei vorgetäuschten Friedensverhandlungen überreicht der befehlshabende Oberst Henry Bouquet den indianischen Unterhändlern ein tödliches Geschenk: Decken, in die man zuvor Pockenkranke gewickelt hatte. Unter den Indianern bricht eine Epidemie aus, Tausende verlieren ihr Leben.

Grund zu neuer Besorgnis

gibt es seit 1992. Da lief der stellvertretende Leiter des sowjetischen Pharmazieprogramms in die USA über und berichtete von Experimenten mit dem Virus. Große Mengen der Erreger wurden dazu herangezüchtet. Ihr Verbleib ist weder den Russen noch internationalen Kontrollkommissionen bekannt.

Und doch ist das Virus wohl zu zähmen. Bei ausreichender Versorgung mit Impfstoffen kann ein Ausbruch relativ sicher gestoppt werden. Ein Frühwarnsystem, genügend Impfstoffreserven und ausgebildetes Impfpersonal gelten als bester Schutz. Bei einer vorbeugenden Impfung, wie Bush sie vorexerzierte, scheint die Gefahr von Nebenwirkungen vielen Medizinern hoch. Der US-Präsident hat offenbar Glück gehabt.

Angelika Franz print

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